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„Brexit“ bringt Börsianer ins Schwitzen

Das Votum der Briten für einen Ausstieg aus der Europäischen Union - der „Brexit“ - hat am Freitag die Aktienmärkte einbrechen lassen. Der deutsche Aktienindex DAX fiel im frühen Handel um 9,72 Prozentpunkte auf 9.260,22 Punkte. Der Euro-Zone-Leitindex Euro Stoxx 50 rutschte zu Handelsbeginn um 7,6 Punkte ab. An der Londoner Börse knickte der FTSE 100 um 8,7 Punkte ein.

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In Laufe des Vormittags begannen die europäischen Börsen ihre Verluste wieder leicht wettzumachen. Die Londoner Börse hatte mit ihrem Frühwert allerdings den größten Kurssturz seit 2008. „Alle sind falsch positioniert“, sagte ein Börsianer in der Früh. „Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten. Jetzt gibt es immensen Absicherungsbedarf.“ Experten hatten bereits im Vorfeld im Falle eines „Brexit“ einen Schwarzen Freitag prognostiziert. Seit Mitte der Vorwoche war der DAX in zunehmender Hoffnung auf einen Verbleib der Briten noch um fast neun Punkte gestiegen.

Börsenbroker

Reuters/Jacky Naegelen

Die Kurse fallen und fallen

„Stets das Unmögliche denken“

Rund die Hälfte der DAX-Werte standen Freitagfrüh prozentual zweistellig im Minus. Vor allem Bankenwerte gerieten stark unter Druck. Die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank brachen um jeweils rund 17 Punkte ein.

„An der Börse muss man auch stets das Unmögliche denken“, sagte Marktexperte Daniel Saurenz. Das hätten die Investoren zuletzt offenbar nicht mehr getan. Der bislang schwärzeste Tag im DAX war 1989 mit einem Rutsch von letztlich 12,81 Punkten. Um diesen Negativrekord einzustellen, müsste der DAX aber deutlich unter 9.000 Punkte abrutschen.

Britische Banken im freien Fall

Die Aktien der Royal Bank of Scotland lagen an der Londoner Börse in der Früh rund 28 Prozentpunkte im Minus, Papiere von Lloyds büßten 22 Punkte ein. Auch der Versicherer Aviva verlor rund 25 Punkte. Das Finanzzentrum London und die gesamte Finanzindustrie gelten mit als größte Verlierer des „Brexit“. Die Wiener Börse brach am Freitag in der Früh stark ein. Der heimische Leitindex ATX büßte bis 9.15 Uhr 10,98 Prozentpunkte auf 1.995,94 Zähler ein. Bisher wurden 2.024.900 (Vortag: 264.382) Aktien gehandelt (Einfachzählung).

Nkkei-Kurs

APA/AFP/Kazuhiro Nogi

Auch der Nikkei-Index stürzte stark ab

Moody’s hinterfragt Kreditwürdigkeit

Der Abschied Großbritanniens aus der EU kann sich der Ratingagentur Moody’s zufolge auf die Kreditwürdigkeit des Landes auswirken. „Das Ergebnis bedeutet eine längere Zeit der politischen Unsicherheit, die auf der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit des Vereinigten Königreichs lasten wird“, so Moody’s am Freitag zum „Brexit“-Referendum.

„Die erhöhte Unsicherheit wird wahrscheinlich eine Delle bei den Investitionen und dem Vertrauen nach sich ziehen, die die Wachstumsaussichten dämpft.“ Das wiederum sei negativ für die Bonität. Moodys’s bewertet die Kreditwürdigkeit Großbritanniens derzeit eine Note unter der Bestnote „AAA“. Wird das Rating herabgestuft, kann das höhere Kosten bei der Schuldenaufnahme zur Folge haben.

Verluste in Asien

Bereits an den asiatischen Börsen hatte das Ergebnis der Abstimmung für Aufruhr gesorgt: Der japanische Nikkei-225 stürzte um satte 7,92 Prozentpunkte auf 14.952,02 Punkte und damit um über 1.000 Einheiten ab. Auf Talfahrt gingen auch die Ölpreise. Der Kurs für die Nordsee-Sorte Brent knickte zum europäischen Handelsstart um rund fünf Punkte auf 48,30 Dollar ein, der US-Ölpreis WTI ging in gleichem Ausmaß zurück und notiert bei rund 47,5 Dollar.

