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Lage „vollständig“ unter Kontrolle

Der Putschversuch von Teilen des Militärs in der Türkei ist laut der türkischen Regierung zurückgeschlagen. Die Regierung habe die „vollständige Kontrolle“, sagte der türkische Premier Binali Yildirim am Samstagvormittag. Auf den gescheiterten Putschversuch folgte eine Verhaftungswelle. Fast 3.000 Armeeangehörige wurden bereits festgenommen.

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Insgesamt kamen bei den Kämpfen seit gestern Abend nach offiziellen Angaben mehr als 250 Menschen ums Leben. Bei 161 der Toten handelt es sich laut Ministerpräsident Yildirim um regierungstreue Sicherheitskräfte und Zivilisten. Hinzu kommen 104 getötete Putschisten, wie es am Samstag aus Regierungskreisen in Ankara hieß.

Premier denkt laut über Todesstrafe nach

2.839 Angehörige der Streitkräfte seien festgenommen worden, so Yildirim. Darunter seien einfache Soldaten und ranghohe Militärs. Fünf Generäle und 29 Oberste habe man ihrer Posten enthoben, hieß es am Samstagvormittag. Yildirim nannte den Putschversuch einen Schandfleck für die türkische Demokratie. Die Nation habe den „Terroristen“ die bestmögliche Antwort gegeben.

Ministerpräsident Binali Yildirim

Reuters/Prime Ministry

Premier Yildrim spricht von einem „Tag der Demokratie“

Laut dem Premier sind 20 der Planer des Putsches tot. 30 weitere seien verwundet worden. Yildrim bezeichnete den 15. Juli als „Tag der Demokratie“. Und er dachte - wie zuvor AKP-Vizechef Mehmet Müezzinoglu - laut über die Wiedereinführung der 2004 abgeschafften Todesstrafe nach. Derzeit gebe es in der Türkei keine Todesstrafe, man werde aber über Gesetzesänderungen nachdenken.

Fregatte gekapert: Flottenchef als Geisel

Entgegen den Angaben der Regierung dürften sich noch nicht alle Putschisten ergeben haben. Griechischen Militärs zufolge kaperten regierungsfeindliche Kräfte im türkischen Marinestützpunkt Gölcük eine Fregatte. Ein türkischer Flottenchef sei als Geisel genommen worden, hieß es.

Auch in Ankara dauerten die Operationen gegen die Putschisten noch an. Eine Gruppe verschanzte sich im Armeehauptquartier der türkischen Hauptstadt. Am frühen Nachmittag vermeldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, dass alle Putschisten in dem Gebäude festgenommen worden seien. Acht Armeeangehörige flohen mit einem Militärhubschrauber nach Nordgriechenland, wo sie um politisches Asyl ansuchten.

Erdogan: Auftstand „Geschenk Gottes“

Tausende Türken bekamen unterdessen eine SMS von Präsident Recep Tayyip Erdogan. In dieser rief er die Bevölkerung auf, für Demokratie und Frieden einzustehen. Die Menschen sollten sich auf den Straßen einem „kleinen Kader“ entgegenstellen.

Präsident Tayyip Erdogan inmitten der Demonstranten

Reuters/Huseyin Aldemir

Erdogan rief die Bevölkerung mehrfach zum Widerstand auf

Bereits am Samstagmorgen hatte sich Erdogan nach einer chaotischen Nacht siegesgewiss gezeigt: „Die Türkei wird nicht vom Militär regiert“, sagte er. "Im Sinne von „alles hat auch etwas Gutes" ist dieser Aufstand, diese Bewegung letztendlich ein Segen Gottes. Warum ein Segen Gottes? Diese Bewegung ist eine, die als Anlass dazu dienen wird, dass unsere Streitkräfte, die vollkommen rein sein müssen, gesäubert werden“, so Erdogan.

