Der Tote am Strand
„Der Fremde“ war das Schlüsselwerk von Albert Camus und die Bibel ganzer Generationen von Rollkragenpulloverträgern. Es spielt in Algerien - aber was erzählt es uns über das Land und den titelgebenden Araber? Nichts. Und deshalb hat der algerische Autor Kamel Daoud nun „Der Fall Meursault“ geschrieben - „eine Gegendarstellung“.
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Der Roman ist Daouds Erstlingswerk, aber der Autor ist bei weitem kein unbeschriebenes Blatt. Seit Jahren ist er Chefredakteur einer liberalen algerischen Zeitung, seine Kolumne sorgt immer wieder für Debatten im arabischsprachigen Raum. Zuletzt schrieb er einen viel diskutierten Artikel für die „New York Times“ über Geschlechterverhältnisse und Sexualität, in dem er schonungslos die seiner Meinung nach patriarchale und übergriffige arabische Gesellschaft kritisierte.
Diese Erklärung seines Hintergrundes ist notwendig, um das Buch von einem Generalverdacht zu befreien: dass hier ein Haudrauf-Patriot den sensiblen Camus postum niedermetzelt, weil er die Ehre der Araber im Allgemeinen und der Algerier im Speziellen wiederherstellen möchte. So einfach ist die Sache nicht, von beiden Seiten. Denn Camus war kein tumber Kolonialist, dem man taxfrei Rassismus vorwerfen könnte.
Postkolonialer Anarchismus
Camus wuchs in Algerien als Sohn eines französischstämmigen Vaters und einer spanischstämmigen Mutter auf. Der Vater diente und starb im Zweiten Weltkrieg. Während des algerischen Unabhängigkeitskrieges in den 50er Jahren bezog Camus Stellung, allerdings zwischen allen Stühlen.
Er befürwortete das Ende des Kolonialismus durch die Franzosen - wollte aber, dass die Algerier mit den Franzosen im Land einen gemeinsamen Staat gründen, der Frankreich weiter verbunden bleibt. Seine eigentliche politische Utopie war jedoch viel radikaler und beruhte auf einer Art egalitärem und international lose organisiertem Anarchismus. Sprich: Es findet hier kein Match zwischen einem französischen Rassisten und einem algerischen Nationalisten statt.
Der Araber, der Fremde, die Leerstelle
Was also hatte Camus in „Der Fremde“ geschrieben, das einer „Gegendarstellung“ bedarf? Seine Hauptfigur Meursault treibt im Algerien der 30er Jahre wie eine Qualle durch den Tag, scheinbar emotionslos, introvertiert. Sein Nachbar, angeblich ein Zuhälter, hat mit einer Frau eine Rechnung offen. Meursault hilft ihm, sie anzulocken. Rache ist der Plan, aber auf die Aktion folgt stehenden Fußes die Reaktion. Es kommt zur Schlägerei mit dem Bruder der Frau und dessen Freunden. Dann taucht ein Messer auf. Meursault schießt - und tötet den Bruder, den „Fremden“, den Araber.
Der Rest ist Literaturgeschichte. Im Gefängnis, zuerst auf das Urteil wartend, dann der Todesstrafe harrend, sinniert Meursault über seine Tat und über das Leben. Sein Opfer bleibt jedoch immer nur „der Araber“. Das ist Camus nicht einfach nur passiert - er behielt diese Vorgehensweise auch in anderen Texten bei, etwa in der Kurzgeschichte „Der Gast“, wo „der Araber“ ein Mörder auf der Flucht ist. Der Araber ist für Camus nicht einmal eine Projektionsfläche, als Angelpunkt für die weitere Erzählung reicht eine Leerstelle. „Der Fremde“ bleibt genau das: ein Fremder.
Weinselige Schnoddrigkeit
Und wie reagiert Daoud darauf? Er bedient sich eines Kunstgriffs und tut so, als hätte tatsächlich Meursault in „Der Fremde“ seine eigene, wahre Story niedergeschrieben. In „Der Fall Meursault“ wiederum wird eine Figur als schnoddrig vor sich hin palavernder Ich-Erzähler eingeführt, eine Figur, die im „Fremden“ gar nicht vorkommt: Haroun, der Bruder des Opfers von Meursault, ein alternder, verbitterter Mann, den, von der Geschichte vergessen, nach Jahrzehnten ein algerischer, im französischen Exil lebender Literaturwissenschaftler aufstöbert. Die beiden sitzen an ein paar aufeinanderfolgenden Abenden bei vielen Gläsern Wein zusammen.
