Wie Wien es will
Was verbindet man mit Sex in Wien? Historisch gesehen die Mutzenbacher, den Prater, das Moulin Rouge. Das Wien Museum zeigt in seiner Ausstellung „Sex in Wien“, dass in den Betten und hinter den Büschen mehr los war und ist, als man gemeinhin annehmen würde.
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Sowohl die Ausstellung als auch der umfangreiche Katalog spannen einen weiten Bogen. Gefolgt wird dabei der Choreografie eines Stelldicheins: das Anbandeln, das Vorspiel, der Akt, das Nachspiel, die Folgen. Schlaglichtartig sind in diesen Kapiteln historische und zeithistorische Beobachtungen und Recherchen versammelt. Um die Missionarsstellung im ehelichen Bett geht es dabei weniger - eher um die Nischen außerhalb der heteronormativen Welt.

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Der Fächercode: Je nachdem, wie sie ihn hielten und bewegten, konnten Frauen ihr Interesse an einem Mann bekunden
Aber was heißt das eigentlich? Ist es wirklich so, wie der selbst ernannte Volks-Rock-’n’-Roller Andreas Gabalier voriges Jahr bei der Verleihung der Amadeus-Awards sagte? „Man hat es nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl noch auf Weiberl steht.“ Kritisiert wird ja von genderbewussten Menschen nicht die Heterosexualität - sondern die sozial und gesellschaftlich gewünschte und vorangetriebene Diskriminierung von allen, die nicht monogam heterosexuell sind; kritisiert wird also die Heteronormativität.
Verschämte Blicke
Matti Bunzl, seit einem Jahr Direktor des Wien Museums, kann ein Lied davon singen. Er outete sich in den 80er Jahren als schwul und ging danach in die USA, um als Ethnologe auf universitärer Ebene Gay-Lesbian-Studies zu betreiben. Österreich war auf diesem Gebiet damals noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Das hat sich längst geändert: Die Ausstellung über Sex in Wien ist in Sachen theoretischer Überbau fest verankert.

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Schummrige Ecken: Pornovideotheken, Sexkinos, Peepshows, Solokabinen, ein Glory-Hole
Unter diesem Überbau geht es also mit dem „Aufreißen“ los. Eine Dame von Anstand hatte es im 18. und 19. Jahrhundert schwer. Sie sollte im öffentlichen Raum tunlichst Richtung Boden schauen. Verschämte Blicke waren nur unter einem Vorwand möglich - etwa beim Richten des Rocksaums oder beim Fächern, wobei sie immerhin durch die Art des Fächerns Signale aussenden konnten. Eine Beziehung war aber ohnehin nur möglich, wenn man dem Angebeteten offiziell vorgestellt und von ihm gefreit wurde.
Ausstellungshinweis
Die Ausstellung „Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam.“ ist im Wien Museum am Karlsplatz von Donnerstag bis 22. Jänner zu sehen. Dienstag bis Sonntag und Feiertag jeweils 10.00 bis 18.00 Uhr.
Sprengt die Ketten
Aber je enger die Ketten, desto heftiger der Ausbruch: Die Sexualität findet in allen erdenklichen Spielarten ihren Weg, komme, was wolle - das ist wohl die zentrale Erkenntnis dieser Ausstellung. Männer gingen zu Prostituierten in den Prater oder in die zahlreichen Bordelle, etwa auf dem Spittelberg. Frauen hatten ihre Techtelmechtel - freilich mit größtmöglicher Diskretion. Und als schwule Aufreißzone galten die öffentlichen Bäder, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann die öffentlichen Toiletten. In den Parks wurde und wird es hinter den Büschen ohnehin in allen erdenklichen Varianten getrieben.
In der Ausstellung ist all das durch zahlreiche Fotos, historische Zeitungsausschnitte, Zeichnungen und Objekte belegt. Prüderie und Regulation auf der einen Seite - bis hin zu metallenen Apparaturen zum Verhindern der Masturbation bei Jugendlichen beiderlei Geschlechts. Auf der anderen Seite Orgien und generelle Lockerheit in sexuellen Dingen.
„Rund um die Uhr unten ohne“
Künstler thematisierten die Doppelmoral gerne. Valie Export in den 60er Jahren unten ohne und mit Maschinengewehr in der Fotoserie „Genitalpanik“, mit ihrer Aktion „Tapp- und Tastkino“, bei der sie in der Öffentlichkeit ihre Brüste berühren ließ, ihren Domina-Auftritten mit Peter Weibel als Sklaven.
Ausgestellt ist auch der Text des Songs „Sex in der Stadt“ von Weibels Hotel Morphila Orchester, der nur aus Kontaktanzeigen besteht: „Lola, streng, Kammer“, „zwei vollbusige Straps-Girls“, „öffne nackt“, „geiles Ohne-Service, auch französisch“, „tiefe Kehle“, „Hausbesuche“, „rund um die Uhr unten ohne“. Die „Kronen Zeitung“ war mit ihrer moralischen Entrüstung über Künstler-Saubartln schnell, verdiente aber gutes Geld mit solchen Annoncen.
Literaturhinweise
Andreas Brunner, Frauke Kreutler, Michaela Lindinger, Gerhard Milchram, Martina Nußbaumer, Hannes Sulzenbacher (Hg.): Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam. Ausstellungskatalog Wien Museum. Metroverlag, 457 Seiten, 29 Euro.
Michaela Lindinger: Die Hauptstadt des Sex. Geschichte und Geschichten aus Wien. Amalthea Verlag, 224 Seiten, 22 Euro.
„Herr (in des Wortes wahrstem Sinn)“
Eindeutige Anzeigen gab es auch schon viel früher. Besonders empfohlen sei an dieser Stelle der Katalog, der nicht nur Hunderte Abbildungen aus der Ausstellung zeigt, sondern auch in 50 Aufsätzen Einblicke in längst vergessene bzw. tabuisierte Welten gewährt. So findet man dort eindeutig zweideutige Kontaktanzeigen. Von 1935 etwa: „Hübsche junge Dame, elegant und sehr anpassungsfähig, sucht anregende Korr. mit Herrn (in des Wortes wahrstem Sinn.“ Dahinter stand jedoch ein Mann, der sich sadomasochistische Fantasien anderer Männer schicken ließ, ohne die Kontakte dann weiter zu verfolgen. Die Abkürzung „Korr.“ für Korrespondenz stand übrigens als Chiffre für erwünschte Sexualkontakte.

