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„Wer erkennt diesen Mann?“

Bei Hausdurchsuchungen in Brüssel haben Fahnder eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), einen Sprengsatz mit Nägeln und chemische Substanzen gefunden. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstagabend mit. Die Durchsuchungen hätten in der nordöstlichen Stadtgemeinde Schaerbeek stattgefunden.

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Es fänden Durchsuchungen an mehreren Orten in Belgien statt, sagte Staatsanwalt Frederic Van Leeuw bei einer Pressekonferenz am Dienstagabend. Die Ermittler gingen von zwei toten Selbstmordattentätern auf dem Brüsseler Flughafen aus. Einen dritten Mann hatte die Polizei zuvor zur Fahndung ausgeschrieben.

Fahndungsbild eines mutmaßlichen Attentäters

APA/AP/Belgian Federal Police

Der Verdächtige flüchtete nach dem Anschlag aus dem Flughafengebäude

Dienstagnachmittag veröffentlichten die Behörden via Twitter ein Bild des Mannes, wie er einen Gepäckwagen durch das Flughafenareal schob. „TERRORISMUS Wer erkennt diesen Mann?“, stand über dem Bild unter der Überschrift „Fahndungsaufruf“ in einer Mitteilung im Kurznachrichtendienst Twitter. Die belgischen Behörden hatten zuvor ein Foto einer Überwachungskamera veröffentlicht, auf dem der Verdächtige neben zwei anderen Männern zu sehen ist. Sie schoben Gepäckwagen mit ähnlichen Taschen und trugen jeweils an der linken Hand schwarze Handschuhe.

Überwachungsbild der mutmaßlichen Attentäter

APA/AFP/Belgian Federal Police

Die beiden dunkel gekleideten Männer sollen sich selbst in die Luft gesprengt haben

Bombe und IS-Flagge bei Razzia entdeckt

Ermittler gehen davon aus, dass die beiden anderen Männer auf dem Foto bei den Anschlägen ums Leben kamen. Die Ermittler gingen von zwei toten Selbstmordattentätern am Brüsseler Flughafen aus, sagte Staatsanwalt Frederic Van Leeuw bei einer Pressekonferenz am Dienstagabend. Es sei noch „zu früh“, um Verbindungen zu den Paris-Anschlägen herzustellen, sagte der Staatsanwalt. VRT vermeldete, dass neben dem hell gekleideten Mann nach einer weiteren verdächtigen Person gesucht werde, die aus der Metrostation Maelbeek geflüchtet sein soll.

IS übernahm Verantwortung

Mittlerweile gibt es eine Bekennernachricht der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). „Soldaten des Kalifats“ hätten mit den Anschlägen auf den Brüsseler Flughafen Zaventem und eine U-Bahn-Station „den Kreuzfahrerstaat Belgien“ angegriffen, hieß es am Dienstag in einer im Internet veröffentlichten Erklärung des IS.

Eine Grafik zeigt die Orte der Terroranschläge in Brüssel

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Der IS drohte mit weiteren Gewalttaten: Es werde „schwarze Tage“ geben als Vergeltung für die „Aggression“ gegen den IS, hieß es in einer am Dienstagnachmittag über das IS-Konto beim Kurznachrichtendienst Telegram verbreiteten Erklärung. Zuvor hatte bereits die IS-nahe Nachrichtenagentur Amak berichtet, IS-Kämpfer hätten die Taten mit Sprengstoffgürteln und anderen Sprengsätzen begangen.

Opferzahlen korrigiert

Bei insgesamt drei Explosionen an zwei Orten in Brüssel gab es laut dem nationalen Krisenzentrum 30 Todesopfer. Etwa 20 Menschen seien ums Leben gekommen, als eine Bombe in der Metrostation Maelbeek explodierte, unweit des Sitzes von EU-Behörden. Etwa zehn Menschen starben darüber hinaus bei dem Anschlag im Flughafen. Laut offiziellen Schätzungen wurden etwa 230 Menschen verletzt - deutlich mehr als bisher bekannt. In den Medien war zuvor von 34 Toten die Rede gewesen, davon 14 im Flughafen und 20 in der Metrostation. Die belgische Regierung verhängte eine dreitägige Staatstrauer, für Mittwochmittag wurde zu einer Schweigeminute aufgerufen.

König ruft zu Ruhe und Entschlossenheit auf

Der belgische Premier Charles Michel hat die Belgier aufgerufen, nach den blutigen Terroranschlägen in Brüssel geeint zu bleiben. „Die Freiheit (...) ist in ihrem Herz getroffen worden“, sagte Michel am Dienstagabend in Brüssel. Die Behörden würden alles unternehmen, um die Freiheit zu verteidigen.

Der belgische König Philippe verurteilte die blutigen Anschläge am Abend als „feige und widerlich“. In einer kurzen Ansprache an die Nation rief er dazu auf, auf die terroristische Bedrohung „mit Entschlossenheit, Ruhe und Würde“ zu antworten. „Behalten wir Vertrauen in uns selbst“, sagte der Monarch. „Dieses Vertrauen ist unsere Kraft.“ In Belgien ist es ausgesprochen selten, dass sich der König nach aktuellen Ereignissen direkt an die Bevölkerung wendet.