Buchhinweis
Kamel Daoud: Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung. Kiepenheuer & Witsch, 200 Seiten, 18,50 Euro.
Das Buch lässt sich durchaus auch lesen, wenn man noch nie von Camus gehört hat, es funktioniert eigenständig, obwohl es von Anspielungen auf „Der Fremde“ durchsetzt ist. Schon der erste Satz lautet: „M’ma lebt - immer noch.“ Camus hatte „Der Fremde“ so begonnen: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht.“
Der letzte Satz des Buches wird hingegen eine Analogie zum Ende von „Der Fremde“ sein. Dazwischen breitet der alte Säufer und Misanthrop Haroun sein Leben aus, das ganz im Zeichen des Mordes am Bruder gestanden war: „Jeden Abend taucht mein Bruder Moussa (...) aus dem Reich der Toten auf, zieht mich am Bart und ruft: ‚Oh mein Bruder Haroun, warum hast du das nur zugelassen?‘“
Dabei war Haroun noch ein junger Bub, als Moussa - der jetzt endlich einen Namen hat - von Meursault gemeuchelt worden war. Jahrelang suchte er gemeinsam mit der Mutter immer wieder nach der Leiche Moussas, die jedoch verschwunden blieb.
Bigotterie und soziales Elend
Haroun erzählt im Laufe des Buches über die viel zu enge Beziehung zur Mutter seit Moussas Tod, über seine verkorkste Beziehung zu Frauen, über die koloniale Vergangenheit und dann die gewalttätigen Wirren in und um den algerischen Unabhängigkeitskrieg. Dort, wo bei Camus Introspektion vorherrscht, ergänzt Daoud das ganze Bild: politische Verwerfungen, Bigotterie und soziales Elend. Camus’ Sisyphos wälzt seine Seele bergan, der von Daoud plagt sich ab mit dem Tod des Bruders und der Geschichte des algerischen Volkes.
Eines Tages stößt Haroun auf Camus’ Buch, von dessen Existenz er bis dahin nichts gewusst hatte. Die glasklare Sprache wird gelobt, auch die Klarheit der Gedankengänge. Aber das Buch sei voll der Auslassungen und Lügen. Jene Frau, um die der Streit am Strand damals entbrannt war, sei gar nicht die Schwester von Moussa gewesen. Haroun weiß nicht einmal, in welcher Beziehung sie zu seinem Bruder stand. „Hatte er es nötig, eine so unwahrscheinliche Geschichte von einer Strichnutte zu erfinden, deren Bruder sie rächen wollte?“ Und dann der fehlende Name:
„Seit Jahrhunderten vermehrt unser Monsieur Kolonialherr seinen Reichtum und gibt den Dingen, die er sich ungefragt aneignet, Namen und entfernt sie dort, wo sie ihn stören. Wenn er im Buch meinen Bruder den Araber nennt, dann macht er das, um ihn zu töten, so, wie man die Zeit totschlägt, wenn man sich ohne Sinn und Ziel herumtreibt.“
Der Sinn des Lebens
Schließlich wird sich Haroun selbst eine große Schuld aufbürden - in der überraschenden Wende von Daouds Roman, der über weite Strecken keine Gegendarstellung ist, sondern eine Ergänzung von „Der Fremde“. „Der Fall Meursault“ ist ein Entwicklungsroman unter umgekehrten Vorzeichen: Hier verliert jemand seine Persönlichkeit zusehends. Es ist ein deprimierendes Buch, aber auch eine anregende Lektüre, zumindest für alle, deren Jugend geprägt war von Kolonialismuskritik, Camus und The Cure („Killing an Arab“ - hier mit Bildern aus der Visconti-Verfilmung).
Die eigentliche Rache des Arabers Daoud an Camus jedenfalls ist: Im Buch wird der französische Existenzialist und Nobelpreisträger kein einziges Mal namentlich genannt. Daoud sieht darüber hinaus keinen Grund zur Abrechnung. Sowohl Meursault als auch Moussa sind „Opfer der Umstände“. Opfer der Absurdität der Welt, aus der es kein entrinnen gibt. Der eine tritt den Zumutungen des Lebens gleichgültig gegenüber - außer in der Stunde seines Todes. Der andere verzweifelt an ihnen, aber bleibt am Leben. Einen Gott gibt es nicht. Und die Sinnfrage zu stellen ist sinnlos. Warum wir existieren? Darum.
Simon Hadler, ORF.at
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