Pfund verliert massiv

Der Euro verlor Freitagfrüh knapp drei Prozent gegen den US-Dollar. Um 9.00 Uhr hielt der Euro bei 1,1047 Dollar nach 1,1389 Dollar beim Richtkurs vom Donnerstag. In New York hatte der Euro gegen 22.00 Uhr zuletzt mit 1,1383 Dollar notiert. Das britische Pfund brach nach dem von den Investoren nicht erwarteten „Leave“ auf 1,3629 Dollar ein und zeigte sich so tief wie seit 31 Jahren nicht mehr. Das Minus von rund zehn Prozentpunkten bedeutete für die Währung des Vereinigten Königreichs auch ihren historisch größten Tagesverlust.

Goldpreis steigt

Ein Analyst von World First kommentierte im britischen „Guardian“: „Das ist ein geschichtliches Großereignis, und ich denke nicht, dass viele bereits aufgewacht sind und begriffen haben, was die potenziellen Konsequenzen sein werden.“

TV-Hinweis

ORF2 berichtet den ganzen Tag in Sondersendungen laufend über den „Brexit“ und die Konsequenzen - mehr dazu in tv.ORF.at.

Nach dem „Brexit“ sind „sichere Häfen“ gesucht. So sprang Gold um 4,4 Prozentpunkte auf über 1.300 Dollar nach oben und steht nun bei 1.322,95 Dollar, die Rendite eines Euro-Anleihe-Future kletterte um 1,73 Prozent auf 166,80 Einheiten nach oben. Auch der Schweizer Franken, der ebenfalls als „sicherer Hafen“ gilt, legte am Freitag kräftig zu. Im Gegenzug fiel der Euro-Kurs von über 1,10 Franken auf zwischenzeitlich bis zu 1,06237 Franken. Zuletzt lag der Kurs bei 1,078 Franken.

Erste Group: Nicht komplett abgefedert

Nach der Entscheidung für einen Austritt aus der EU gehen die Anlageexperten der Erste Group davon aus, dass die Investoren auch nach der unmittelbaren Marktreaktion mittelfristig Risiko meiden und Risikoanlagen dementsprechend unter Druck bleiben werden. „Wirtschaftspolitische Gegenmaßnahmen, vor allem seitens der Zentralbanken werden die negativen Folgewirkungen mildern, aber nicht komplett abfedern können“, so Peter Szopo, Aktien-Chefstratege der Erste Asset Management, am Freitag in einer Ersteinschätzung.

Das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU sei eine Zäsur in der europäischen Nachkriegsgeschichte - für das Land selbst und auch für die Europäische Union. „Die ökonomischen und politischen Auswirkungen sind angesichts der Unsicherheiten über die künftige politische Konstellation in Großbritannien, über das in Zukunft herrschende Handelsregime zwischen dem Land und der EU sowie über die Auswirkungen auf die Zukunft der Europäischen Union schwer abzuschätzen“, sagte Szopo.

EZB könnte Finanzspritzen geben

Die Europäische Zentralbank (EZB) hält sich mögliche Finanzspritzen offen. Die EZB „steht bereit, zusätzliche Liquidität zur Verfügung zu stellen, wenn das nötig sein sollte“, erklärte die Institution am Freitag. Das könne in Euro und anderen Währungen geschehen. Die EZB habe sich auf den „Brexit“-Fall vorbereitet und beobachte die Entwicklung an den Finanzmärkten genau.

Den Bankensektor in der Euro-Zone sieht die Zentralbank gut gerüstet. Die Branche sei „widerstandsfähig in Bezug auf Kapital und Liquidität“, erklärte die EZB.

Deutsche Börse weiter für Fusion

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) wollen ihren Zusammenschluss trotz des geplanten Austritts Großbritannien aus der EU durchziehen. Wegen des „Brexit“ sei eine Verbindung zwischen Frankfurt und London sogar noch wichtiger, sagte Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Joachim Faber am Freitag.

„Wir sind davon überzeugt, dass der beabsichtigte Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange durch das Abstimmungsergebnis eine noch höhere Bedeutung für unsere Kunden bekommen hat und sowohl für unsere Aktionäre als auch weitere Stakeholder Vorteile bringen wird.“ Die Aktionäre der LSE sollen am 4. Juli auf einer außerordentlichen Hauptversammlung grünes Licht für die Börsenhochzeit geben. Die Deutsche-Börse-Aktionäre haben Zeit bis zum 12. Juli, um das Fusionsangebot anzunehmen.

Deutsche Börse und LSE haben ein Referendumskomitee installiert, das nun über die Konsquenzen für die Fusion beraten wird. Auch die Entscheidung für London als „alleinigen Sitz“ der fusionierten Börse solle dabei noch einmal überprüft werden, hatte Faber im Vorfeld des Referendums angekündigt.

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