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Die letzten „Carrie“-Kettchen im Abverkauf

Dass auf Geschäftsauslagen „Wir schließen“ und „50 Prozent auf alles“ zu lesen ist, passiert öfter. Dass Modeblogs darauf mit Aussagen wie „Ich glaube, ich kann nicht mehr leben“ und „Ich werde NICHTS ANZUZIEHEN HABEN!“ reagieren, ist aber ein Indiz dafür, dass es nicht um eine Geschäftsauflösung allein geht, sondern um mehr - konkret das unwiderrufliche Ende der Ära von „Sex and the City“.

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„Sex and the City“ („SATC“), das waren die 90er und beginnenden 2000er Jahre. Das waren über sechs Jahre hinweg die eigentlich ziemlich dekadenten TV-Figuren Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda mit ihren meist recht banalen bis postpubertären Problemen, die trotzdem für Heerscharen von Frauen zu Identifikationsfiguren wurden. Und vor allem war das im Hintergrund Patricia Field, die nun ihre legendäre New Yorker Boutique schließt.

Blahnik ist kein tschechischer Installateur

Field war das stilistische Mastermind hinter der Serie: Vorher hätte man wohl den meisten Menschen erklären können, Manolo Blahnik sei ein tschechischer Installateur mit hispanophilen Eltern oder Christian Louboutin ein Bäcker aus einer Kleinstadt in der Normandie. Nachher wussten (fast) alle, dass es dabei um die Hersteller von Schuhen geht, die sie sich in den wenigsten Fällen selbst leisten können.

Patricia Field und Sarah Jessica Parker am Filmset von "Sex and the City"

Corbis/Retna Ltd./Jim McKenzie

Field und Parker

Die Tochter einer Putzereibesitzerin war schon jahrzehntelang Inhaberin ihrer Boutique im New Yorker Bohemienviertel Bowery gewesen, als ihre Stammkundin Sarah Jessica Parker - frisch mit der Rolle der Carrie beauftragt - ihr den Job der Ausstatterin von „SATC“ verschaffte. Field hatte zuvor schon ohne größeres Echo ein paar kleinere Filme und Serien ausgestattet, auch das vor allem wegen ihrer Stammkundschaft mit gehöriger Promidichte.

Wer dazugehören wollte, musste zu Field

Die Boutique war und ist - Field will Ende Februar zusperren, wenn auch das letzte Stück verkauft sein wird - eine Institution in New Yorker Modekreisen. Zu ihrer Kundschaft zählten nicht nur Sängerin Beyonce, als diese noch von ihrer Mutter ins Geschäft eskortiert wurde, sondern auch Debbie Harry (Blondie), Anne Hathaway, Avril Lavigne, Miley Cyrus, Lady Gaga und andere Promis. Wenn man von Field im Geschäft mit Namen begrüßt wurde, gehörte man „dazu“.

Fields eigener und von ihr im Geschäft angebotener Stil hat denkbar wenig mit dem polierten Luxus von „SATC“ zu tun. Sie ist vielmehr das US-Gegengewicht zur britischen Vivienne Westwood und definierte den Look des US-amerikanischen Punk so, wie Westwood das für die europäische Seite tat. Sie brüstet sich etwa - unwidersprochen - damit, dass sie einer jungen Patti Smith ihre ganze Garderobe weggenommen und durch einen neuen Look ersetzt habe, der stilbildend werden sollte.

Im Niemandsland zwischen Glamour und „shabby“

In ihren jüngeren Jahren war die heute 75-jährige Field tatsächlich stilbildend. Es mag auch am Standort ihres Geschäfts gelegen haben, das zum Treffpunkt der Punk- ebenso wie der Transgender-Szene wurde - eine Kombination, die offensichtlich auf den für sie typischen Stilmix im Niemandsland zwischen Glamour und „shabby chic“ einwirkte. Immer betätigte sie sich dabei nur als Einkäuferin: Bis heute hat sie kein einziges Kleidungsstück selbst entworfen und kann nicht nähen.

Ausverkauf bei Patricia Fields Boutique

picturedesk.com/dpa/Christina Horsten

Das Ende einer Institution

Die wilden Zeiten sind allerdings lange vorbei: Seit dem Erfolg von „SATC“ scheute sie sich nicht, ihren Umsatz mit dem Verkauf von „Carrie“-Goldkettchen an Touristen - früher einmal busweise, zuletzt immer spärlicher - aufzubessern. Auch war nur schwer zu verhehlen, dass das Geschäft immer schlechter ging. Field selbst gibt jetzt zwar glamourös an, sie schließe das Geschäft, weil sie Buch- und Filmpläne habe und darüber hinaus mehr Zeit wolle, um Schwimmen zu gehen. In Wahrheit stand das Geschäft schon letztes Jahr knapp vor dem Zusperren, berichtete die „New York Times“.

Die Gentrifizierung frisst ihre eigenen Kinder

Im Fall von Field hat die Gentrifizierung ihre eigenen Kinder gefressen: Als sie sich - schon damals mit charakteristisch knallrot gefärbten Haaren - in den 80er Jahren dort ansiedelte, gab es vor allem Obdachlosigkeit und Kriminalität, leerstehende Häuser und dazwischen noch den einen oder anderen Gastronomieausstatter und -maschinenhändler. Die Mieten waren in den 80ern auf dem Tiefpunkt angelangt - und die Bowery dementsprechend Hauptanziehungspunkt für alle mit wenig Geld und neuen Ideen.

Es kam, wie es meistens kommt, wenn sich die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort versammeln: Bald wollen auch alle anderen dabei sein. Innerhalb eines Jahrzehnts wurde aus der Bowery, die immer irgendwie verkatert wirkte und es im Hinblick auf viele Bewohner wohl auch war, ein schicker Bezirk mit Galerien, teuren Restaurants und edlen Boutiquen, die durch ihre snobistische Pseudo-Schäbigkeit geradezu frivol waren.

Trauer um den Sockenmann

Die Schönen und Reichen - die dann eben Blahniks und Louboutins statt Punker-Schnürstiefeln trugen - ließen die Mieten steigen und hungerten zugleich jene aus, wegen derer sie gekommen waren. Es ist bezeichnend, dass die Freundschaft zwischen Field und Parker gerade mit dem Erfolg von „SATC“ zusehends erkaltete. Für Field jedenfalls ist das Kapitel Bowery und ihre Boutique erledigt: Sie habe es gerade noch „mit vollen Taschen hier raus geschafft. Und das habe ich mir verdient.“

Von den Bowery-Veteranen der 80er sind inzwischen ohnehin nur noch wenige übrig. Diese wenigen trauern Field auch kaum nach. Demonstrativ schob das Onlinenachbarschaftsportal Bedford + Bowery die Meldung über den Abverkauf bei Field nur an die zweite Stelle der wöchentlichen Meldungen über Alteingesessene, die ihre Geschäfte zusperren müssen. Für wichtiger befanden die Ortsansässigen, dass der „Sock Man“ sein kleines Krimskramsgeschäft mit Socken, Strumpfhosen und Leggings aufgeben müsse.

Lukas Zimmer, ORF.at

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