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„Wegbereiter für Kopftuchverbot“

In Frankreich und Belgien ist die Burka schon verboten, in den Niederlanden in bestimmten öffentlichen Gebäuden, und Österreich arbeitet an einer neuen Gesetzgebung. Ein Verbot der Vollverschleierung ist für Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) „Teil der Überlegungen“. Die SPÖ ist uneinig. Gläubige Musliminnen, die eine Kopfbedeckung tragen, zeigen sich über die Debatte verwundert und verärgert.

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Politiker sprechen von der Verschleierung als einem „Symbol der Unfreiheit“. Feministinnen sehen die Gesichtsverschleierung genauso wie das Kopftuch als frauenfeindlich. Die Kopftuch tragenden Musliminnen kommen dabei kaum zu Wort. „Wenn es um die muslimische Frau geht, wird sehr viel über sie gesprochen, aber wenig mit ihr“, kritisiert Amani Abuzahra gegenüber ORF.at.

Die gläubige Muslimin trägt aus religiösen Gründen selbst ein Kopftuch und ist Dozentin an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule. Es gehe in der Argumentation in der Debatte meist um die Hilfe zur Selbstbefreiung. Mit der muslimischen Frau werde darüber aber nicht gesprochen.

Debatte „befremdlich“

Die Burkaverbotsdebatte in Österreich findet sie „befremdlich“: „Ich würde es verstehen, wenn ein hoher Prozentsatz von Musliminnen in Österreich das Gesicht verhüllt. Aber es handelt sich nur um 100 bis 150 Frauen“, zitiert Abuzahra Schätzungen der Regierung. In der Wiener Innenstadt und in Zell am See etwa seien vor allem reiche arabische Touristinnen verschleiert.

Bei der Minderheit in Österreich lebender vollverschleierter Frauen ortet die konvertierte Muslimin Katrin Brezansky-Günes (34) im ORF.at-Gespräch allerdings in vielen Fällen „Zeichen für Radikalisierung“: „Die Debatte liefert dieser Gruppe noch mehr Zündstoff.“ Ein Verbot von Burka und Nikab (Gesichtsschleier) würde das Problem ihrer Meinung nach daher nicht lösen.

Arabische Touristinnen mit Kopftuch in Zell am See

APA/Johannes Bruckenberger

Der Gesichtsschleier Nikab ist in Österreich vor allem bei reichen arabischen Touristinnen zu sehen wie hier in Zell am See in Salzburg

Die 24-jährige Muslimin Ines Mahmoud, die sich beim Netzwerk Muslimische Zivilgesellschaft engagiert, sieht in der Debatte sogar einen möglichen „Wegbereiter für ein Kopftuchverbot“. Für sie geht es nicht um eine „Befreiung der Frau“, sondern vielmehr um eine „Ablenkung von bestehenden sozialen und ökonomischen Problemen“. Auch Abuzahra hält die Diskussion für widersprüchlich: „Ich habe das Gefühl, es ist eine Scheindebatte.“ Abuzahra: „Wie kann man jemanden durch Zwang in eine Kultur hinein integrieren?“

Kurz arbeitet an Vorschlägen

Ob es diesen Zwang in Österreich geben wird, ist nun Stoff für Diskussionen. Integrationsminister Kurz möchte innerhalb des nächsten halben Jahres an einem neuen Integrationsgesetz arbeiten. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) unterstützt Kurz: „Als Symbol der Integrationsunwilligkeit muss man dem (Burka, Anm.) aber mit einem klaren Signal begegnen.“ SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder fände ein „Gesichtsgebot“ einen gangbaren Weg.

Diese Position relativierte er aber später wieder. Es herrsche Konsens, dass die Vollverschleierung ein Zeichen der Unterdrückung der Frau sei. Es gebe aber „unterschiedliche Nuancen“, wie man damit rechtlich umgehe. Denn Kanzler Christian Kern (SPÖ) zeigte sich skeptischer als Schieder. Ein Burkaverbot stehe auf seiner Prioritätenliste „ganz weit unten“. Die Lage der Frauen würde mit einem Burkaverbot nicht verbessert.

„Kein Symbol für Unterdrückung“

Brezansky-Günes ist „von der Scheindebatte genervt“: „Wenn man wirklich der muslimischen Frau helfen will, soll ein Platz für sie im öffentlichen Raum, im öffentlichen Bewusstsein geschaffen werden. Das sehe ich nach wie vor nicht.“ Für ein allgemeines Vermummungsverbot in öffentlichen Ämtern hätte Brezansky-Günes Verständnis. Das müsste aber anders formuliert werden, betonte sie: „Das Verbot gälte für jeden. Es müsste nichts mit dem Islam zu tun haben.“

Zwang und Unterdrückung würden automatisch mit dem Kopftuch gleichgesetzt. „Aber das ist eine Gleichung, die einfach nicht stimmt. Das Kopftuch ist kein Symbol für die Unterdrückung der Frau“, so die ausgebildete Kultur- und Sozialanthropologin und Islamtheologin. „Das ist kein politisches Statement. Dieser Diskurs wurde uns muslimischen Frauen übergestülpt“, sagt sie im ORF.at-Interview. Die Debatte über ein mögliches Burkaverbot bezeichnet sie als „lächerlich“.

Die 34-Jährige wuchs in Österreich als Christin mit einem „liberalen Verständnis“ auf. Mit Anfang 20 konvertierte sie zum Islam. Seitdem trägt sie ein Kopftuch. Für sie ist es ein Kleidungsstück, das eine Funktion erfüllt. „Das Kopftuch ist nicht ein Symbol wie ein (christliches, Anm.) Kreuz oder ein (jüdischer, Anm.) Davidstern. Es ist ein Zeichen zur Wahrung meiner persönlichen Integrität und nicht, um öffentlich meinen Glauben zu deklarieren.“

Kopftuch als Provokation?

Immer wieder werden Frauen, die aufgrund ihrer Kleidung als Muslimin erkannt werden, im Alltag mit Rassismus konfrontiert, zeigt auch der ZARA-Rassismusreport. Das Kopftuch werde eher von der Gesellschaft als Provokation empfunden - nicht von den Frauen selbst, ist Brezansky-Günes überzeugt: „Die meisten Frauen würden gerne Teil der Gesellschaft sein und nicht allein durch das Kopftuch wahrgenommen werden.“

Für sie selbst änderte sich mit dem Anlegen des Kopftuchs nicht nur der Blick, wie sie von außen wahrgenommen wurde, sondern auch die eigene Wahrnehmung ihres Körpers und ihrer Präsentation nach außen: „Ich will als Person wahrgenommen werden und nicht in erster Linie als Frau.“

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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