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Plakat „Centralbad“, 1904 von Hermann Grom-Rottmayer. Das Bad war als Schwulentreff bekannt und wird seit den 1980er Jahren als schwule Sauna Kaiserbründl geführt.
„Wir durchträumten eine schöne Nacht“
Das Highlight des Katalogs sind jedoch die Bekenntnisse des deutschen Juristen Karl Heinrich Ulrichs. Er kämpfte früh für die Rechte Homosexueller und beschrieb seine eigenen Erfahrungen. Als junger Mann hatte er sich gemeinsam mit Freunden als Frau verkleidet auf Bälle geschlichen - das Flirten und Angehimmelt-Werden war normalerweise der meistgenossene Höhepunkt des Abends. Gleich beim ersten Mal, man schrieb das Jahr 1868, insistierten aber ein paar Herren so sehr, dass Ulrich und ein Freund nicht auskamen und trotz Panik mit aufs Hotelzimmer gingen.
Dort angekommen gestanden sie unter Tränen und auf Knien verzweifelt, dass sie Männer waren - immerhin drohte ihnen dafür Schmach und Kerker. Die Reaktion: „Betroffen sahen sie einander an. Endlich erklärten sie rundweg: es sei ihnen jetzt ganz einerlei, wir müßten bleiben! - und - wir durchträumten eine schöne Nacht - und kamen Morgens mit zerrissenen Kleidern nach Haus, wo natürlich eine wahre Scene unser harrte.“ Ulrichs schließt aus diesem Erlebnis wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht, dass Homosexualität für viele Männer weit weniger Tabu war, als die Gesetzeslage und die veröffentlichte Meinung vermuten ließen.

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Über 500 Objekte, Zeitungsartikel, Fotos und Bilder zum Thema Nummer eins
Der Schleier von Schwester Beatrix
Kurz gestreift werden freilich auch zentrale Themen wie Verhütung, der Aufbruchsgeist der 60er Jahre, das Los von Sexarbeiterinnen und schließlich eine illustrierte Grafik darüber, welche Stellungen im Bett Frauen und Männer in Österreich präferieren. Da geht es dann doch noch um die Missionarsstellung.
Apropos: Auch die katholische Kirche beschäftigt sich mit der Ausstellung „Sex in Wien“. In einer Aussendung der Agentur Kathpress heißt es: „Abseits der medial viel beachteten Ausstellung ‚Sex in Wien‘, die ab Donnerstag im Wien Museum zu sehen ist, hat das Museum aktuell noch viel mehr zu bieten. So ist etwa der Schleier von Sr. Beatrix Mayrhofer, Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, derzeit ausgestellt.“ Wenn man schon dort ist, kann man sich ja beides anschauen, zuerst die Dildos in der Sexausstellung und dann den Schleier von Schwester Beatrix.
Simon Hadler, ORF.at
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