Entsetzen, Trauer und Bestürzung

Augenzeugen sowie Einsatzkräfte zeigten sich entsetzt. Der Sprecher der Brüsseler Feuerwehr, Pierre Meys, sagte gegenüber den Zeitungen „Le Soir“ und „La Derniere Heure“ (Onlineausgaben): „Das ist Krieg. Das ist unbeschreiblich. Alles ist zerstört und liegt in Stücken.“ Er habe in 40 Jahren Berufsleben „noch nie so etwas Schreckliches gesehen. Das ist sehr schwierig.“ Die Verletzungen seien „Kriegsverletzungen“. Die Explosion in der Metro selbst habe sich in einem Waggon etwa in der Mitte des Zuges ereignet und sei extrem stark gewesen, sagte Meys.

„Reglose Körper auf dem Trottoir“

„Es lagen reglose Körper auf dem Trottoir, die von Mänteln von Passanten abgedeckt wurden. Die Ambulanz kam erst nach einer halben Stunde“, schilderte Christoph Schiltz, Korrespondent der Zeitung „Die Welt“, gegenüber ORF.at. In der Lobby eines nahe gelegenen Hotels sei ein „Notlazarett“ eingerichtet worden, wo nach und nach die Schwerverletzten hingebracht wurden. „Der Raum füllte sich immer mehr und war dann so voll, dass auch auf angrenzende Räume ausgewichen werden musste. Gleichzeitig saßen in der Lobby auch Mittelschwerverletzte, teilweise mit Kopfwunden, die aber gar nicht sofort verarztet werden konnten.“

Sanitäter und Rettungswagen vor der Brüsseler U-Bahnstation

ORF.at/Sophia Felbermair

Ausnahmezustand vor der U-Bahn-Station

Dritte Bombe am Flughafen entschärft

Unterdessen stellte die Polizei am Dienstagnachmittag die Suche nach Waffen und möglichen Verdächtigen auf dem Flughafen ein. Das berichtete die Nachrichtenagentur Belga. Am Nachmittag wurde am Flughafen eine dritte Bombe gefunden und von Beamten entschärft. Der Flughafen soll auch am Mittwoch geschlossen bleiben.

Die Lage in Brüssel normalisierte sich am späten Nachmittag langsam. Das Krisenzentrum hob die Empfehlung, an den Arbeitsplätzen und in den Schulen zu bleiben, auf. Teilweise waren die Straßen aber noch immer menschenleer. Der am Vormittag völlig eingestellte öffentliche Verkehr nahm teilweise wieder den Betrieb auf.

In Flughafen wahrscheinlich Selbstmordattentäter

Noch vor der Explosion in der Metro hatte es in der Abflugzone des Brüsseler Flughafens zwei Explosionen gegeben, „von denen eine wahrscheinlich von einem Selbstmordattentäter verursacht wurde“, sagte Staatsanwalt Frederic van Leeuw Dienstagmittag vor Journalisten. Fernsehbilder vom Vormittag zeigten Rauch aus dem Flughafenterminal aufsteigen, dessen Fenster zersplittert waren. Der Flughafenbetreiber bestätigte, dass sich gegen 8.00 Uhr zwei Explosionen ereignet hatten.

Hotlines für Angehörige

Für besorgte Bürger und Angehörige hat das Außenministerium eine Hotline (für Österreicher in Belgien: +43 1 901154411; in Österreich: 050 11504411) eingerichtet. Auch das belgische Krisenzentrum hat unter +32 78151771 eine Hotline eingerichtet.

Explosionen im Abstand von fünf Sekunden

Die zwei Explosionen sollen sich im Abstand von etwa fünf Sekunden an der Gepäckabgabe in der Nähe der Schalter von Brussels Airlines ereignet haben. Vor den beiden Explosionen im Flughafen wollen Zeugen Schüsse gehört haben. Eine Person habe etwas auf Arabisch gerufen, sagten Zeugen der Nachrichtenagentur Belga.

Die belgische Polizei fand laut einem Bericht des Senders VRT am Ort des Anschlages im Flughafen ein russisches Kalaschnikow-Sturmgewehr. Die Waffe sei neben dem toten Attentäter gelegen. Neben der Leiche sei zudem ein nicht explodierter Sprengstoffgürtel entdeckt worden, meldete der private TV-Sender VTM.

Zeugenaussagen legen nahe, dass zumindest eine Bombe im Flughafen in einem Gepäckstück versteckt war. „Ich habe geholfen, fünf Tote rauszutragen“, sagte der Flughafenmitarbeiter Alphonse Youla. „Ihre Beine waren kaputt, wie wenn eine Bombe in einem Gepäckstück explodiert ist“, so der 40-Jährige gegenüber Reportern. Seine Hände waren blutverschmiert „von den Leuten, die ich rausgetragen habe“. Auch Youla sagte, er habe vor der ersten Explosion einen Mann etwas auf Arabisch rufen hören. „Dann brach die Plattendecke des Flughafens ein.“

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Bild der Zerstörung

Die Abflughalle des Brüssler Flughafens wurde bei den Explosionen schwer beschädigt. Der Flughafen wurde evakuiert.

