Faktor Frau und Single
Die Vorstellung vom Leben einer US-amerikanischen Frau ist durch Klischees geprägt. Zuerst der Besuch der Highschool, dann der obligatorische Abschlussball, die „Prom-Night“, und schließlich die Hochzeit – nicht selten gleich mit dem Highschool-Sweetheart. Es ist das Thema Hunderter Hollywood-Filme. Doch die Realität schaut anders aus: 2009 gab es in den USA erstmals mehr unverheiratete als verheiratete Frauen.
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Die Autorin Rebecca Traister hat sich in ihrem neuen Buch „All the Single Ladies“ mit den Auswirkungen dieser Entwicklung beschäftigt. Und ihre Erkenntnisse sind durchaus auch für die demografische Situation in Österreich von Relevanz.
Singles beeinflussen Politik
Bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2012 waren fast ein Viertel der Wahlberechtigten unverheiratete Frauen. Tendenz steigend. Laut Rebecca Traister hat vor allem die demokratische Partei Singlefrauen als Wählergruppe entdeckt. Barack Obama wäre ohne ihre Stimmen wohl nicht US-Präsident geworden. Und ihre Interessen werden damit stärker berücksichtigt.
Gleich mehrere neue Sozialleistungen, etwa die staatliche Krankenversicherung, die Anhebung der Mindestlöhne und die Einführung von Karenzgeld, können laut Traister auch auf den Stellenwert dieser Wählerschicht zurückgeführt werden. Ob die Frauen tatsächlich Singles sind oder in Partnerschaften leben, spielt nur teilweise eine Rolle. Gemeinsam ist ihnen, nicht mehr von einem Partner abhängig zu sein.
Neue Rollen auch in Österreich
Auch in Österreich spielen unverheiratete Frauen eine immer größere Rolle. Mehr als die Hälfte der Frauen hierzulande ist derzeit nicht verheiratet oder in einer eingetragenen Partnerschaft. Noch in den 1960er Jahren waren Frauen Stammwählerinnen der Konservativen. Traditionelle Werte wie Religion oder Familie waren Frauen wichtiger als Männern. Frauen hatten treu zu sein, und Scheidungen spielten, ebenso wie Karriere, kaum eine Rolle. Das begann sich ab der 1968er-Bewegung zu ändern.

Grafik: ORF.at; Quelle: Statistik Austria
Immer mehr Frauen streben seitdem nach höherer Bildung, verdienen ihr eigenes Geld, haben andere politische Ansichten und sind immer seltener verheiratet. Mit dem neuen Lebensstil veränderte sich auch das Wahlverhalten. Bei der letzten Nationalratswahl in Österreich entschieden sich 45 Prozent der wahlberechtigen Frauen für die SPÖ oder die Grünen, und damit für eher linke Parteien. Bei den Männern waren es nur 33 Prozent.
Familie gründen weniger wichtig
In den 1980er Jahren lag das Durchschnittsalter der Ehen bei Frauen noch bei 23 Jahren. Ehe war notwendig für ökonomische Sicherheit und ein gesellschaftlich akzeptiertes Sexleben der Frau. Die Frauenbewegungen des letzten Jahrhunderts haben die Institution Ehe in Frage gestellt und den Frauen mehr Freiheiten verschafft. Heute heiraten österreichische Frauen mit durchschnittlich 30 Jahren. „Sie arbeiten mehr, entwickeln einen ganz anderen Ehrgeiz und sehen Karriere als Selbstverwirklichung“, sagt Christiane Varga vom Zukunftsinstitut, einem Thinktank zur Trendforschung.
Eine Familie zu gründen, eine Ehe zu schließen, Kinder zu bekommen ist nicht ihre höchste Priorität. Viel eher möchten sie frei und unabhängig leben und ihre Alltagsstrukturen individuell gestalten.
Frauen unter Entscheidungsdruck
Die Individualisierung kann aber aufgrund der Vielzahl an Alternativen auch als „Tyrannei der Möglichkeiten“ gesehen werden, so Christine Geserick vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Beziehungen würden oft scheitern, weil sich die Liebe verflüchtigt und Frauen nicht mehr moralisch oder finanziell an ihren Partner gebunden seien. Obwohl heute größere Freiheiten herrschen, grenzen sich Frauen laut Geserick in ihrer Partnerwahl oft selbst ein.

Christine Geserick
Frauen suchen auch in Sachen Bildungsniveau einen Partner auf Augenhöhe, sagt Christine Geserick vom Institut für Familienforschung
„Frauen tendieren dazu, sich einen Partner auszusuchen, der mindestens einen gleichwertigen Bildungsabschluss hat. Männern ist das nicht so wichtig“, sagt Geserick. Die Auswahlmöglichkeiten für Frauen werden dadurch deutlich reduziert - nicht zuletzt weil Frauen immer höhere Bildungsabschlüsse vorweisen.
Arbeit oft auf Männer ausgerichtet
Höhere Bildung bedeutet auch bessere Aufstiegschancen im Beruf. Der Kinderwunsch wird oft aufgeschoben. Frauen in Vollzeitjobs ohne Kinder stellen auch für Unternehmen eine neue Situation dar. Die auf Männer ausgerichteten Strukturen in der Arbeitswelt werden aufgebrochen, so Varga. „Mit den neuen Frauenrollen verschiebt sich auch das Selbstverständnis der Männer.“ Auch sie müssen sich vermehrt mit Fragen der Erziehung und Kinderbetreuung auseinandersetzen.
Frauen finden dadurch schneller ins Arbeitsleben zurück. Das klassische Familienbild wird nicht mehr existieren. Zahlreiche neue Familienmodelle sind die Folge. Denn nicht der Familienstand, sondern der Lebensstil gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Höhere Erwerbstätigkeit
Mehr Frauen in Jobs bedeuten auch mehr Einnahmen für den Staat. Das Sozialsystem wird durch zusätzliche Steuereinnahmen abgesichert, sagt Ulrike Schneider, Leiterin der Abteilung für Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Allerdings arbeitet mehr als die Hälfte aller Frauen in Teilzeitjobs. Dass ihnen dadurch weniger Pensionsgeld zusteht, ist vielen nicht bewusst. „Teilzeit ist die größte Falle überhaupt“, so Christiane Varga vom Zukunftsinstitut.
Männliche Singles akzeptierter
Zwischen Österreich und den Vereinigten Staaten lassen sich viele Parallelen erkennen. Da wie dort werden verheiratete Frauen immer mehr zur Ausnahme. In beiden Staaten arbeiten Frauen mehr als früher, wählen eher linke Parteien und sind besser gebildet. Dennoch gibt es noch immer viele Probleme. Frauen verdienen weniger, sind öfter in Teilzeitjobs und sie sind nach wie vor jene, die hauptsächlich für die Pflege von Angehörigen verantwortlich sind. Die Autorin Rebecca Traister hat jedoch aufgezeigt, dass vieles im Begriff ist sich zu ändern.
Denn mittlerweile stellen unverheiratete Frauen etwa ein Viertel der Wahlberechtigen und können somit auch nicht mehr ignoriert werden. Ein Singlemann ist jedoch gesellschaftlich noch immer akzeptierter als sein weibliches Pendant, so Varga: „Single zu sein wird immer noch mit einem Mangel konnotiert. Singlefrauen wird dann schnell Unausgeglichenheit unterstellt und das Weibliche abgesprochen.“ Dass Singlefrauen in den USA nicht mehr ignoriert werden können, hat Traister in ihrem Buch aufgezeigt. Dasselbe gilt für Österreich.
Benedict Feichtner, Nermin Ismail und Isabella Purkart, ORF-Akademie
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