Kurz nachdem die Armee am Freitagabend in der Hauptstadt die Übernahme der Macht verkündet hatte, wandte sich Erdogan bereits über ein im Fernsehen ausgestrahltes Videotelefonat an die Bürger. Er rief die Türken auf, die Ausgangssperre zu missachten und zu demonstrieren. Tausende Menschen folgten dem Aufruf. Erdogan hatte sich zum Zeitpunkt des Putsches im Badeort Marmaris an der Mittelmeerküste befunden, von wo er noch in der Nacht nach Istanbul flog.

Gülen distanziert sich von Aufstand

Der Präsident wurde auf dem Istanbuler Flughafen von jubelnden Anhängern empfangen. Er kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Aufständischen an. Er wolle die Armee „säubern“. Erneut machte er die Bewegung seines Intimfeindes Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich, die sich jedoch umgehend vom Aufstand distanzierte.

Gülen selbst verurteilte den Putschversuch und wies die Anschuldigungen zurück. Er habe in den vergangenen Jahrzehnten selbst mehrere Militärputsche in seinem Heimatland miterleben müssen - daher sei die Behauptung, er sei in den Staatsstreich verwickelt, „besonders beleidigend“, erklärte der in den USA lebende Geistliche in der Nacht zum Samstag.

Anleihe bei Atatürk

Tatsächlich bekannte sich während des Aufstands kein Armeeangehöriger namentlich dazu. Eine Gruppe namens „Rat für den Frieden in der Heimat“ verkündete in einer im staatlichen Fernsehsender TRT verlesenen Erklärung am Freitagabend, die Armee habe die Macht im Land übernommen. Der Name der Gruppe spielt wohl auf das außenpolitische Motto des Begründers der Republik, Mustafa Kemal Atatürk, an: „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt.“

Angriff auf Parlament

Während der nächtlichen Kämpfe wurde auch das Parlamentsgebäude in Ankara Ziel von Angriffen. Das Gebäude trug sichtbare Schäden davon. Dennoch soll am Samstagnachmittag eine Sondersitzung der Volksvertretung stattfinden. Parlamentspräsident Ismail Kahraman sagte, dass kein Abgeordneter bei dem Bombardement des Gebäudes in der Nacht zu Schaden gekommen sei. Auf TV-Bildern war zu sehen, dass das Dach des Parlaments beschädigt, aber nicht zerstört wurde.

Zerstörter Raum im Parlament

Reuters

Das Parlamentsgebäude trug schwere Schäden davon

Auch in der Nähe des Präsidentenpalastes gab es einen Luftangriff. Wie aus Erdogans Umfeld verlautete, griffen Kampfjets Panzer der Putschisten an, die vor dem Palast aufgefahren waren. CNN Türk meldete den Abschuss eines Militärhubschraubers. Dieser soll dem Bericht zufolge auf die ebenfalls in der Hauptstadt befindlichen Büros des staatlichen Satellitenbetreibers Türksat gefeuert haben. Die Putschisten hatten zeitweise die Kontrolle über den Staatssender TRT und den Privatsender CNN Türk übernommen, dann aber wieder verloren.

Armeechef aus Geiselhaft befreit

Die Aufständischen hatten zu Beginn des Putschs den Armeechef Hulusi Akar gefangen genommen. Er wurde mittlerweile befreit und an einen sicheren Ort gebracht. Die Befreiung habe während eines Einsatzes auf dem Luftwaffenstützpunkt Akinci nordwestlich der Hauptstadt Ankara stattgefunden. Die Regierung ernannte am Morgen den General Ümit Dündar zum kommissarischen Generalstabschef.

Ebenfalls in Sicherheit sei der Chef des Geheimdienstes MIT, Hakan Fidan, hieß es weiter. Fidan habe beim Angriff von Putschisten auf das Geheimdiensthauptquartier in Ankara den Befehl ausgegeben, „bis zum Ende zu kämpfen“. Auch dort sei die Lage inzwischen deeskaliert.

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