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„Politisiert“ oder auch „gespalten“?

Wahltage wie der Sonntag mit einem derart offenen Ausgang wie die Präsidentschaftsstichwahl zwischen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen können Erkenntniswerte mit sich bringen - aber auch Verlegenheiten beim Erklären nach sich ziehen.

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Etwa, wenn Kommentatoren vor laufender Kamera erklären müssen, was Wahlausgang A für Stimmung und Ansehen Österreichs bedeuten würde - und was, wenn Wahlausgang B einträte. Interessant waren die Einschätzungen der zahllosen Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland, die nach Wien gekommen waren und sehen wollten, ob erstmals in Westeuropa das „rechtspopulistische Lager“ an die Staatsspitze gelangt.

„Das knappe Rennen in der Präsidentenstichwahl am Sonntag zeigt die Polarisierung in diesem Land, die während des Wahlkampfs zu bemerken war: Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer waren zwei Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein konnten“, schreibt „Standard“-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid für die Monntag-Ausgabe ihrer Zeitung: Den jeweils anderen zu verhindern sei eines der stärksten Wahlmotive bei dieser Wahl gewesen, aber, so fügt sie hinzu: „Auch wenn die Auseinandersetzung hart war, das Land ist nicht gespalten, sondern politisiert.“

Die ersten Reaktionen der Presse

ORF-Innenpolitikchef Hans Bürger im Gespräch mit Rainer Nowak ("Die Presse), Alexandra Föderl-Schmid („Der Standard“) und Julia Ortner („News“).

„Österreichs Demokratie kann sich selbst erneuern“

In ein ähnliches Horn stieß am Wahlabend die Österreich-Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“, Cathrin Kahlweit, im ORF-Wahlstudio. „Geköpft und endlich beerdigt“ habe man die bisherige politische Riege - jetzt zeige sich, „die österreichische Demokratie kann sich doch selbst erneuern“, befand sie mit Blick auf das für sie überraschende Abschneiden Van der Bellens.

Österreich sei nun einmal nicht Conchita, befand Julia Ortner von „News“ im Gespräch mit Hans Bürger und erinnerte daran, dass „Österreich nun einmal ein strukturkonservatives Land ist“. Angesprochen auf einen möglichen Wahlsieg des FPÖ-Kandidaten Hofer befand Ortner, dass die Sorgen internationaler Medien groß seien wegen eines möglichen Umbaus „Österreichs zum autoritären Staat“ - an diesem Punkt bestünde großer Erklärungsbedarf.

„Leider auch viel Unsinn“

„Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak hielt dem nach dem offenen Ergebnis am Sonntag entgegen, dass sich ein möglicher Präsident Hofer, „und wir müssen da aus Erfahrung der Wien-Wahl im Konjunktiv reden“, wundern würde, „wie wenig in der Hofburg geht“. Hofer und der neue Kanzler Christian Kern (SPÖ) könnten feststellen, dass es wohl mühsam werde miteinander - doch Neuwahlen würde wenn eher die Regierung suchen, „um sich demokratisch legitimieren zu können“.

Reaktionen im Ausland

Mehr als 200 ausländische Journalisten reisten an, darunter jene der „New York Times“, von al-Jazeera, BBC und auch aus Japan. Das Interesse galt vor allem Hofer.

Nowak sah die internationale Berichterstattung, bei der ja „auch viel Unsinn“ zu lesen gewesen sei, eher als indirekte Wahlhilfe für Hofer. Interessant sei, dass die Stimmen für Hofer nun nicht mehr Proteststimmen seien, sondern dass „erstmals bewusst ein FPÖ-Politiker“ gewählt worden sei, „damit er ins Amt kommt“. Dass Österreich gespalten sei, meinte sowohl Nowak als auch Ortner - ergänzt von Ortner um den Zusatz: „Österreich war immer schon gespalten, wir haben es vorher nur nicht gemerkt.“

„Konturen erstmals sichtbar geworden“

„Das Land ist in seinen Konturen erstmals sichtbar geworden“, befand „profil“-Herausgeber Christian Rainer zur Frage der Spaltung des Landes nach und durch diese Wahl.