Explosion in Metrostation Maelbeek

Kurz nach 9.00 Uhr ereignete sich auch mindestens eine Explosion in einer U-Bahn-Garnitur in der U-Bahn-Station Maelbeek, die nur einige hundert Meter von den Gebäuden der EU-Institutionen entfernt liegt. Fernsehbilder zeigten dunklen Rauch aus den U-Bahn-Schächten aufsteigen. Das belgische Militär entsandte 225 zusätzliche Soldaten nach Brüssel.

Leere Straßen in Brüssel

ORF.at/Sophia Felbermair

Das öffentliche Leben in Brüssel kam zum Erliegen

Vorfälle in Amsterdam und Bayern

Die Alarmbereitschaft ist jedenfalls in ganz Europa groß: Wie die niederländische Polizei berichtet, wurden bei einer versuchten Festnahme am Hauptbahnhof von Amsterdam Warnschüsse abgefeuert. Verletzt worden sei niemand, hieß es. Ob die Aktion mit Brüssel in Zusammenhang steht, ist noch unklar. Die deutsche Polizei nahm auf der Autobahn München - Salzburg drei Kosovaren fest, die Verbindungen zu einem Terrornetzwerk haben könnten. Demnach kamen die Verdächtigen aus Brüssel und waren mit einem in Belgien zugelassenen Wagen unterwegs. Die Verhaftung erfolgte aber bereits vor den Anschlägen, hieß es dann am Abend. Hinweise auf einen Zusammenhang mit den Terroranschlägen von Brüssel gebe es bisher nicht, betonte ein Sprecher.

Premier: Anschläge „blind, gewaltsam und feige“

Belgiens Regierungschef Michel sprach von einem „schwarzen Tag für Belgien“. „Wir haben einen Terroranschlag befürchtet, und es ist passiert“, sagte Michel in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung. Er verurteilte die Anschläge als „blind, gewaltsam und feige“ und bestätigte, dass die Regierung im ganzen Land die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen habe.

In Brüssel galt bereits seit den Pariser Anschlägen im November eine erhöhte Terrorwarnstufe. Mehrere der islamistischen Attentäter stammten aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek, der seitdem im Visier der Ermittler steht. Erst am Freitag war Salah Abdeslam in Molenbeek gefasst worden, der seit den Anschlägen in der französischen Hauptstadt als Mittäter gesucht wurde. Er soll mit mehreren Komplizen weitere Attentate in Brüssel geplant haben. Aus diesem Umfeld werden noch zwei Männer dringend gesucht: Najim Laachraoui und Mohammed Abrini. Der 24-jährige Laachraoui war am 9. September unter dem falschen Namen Soufiane Kayal in einem Auto mit Abdeslam und Mohammed Belkaid an der österreichisch-ungarischen Grenze kontrolliert worden.

Kritik an belgischen Behörden

Unterdessen wird die Kritik an den belgischen Behörden lauter. Experten sprachen davon, dass es der belgische Geheimdienst seit den „Charlie Hebdo“-Anschlägen in Paris nicht geschafft habe, die Terrorzellen im Land aufzuspüren. Auch dass sich Abdeslam Monate nach den Anschlägen in Paris mitten in Brüssel verstecken konnte, ehe er vergangene Woche aufgespürt wurde, wirft kein gutes Licht auf die belgische Polizei. Ein BBC-Kommentator vermutete eine mangelnde Kooperation der einzelnen belgischen Behörden.

„Erschreckend ist, dass die belgischen Behörden von den Vorbereitungen offenbar nichts mitbekommen haben“, sagte der Innenminister des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger. Es sei zu befürchten, dass die Islamistenszene in Belgien „entgleitet“.

Keine Meldungen über Opfer aus Österreich

Unter den Opfern der Terroranschläge befinden sich nach derzeitigem Erkenntnisstand keine Österreicher. Dennoch wurden Krisenstäbe im Außenministerium in Wien sowie an der österreichischen Botschaft in Brüssel eingerichtet, wie der Sprecher des Außenministeriums, Thomas Schnöll, am Dienstag auf APA-Anfrage mitteilte.

Das Innenminsterium erklärte, dass „aktuell kein Österreich-Bezug erkennbar“ sei. Routinemäßig seien aber auch in Österreich die allgemeinen Sicherheitsmaßnahmen erhöht worden, teilte Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck mit. So sei die Polizeipräsenz im öffentlichen Raum, insbesondere auf den Flughäfen sowie im öffentlichen Verkehr, verstärkt worden. Die österreichischen Behörden seien derzeit laufend in Kontakt mit den belgischen Kollegen, so Grundböck.

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