Keine Nischendroge mehr
Der Drogenmarkt in Europa ist stark und bleibt ein Milliardengeschäft. Wieder auf dem Vormarsch unter den Stimulanzien ist vor allem Ecstasy (MDMA), dessen Konsum in den vergangenen Jahren eigentlich rückläufig war. Zu diesem Ergebnis kommt der am Dienstag vorgestellte Europäische Drogenbericht 2016 der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA).
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Es gebe Anzeichen dafür, dass sowohl jene, die seit Längerem Stimulanzien konsumieren, als auch bei einer neuen Generation von Drogenkonsumenten MDMA an Beliebtheit gewinne, analysiert der Bericht. Allein bei den 15- bis 34-Jährigen sollen dem Bericht zufolge 2,1 Millionen im vergangenen Jahr diese Substanz konsumiert haben. Das sei daher keine Nischendroge mehr in der Technoszene, sondern werde von einer breiteren Gruppe an Menschen in gewöhnlichen Bars und auf Partys konsumiert. Die Zahlen stammen aus nationalen Schätzungen und Umfragen in EU-Mitgliedsstaaten.
Mehr Spuren im Abwasser
Untersuchungen im Abwasser in mehreren großen Städten in Europa im vergangenen Jahr bestätigten wesentlich höhere Anteile von MDMA als noch 2011. Das kann zum einen auf einen höheren Reinheitsgrad der Droge zurückzuführen sein, zum anderen auf eine stärkere Verfügbarkeit und mehr Konsum.
MDMA
Die chemische Verbindung 3,4-Methylendioxy-N-Methamphetamin (MDMA) gehört zu den Amphetaminen und wird häufig synonym mit Ecstasy (Pillenform)bezeichnet. Ecstasy muss aber nicht mehr ausschließlich MDMA beinhalten. Diese Substanz gibt es auch in anderer Form etwa pulverisiert oder in Kristallen.
EMCDDA-Direktor Alexis Gooseel warnt davor, dass eine neue Generation von Konsumenten „die womöglich hoch dosierten Produkte konsumiert, ohne die damit verbundenen Risiken hinreichend zu kennen“: „Dies ist außerordentlich besorgniserregend, da MDMA in etabliertere soziale Milieus vordringt und zunehmend über Onlinemärkte angeboten wird.“
Als Ursachen für den neuerlichen Anstieg von MDMA sieht der Drogenbericht neue Wege bei der Beschaffung von Drogenausgangsstoffen, neue Herstellungsverfahren und das zunehmende Onlineangebot. Dieses habe „unverkennbar beträchtliches Wachstumspotenzial“.
Cannabis am häufigsten konsumiert
Einen Aufwärtstrend gibt es offenbar auch bei Cannabis. Allein in den vergangenen zwölf Monaten konsumierten 22,1 Mio. Erwachsene (15 bis 54 Jahre) Cannabis - viele täglich, 3,6 Mio. nahmen in dieser Zeit zumindest einmal Kokain, 2,5 Mio. MDMA. Die wirtschaftliche Komponente ist enorm. Schätzungen zufolge lag der Endkundenmarkt für illegale Drogen in der EU 2013 bei 24,3 Mrd. Euro. Den größten Anteil hatte Cannabis, gefolgt von Heroin, Kokain und MDMA.

Grafik: ORF.at; Quelle: EMCDDA
Bei Cannabis wird eine stärkere Wirkung der Droge deutlich. Es habe zwischen 2006 und 2014 einen „starken Anstieg des Wirkstoffgehalts (Tetrahydrocannabinol, THC) (...) gegeben“, so der Bericht. Intensive Produktionstechniken in Europa und die Einführung von Pflanzen mit hohem Wirkstoffgehalt in Marokko hätten dazu beigetragen. Das ehemals fast exklusive Produktionsland Marokko hatte 2003 noch mehr als viermal so viel produziert wie 2011 (760 Tonnen). Inzwischen werden hier Hybrid-Hanfpflanzen kultiviert, die eine drei- bis fünfmal höhere THC-Konzentration aufweisen als traditionelle Sorten.
Dutzende neue synthetische Substanzen
Die Drogenexperten warnen zudem vor neuen psychoaktiven Substanzen. Derzeit werden 560 neue Stoffe beobachtet. Allein im vergangenen Jahr kamen 98 dazu - darunter synthetische Cannabinoide und Cathinone. Einige von ihnen stellten sich als hochgiftig heraus, warnt der Drogenbericht und listet zahlreiche Todesfälle und Vergiftungen auf, die damit in Zusammenhang stehen könnten: „Junge Konsumenten fungieren womöglich unwissentlich als menschliche Versuchskaninchen für Substanzen, deren potenzielle Gesundheitsrisiken weitgehend unbekannt sind.“
Neue synthetische Substanzen machen sich auch bei Opioiden bemerkbar. Während Heroin offenbar in Europa beim intravenösen Drogenkonsum an Bedeutung verliert, dürften noch potentere synthetische Opiate wie Fentanyl und das in der Substitutionstherapie früher auch in Österreich stark geförderte Buprenorphin in manchen Regionen immer wichtiger für den illegalen Markt werden. Hierzulande sind rund 60 Prozent der Opiatabhängige in Substitutionsbehandlung, Österreich damit im EU-Vergleich im oberen Bereich.
Mehr Todesfälle durch Überdosis
Während in Österreich die Todesfälle bei Überdosierungen entgegen dem europäischen Trend rückläufig sind, starben in der EU 2014 mindestens 6.800 Menschen aufgrund einer Überdosis meist in Zusammenhang mit Heroin. Vor allem Mischkonsum von Opiaten mit verschiedenen anderen Substanzen wie Tranquilizer und Alkohol ist hochgefährlich, weil bei Überdosierungen die Gefahr einer Atemlähmung dadurch dramatisch zunimmt.
Als mögliche Gründe für die Zunahme tödlicher Überdosierungen werden etwa steigender Reinheitsgrad, höheres Alter der Konsumenten und veränderte Drogenkonsummuster genannt. Österreich liegt bei den Drogentoten pro Million Einwohner in Europa im Mittelfeld. Allerdings ist in Österreich die Zahl der mit Drogenkonsum in Verbindung stehenden Todesfälle zuletzt gesunken. 2011 waren es 201 Todesfälle. 2014 waren es schließlich 122.
Österreich „untere Mittelklasse“
Im europäischen Vergleich beim Drogenkonsum etwa von Cannabis und Kokain liegt Österreich in der „unteren Mitteklasse“. Auch beim Konsum von MDMA fällt Österreich in die vorletzte Kategorie. Hier liegen Großbritannien und Tschechien an der Spitze.
Link: