Banken auf Suche nach Einnahmen
Seit Jahren taucht die Idee immer wieder vereinzelt als Testballon auf - nur um nach empörten öffentlichen Reaktionen schnell wieder zu verschwinden. Doch nun sind die Stimmen bereits so laut - und es werden immer mehr, sodass sich zunehmend der Schluss aufdrängt: Die flächige Einführung der Bankomatgebühr ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.
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Nach der Ersten und dem Sparkassenverband denken nun auch Raiffeisen Oberösterreich und Vorarlberg offen darüber nach, zumindest für Geldbehebungen an fremden Bankomaten ihren Kunden eine Gebühr zu verrechnen.
„Diskussion muss man führen“
„Diese Diskussion muss man führen“, sagte Raiffeisen-Vorarlberg-Chef Wilfried Hopfner bei der Jahrespressekonferenz am Dienstag. In dasselbe Horn, wenn auch etwas zurückhaltender, stieß am selben Tag der Chef der RLB Oberösterreich, Heinrich Schaller. Derzeit denke sein Haus nicht daran. Sollte aber jemand - flächendeckend - damit beginnen, dann wäre die Situation neu zu bewerten, so Schaller zuletzt.
Für die Führung der RLB Steiermark sind Bankomatgebühren für Hauskunden kein Thema: „An unseren Bankomaten müssen unsere Kunden in Zukunft nicht mit Gebühren rechnen“, sagte Generaldirektor Martin Schaller am Donnerstag bei der Präsentation der Bilanz 2015. Man werde die Situation intensiv beobachten, eine Gebühr könnte es maximal für Fremdkunden geben. Die RLB Niederösterreich will sich nicht in die Karten schauen lassen: „Wir diskutieren das nicht öffentlich“, so Vizechef Georg Kraft-Kinz bei der Jahrespressekonferenz ebenfalls am Donnerstag. Man sei aber ein Wirtschaftsunternehmen und könne überhaupt nichts ausschließen.
„Nicht auf Agenda“
Ein Anruf von ORF.at bei mehreren anderen heimischen Banken zeigt zugleich, dass noch immer viele zögern, sich bei dem Thema zu „outen“. Der Tenor bei Bank Austria, BAWAG und ING-DiBa ist der gleiche: „Derzeit“ sei die Einführung kein Thema oder „steht nicht auf der Agenda.“ Dezidiert ausschließen wollte sie auf Nachfrage freilich niemand.
Verwiesen wurde unter anderem darauf, dass nicht nur Banken, sondern auch andere Unternehmen vermehrt Bankomaten betreiben. Wenn diese eine Gebühr einführten, müsse man diese weiterverrechnen. Bereits jetzt verrechnen ja Banken einander Gebühren für die Barbehebungen, reichen sie aber bisher nicht an ihre Kunden weiter.
„Umstellung war kein Thema“
Das Gratisgeldbeheben gilt als „heilige Kuh“, und die Sorge vor negativen Kundenreaktionen ist offenbar groß. Dabei gibt es bereits einzelne Banken, etwa die Raiffeisenlandesbanken Salzburg und Tirol, die seit Jahren bei Behebungen von „Fremdbankomaten“ ihren Kunden eine Gebühr verrechnen. Die RLB Tirol verlangt etwa pro Behebung 68 Cent.
Auf Nachfrage von ORF.at betonte die RLB Tirol, die Umstellung im Jahr 2009 auf Verrechung „war für unsere Kunden kein Thema. Insbesondere deshalb nicht, weil wir über das mit Abstand größte Bankomatnetz verfügen.“ Ihr Kunden fänden daher ohnehin „immer bequem einen Raiffeisen-Bankomaten“. Ein solches Service können viele Banken ihren Kundinnen und Kunden etwa in den Landeshauptstädten und in der Peripherie wohl oft nicht bieten. Der nächstgelegene Bankomat wäre dann in vielen Fällen wohl nicht mehr der des eigenen Geldinstituts.
„Immer für Kostentransparenz“
Der Vizegouverneur der Nationalbank (OeNB), Andreas Ittner, hatte schon voriges Jahr eine Bankomatgebühr thematisiert. Weil den Banken wegen der marginal gewordenen Zinsen die Einkünfte fehlen, denken sie an neue Ertragsquellen. Ittner wunderte sich nicht wirklich über die Riesenaufregung, die es in Österreich jedes Mal gebe, wenn es um neue Gebühren oder höhere Preise gehe. Er erinnerte etwa an frühere hitzige Benzinpreisdebatten.
