„Für mich sehr seltsam“
Von 1994 bis 2007 - drei Perioden lang - hat Tony Blair mit seinen Wahlkämpfen, dem Umbau der Labour-Partei in „New Labour“ und seiner Regierungspolitik die Geschicke Großbritanniens geprägt. Insbesondere galt Blair, ähnlich wie Bill Clinton in den USA, als begnadeter Wahlkämpfer. Umso überraschender, dass Blair nun öffentlich seine Ratlosigkeit eingesteht.
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Bis heute spaltet Blair seine Partei und die britische Öffentlichkeit. Denn eines konnte man ihm nie vorwerfen: dass er nicht vehement seine eigene Meinung vertrat - etwa bei seinem unbedingten Engagement für den zweiten Irak-Krieg an der Seite von US-Präsident George W. Bush. Und nun das: Er versteht eigenen Aussagen zufolge den US-Vorwahlkampf nicht.
Konkret wundert sich Blair in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „Guardian“ während eines US-Aufenthalts über den starken Zulauf von demokratischen Wählern ins Lager von Bernie Sanders. In Nevada unterlag der für US-Verhältnisse weit links stehende, im europäischen Kontext aber sozialdemokratische Politiker wieder seiner Kontrahentin Hillary Clinton. Für Nervosität im Clinton-Lager sorgt aber unverändert der starke Zuspruch, den Sanders bei den Jungen findet.
Wo bleibt die Wählbarkeit?
Blair, der nicht zuletzt wegen seines unbedingten Engagements für den zweiten Irak-Krieg an der Seite Bushs bis heute umstritten ist, betont, es sei „eine der seltsamsten Entwicklungen der aktuellen Politik“, dass die „Frage der Wählbarkeit“ als Faktor bei der Entscheidung der Wahlberechtigten eine so geringe Rolle spiele. „Das ist für mich sehr seltsam“, so Blair, der damit auf Sanders zielt.
Das Phänomen sei mit dem Aufstieg Jeremy Corbyns zum Labour-Chef im Vorjahr vergleichbar. Auch Corbyn gilt als Vertreter des linken Parteiflügels und war ein vehementer Gegner des Irak-Krieges. Beide fordern auch die Abschaffung der Studiengebühren. „Das ist schön und gut, aber irgendwer wird es zahlen müssen. Und kein Krieg - aber es gibt Kriege.“ Die Schlüsselfrage, die sich die demokratischen Parteimitglieder bei der Kandidatenkür überlegen müssten, sei doch, Positionen einzunehmen, „die eine Mehrheit finden können, um Dinge für jene Teile der Bevölkerung umsetzen zu können, die dringend auf Hilfe angewiesen sind“.
„Wut auf die Eliten“
Blair sieht sowohl im Phänomen Sanders als auch bei Corbyn mehrere Faktoren im Spiel. Es gebe etwa „eine Ausdünnung der mittleren Einkommensschicht“. Das Sinken des Lebensstandards sei „für diese Menschen sehr frustrierend“. „Und sicherlich ist es teilweise Wut auf die Eliten, der Wunsch, Leute zu wählen, die am Käfig rütteln.“
Zudem würden die Sozialen Netzwerke die Politik verändern. Als er selbst noch in der Politik gewesen sei, habe sich Widerstand so langsam aufgebaut, „dass die Entscheidungen längst gefallen waren“. Blair diagnostiziert aber auch einen Vertrauensverlust in gemäßigt-progressive Politik, „und dieses Vertrauen müssen wir zurückgewinnen“.
„Radikal innovativ“
Die politische Mitte hat in Blairs Augen das „radikal innovative“ Element verloren. „Ohne das können wir aber nicht in der nötigen Weise führen, anspornen und attraktiv sein.“ Blair ließ offen, ob das auch als leise Kritik an der Kampagne von Clinton zu verstehen ist. Eine direkte Empfehlung für sie wollte Blair in dem Interview nicht abgeben, das sei Sache der Amerikaner. Er lässt aber keinen Zweifel an seiner Vorliebe: Clinton sei „sehr stark und sehr fähig - und ich unterstütze sie“.
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