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Polizei fiel Missbrauch nicht auf

Im deutschen Köln findet nach den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht am Dienstag ein Krisentreffen statt. Nachdem Tage danach langsam die Dimension des Vorfalls bekanntwird, herrscht in der Stadt Entsetzen. Politiker verurteilten die Übergriffe aufs Schärfste, bei der Polizei zeigte man sich bestürzt.

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Etwa 1.000 Männer hatten sich laut Polizei am Silvesterabend auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt. Dem Aussehen nach sollen sie „aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. Das hätten alle Zeugen übereinstimmend ausgesagt.

Bereits 90 Anzeigen

Ähnlich hatten sich die Polizei und die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Pressemitteilungen geäußert. Aus der Menge bildeten sich laut den Angaben Gruppen von mehreren Männern, die Frauen umzingelt, bedrängt und ausgeraubt haben sollen. Polizeipräsident Wolfgang Albers sprach am Montag von „Straftaten einer völlig neuen Dimension“ und einer Vergewaltigung.

Bis Dienstagmittag stieg die Zahl der Anzeigen laut Polizei auf etwa 90. Davor hatte es geheißen, den meisten Frauen seien Taschen, Handys oder Geldbörsen gestohlen worden, und nur ein geringer Teil von ihnen sei sexuell angegriffen worden.

Böller in Menschenmenge geworfen - Platz geräumt

Die Polizei hatte die Ansammlung auf dem Bahnhofsplatz in der Silvesternacht nach eigener Darstellung beobachtet und den Platz schließlich vorübergehend räumen lassen, weil Böller in die Menge geworfen wurden - der vielfache Missbrauch sei den Beamten zunächst nicht aufgefallen. Erst im Laufe der Silvesternacht und in den Folgetagen war das Ausmaß der Gewalt deutlich geworden, die von der Gruppe ausgegangen sein soll.

Als zwischen 1.00 und 1.30 Uhr bei der Kölner Polizei und der Bundespolizei die ersten Anzeigen erstattet wurden, habe die Polizei von dem „massiven Vorgehen“ erfahren, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) von Nordrhein-Westfalen, Arnold Plickert, der dpa. Die Vorfälle hätten eine neue Qualität. „Das ist im Prinzip ein organisiertes Vorgehen, was wir da festgestellt haben“, sagte Plickert. Es müsse ermittelt werden, wie es möglich gewesen sei, „dass diese tausend nach Köln gekommen sind und sich da getroffen haben“.

Laut Polizei keine Flüchtlinge

Laut „Kölner Stadtanzeiger“ gab die Polizei an, die Täter seien keine Flüchtlinge. Sie seien den Behörden seit Monaten bekannt und bisher durch Taschen- und Trickdiebstähle sowie Raubüberfälle aufgefallen. In anderen Medien wiederum ist die Rede von mehreren verdächtigen Personen, die Asylbescheide bei sich hatten. Noch bevor Näheres über die Täter bekanntwurde, wurde in Sozialen Netzwerken und Medien darüber spekuliert, dass es sich bei den Tätern wohl um Flüchtlinge handle. Auch gab es Kritik daran, dass das Ausmaß der Vorfälle erst so spät bekanntwurde.

Am Sonntag nahmen Polizisten in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs fünf Männer fest, die Frauen bedrängt und Reisende bestohlen haben sollen. Ob sie auch etwas mit den Taten in der Silvesternacht zu tun haben, ist nach Angaben der Ermittler noch unklar. Die Kölner Polizei richtete nach den Vorfällen eine Ermittlungsgruppe ein.

Übergriffe auch in Hamburg

Auch in Hamburg soll es zu Silvester zu zahlreichen Übergriffen auf junge Frauen gekommen sein, bestätigte die Polizei entsprechende Medienberichte. Die Opfer seien jeweils von mehreren Männern an der Reeperbahn umringt und an der Brust oder im Intimbereich angefasst worden, sagte Polizeisprecher Holger Vehren am Dienstag. Zugleich hätten ihnen die Täter Handys, Papiere und Geld weggenommen. Es gehe um neun Fälle von sexueller Beleidigung, Raub und räuberischem Diebstahl. Ähnliche Vorfälle wurden auch aus Stuttgart gemeldet.

Demo geplant

Angesichts der Übergriffe in Köln riefen Organisationen zu einer Demo gegen Gewalt gegen Frauen auf. Eine Privatperson habe eine einstündige Versammlung für Dienstagabend vor dem Kölner Dom mit bis zu 80 Teilnehmern angemeldet, sagte ein Polizeisprecher. Es könnten aber deutlich mehr werden. Organisationen riefen in Sozialen Netzwerken dazu auf, sich an dem Protest zu beteiligen. Rechtsextreme Gruppen seien ausdrücklich nicht erwünscht, zitierte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Internet aus einem Aufruf.

Bürgermeisterin: Keine Toleranz

An dem von der Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker angesetzten Krisentreffen sollen unter anderem die Kölner Polizei, die Bundespolizei und Stadtdirektor Guido Kahlen teilnehmen. Reker bezeichnete die Vorfälle im „Kölner Stadt-Anzeiger“ als „ungeheuerlich“. Es könne nicht sein, dass Besucher, die nach Köln kämen, Angst haben müssten, überfallen zu werden.

„Wir können nicht tolerieren, dass hier ein rechtsfreier Raum entsteht“, sagte die parteilose Politikerin der Zeitung. Polizei und Bundespolizei seien „dringend gefordert“. Es müssten Schritte unternommen werden, um „insbesondere Frauen vor solchen Übergriffen zu schützen“. Möglicherweise müsse man auch die Videoüberwachung im Hauptbahnhof ausweiten.

Justizminister fordert Konsequenzen

Konsequenzen forderte auch der deutsche Justizminister Heiko Maas (SPD). „Die abscheulichen Übergriffe auf Frauen werden wir nicht hinnehmen“, twitterte er am Dienstag. „Alle Täter müssen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden.“

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) reagierte scharf auf die Ereignisse. „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen“, zitierte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ den Minister. „Deshalb ist es notwendig, dass die Kölner Polizei konsequent ermittelt und zur Abschreckung Präsenz zeigt.“

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