Freilich wolle niemand gern für etwas zahlen, das vorher gratis war, so der Notenbanker. Die Banken müssten jedoch Erträge steigern und Kosten senken. Wie eine Bank den richtigen Mix zuwege bringe und wie sie im Detail zuordne, sei ihr selbst überlassen. Bankomatgebühren sind für Ittner nur ein Beispiel dafür, wie für Gratis-Bankdienstleistungen künftig Geld verrechnet werden kann.
OeNB sieht keine Verbindung mit EZB-Politik
Gegenüber ORF.at betonte OeNB-Sprecher Christian Gutlederer, Banken brauchten ein lebensfähiges Geschäftsmodell. Dazu gehöre auch, für Leistungen, die man biete, Geld zu verlangen. Wie Banken ihr Geschäft konkret besorgen, sei freilich nicht Sache der Nationalbank. Diese dränge nur auf der „Metaebene“ darauf, dass Banken solide wirtschaften und ihre Kosten im Griff haben.
Dass man sagen könnte, letztlich zwinge die Europäische Zentralbank (EZB) die Banken durch die Niedrigzinspolitik dazu, sich bei den Kunden schadlos zu halten, ließ Gutlederer nicht gelten. Immerhin sei es der Bankensektor mit seiner hohen Risikobereitschaft gewesen, der zuerst die Finanzkrise ausgelöst habe – auch wenn individuell einzelne österreichische Bankinstitute keine Schuld treffe.
AK strikt dagegen, Stöger denkt an Verbot
Die Arbeiterkammer (AK) wies Überlegungen für eine Bankomatgebühr strikt zurück. „Bankkunden wurden in den letzten Jahren regelmäßig vom Schalter zu den Automaten verwiesen, um Kosten zu sparen, und dann kassiert man die Kunden auch dort wieder ab“, so Tirols AK-Präsidenten Erwin Zangerl in einer Aussendung am Dienstag. Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) will prüfen lassen, ob eine derartige Gebühr per Gesetz verhindert werden kann. Er wolle, dass die Rechte der Konsumenten gewahrt blieben, sagte Stöger im Ö1-Morgenjournal - mehr dazu in oe1.ORF.at.
„Nachdenken muss erlaubt sein“
Der Chef der Banken- und Versicherungssparte der Wirtschaftskammer, Franz Rudorfer, verwies dagegen auf die Kosten, die den Banken durch den Bankomatbetrieb und damit einhergehende Dienstleistungen entstehen. „Daher muss es erlaubt sein, darüber nachzudenken“, so Rudorfer zur laufenden Diskussion über Bankomatgebühren. „Hinter dem Bankomatbetrieb stehen Dienstleistungen. Österreich hat eines der dichtesten Netze in Europa“, erinnerte der Spartengeschäftsführer. Auch beim Onlinebanking seien die Services - ohne Kosten zu erhöhen - extrem gesteigert worden.
Bis zu acht Euro in Deutschland
In Nachbarländern wie der Schweiz, Italien und Deutschland gebe es seit vielen Jahren Bankomatgebühren. Die Ausformungen der Einhebung und auch die Kosten an sich sind dabei sehr unterschiedlich. Es gibt Prozentsätze - in Italien etwa 0,35 Prozent pro Behebung - plus einen fixen Betrag, in Italien beispielsweise oft 80 Cent.
In Deutschland gehen die Einmalkosten pro Behebung auf bis zu acht Euro. „Ich bin mir sicher, an so etwas denkt niemand bei uns in der Community“, versicherte Rudorfer. Er betonte einmal mehr, dass die Institute selbst entscheiden würden - und auch nicht alle in gleicher Intensität darüber nachdächten.
Hoher Druck auf Banken
Übrigens: Wie groß der wirtschaftliche Druck weltweit auf das Bankensystem ist, zeigt exemplarisch der jüngste Schritt einer der ganz großen „Nummern“, Goldman Sachs: Die US-Investmentbank, bei der bisher nur Konzerne und Millionäre vorstellig werden durften, will künftig auch Konten für „Normalbürger“ anbieten.
Guido Tiefenthaler, ORF.at
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