Runde der Journalisten, Teil zwei

Marina Salomon („Kurier“), Christian Rainer („Profil“) und Michael Jungwirth („Kleine Zeitung“) schätzen die Ereignisse am Tag der Stichwahl ein.

Michael Jungwirth von der „Kleinen Zeitung“ konstatierte auch eine Spaltung des Landes, nicht aber eine zwischen „links und rechts, sondern eine zwischen denen da oben und denen da unten“. Das sei eine Polarisierung, die nicht ungefährlich sei, so Jungwirth. Martina Salomon vom „Kurier“ empfahl im ORF einmal, sich zur Spaltungsfrage „auch mal ein bisschen abzuregen“. Gespalten habe nicht nur eine Seite - auch das Van-der-Bellen-Lager habe an der Spaltungsfrage einigen Anteil gehabt.

Blick der internationalen Presse auf Österreich

Viele ausländische Medienvertreter beschäftigte am Wahlabend freilich vor allem die Symbolwirkung, die von dieser Wahl ausgehen wird. Michael Mandlik, vom Bayerischen Rundfunk für die ARD nach Wien entsandt, sah vor allem einen Zwiespalt n der Flüchtlingspolitik als Signal dieser Wahl.

Ausland beobachtet Symbolwirkung

Das Interesse im Ausland war ungewöhnlich hoch. Die Bedeutung der Wahl schätzte eine Runde von Auslandskorrespondenten im Wahlstudio ein.

In ein ähnliches Horn stieß seine italienische Kollegin Tonia Mastrobuoni von der linksliberalen Tageszeitung „La Repubblica“, die die Wahl auch als Signal in der „Brenner-Frage“ verstanden wissen wollte. Unter einem Präsidenten Hofer erwartete sie, auch wenn das Signal symbolischer Natur sei, „eine deutlich verschärfte Flüchtlingspolitik“.

Meret Baumer von der „NZZ“ sah die Frage eines Präsidenten Hofer, der als erstes Land die Schweiz bereisen würde, zumindest bilateral unbelastet. „Hofer würde in der Schweiz freundlich empfangen werden“, da das nun einmal diplomatischen Ussancen entspreche. Zudem, so fügte sie hinzu, „sind wir dieses Phänomen ja ein bisschen gewohnt. Wir haben mit der Volkspartei von Christoph ja eine vergleichbare Partei bei uns.“

Jean-Baptiste Chastand von der linksliberalen „Le Monde“ begab sich am Wahlabend in beide Lager und verfolgte via Twitter nicht nur den Jubel der Grünen über eintreffende Landesergebnisse, sondern begab sich auch auf Expedition in das Lager der „extreme droite“, um Feldforschung anzustellen, die er via Twitter-Video verbreitete.

„Du unglückliches Österreich“

In Deutschland war das Schicksal Österreichs dem „Spiegel“ (Onlineausgabe) einen Aufmacher wert. Von allen Kommentaren stach unter den Medien der „Nordbayrische Kurier“ heraus: „Du unglückliches Österreich! Du bist eines der schönsten Länder Europas, doch in Deiner Politik geht es drunter und drüber. Ein Schock für Europa, wenn sich die Hälfte der Bevölkerung in einem Kernland abwendet, kurz vor der noch viel wichtigeren Volksabstimmung der Briten über einen Verbleib in der EU.“ Die Zeitung erscheint in Bayreuth - lange Heimat des Dichters Jean Paul, der auch der veränderlichsten Wirklichkeit ein poetisch-humoreskes Bild zu geben vermochte.

Kürzer fasst sich da die CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl, die zwischen einem Medienauftritt von Udo Lindenberg im Frankenstadion zu Nürnberg twitterte: „Ja, san die Österreicher etz deppert gwordn?“

Gerald Heidegger, ORF.at

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