Tokio scheitert an eigenen Vorgaben
Japan gilt innerhalb der westlichen Industrienationen als Schlusslicht, was die Gleichberechtigung von Frauen in der Arbeitswelt angeht. Die japanische Regierung setzte sich zwar bereits vor über einem Jahrzehnt die Aufgabe, das zu ändern, erreicht hat Tokio bisher allerdings kaum etwas.
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30 Prozent: Diese Zahl trug die japanische Regierung in den vergangenen Jahren vor sich her. Bis 2020 sollte der Anteil an Frauen in Führungspositionen auf diese Zahl anwachsen – sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Dienst. 2003 gab der damalige Premierminister Junichiro Koizumi das Ziel aus. Und auch Shinzo Abe, seit 2012 Regierungschef, machte eine Erhöhung des Frauenanteils auf 30 Prozent zu einem der Kernthemen seines „Abenomics“ genannten Wirtschaftsprogramms.
„Die zurzeit realistischste Zahl“
Doch Ende letzten Jahres ruderte Tokio zurück. Anfang Dezember revidierte das Gleichbehandlungsbüro der japanischen Regierung die eigenen Pläne - und zwar gerade dort, wo Tokio eigentlich aktiv eingreifen könnte: Im öffentlichen Dienst soll der Frauenanteil in Führungspositionen in den kommenden fünf Jahren gerade einmal auf sieben Prozent ansteigen.
„Wir haben das Ziel von 30 Prozent nicht aufgegeben [...], aber das neue Ziel ist zurzeit die realistischste Zahl“, sagte Kabinettsmitarbeiter Yosuke Konno der Nachrichtenagentur AFP. Tatsächlich wären sogar die nun genannten sieben Prozent noch eine Verdopplung der aktuellen Zahl. Zurzeit ist in Japan gerade einmal jede dreißigste Führungsposition im öffentlichen Dienst mit einer Frau besetzt.
Japans Unternehmen wollten keine Belohnung
Wie die News-Website Quartz schreibt, hätte sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet, dass die angestrebten 30 Prozent nicht zu schaffen sind. Im April 2014 stellte der japanische Sozialminister Wakio Mitsiu etwa ein Programm vor, das Unternehmen belohnte, falls sie Frauen in leitende Positionen hoben. Die japanische Regierung, allen voran Premier Abe selbst, bezeichnete die Initiative als „Herz unserer Wachstumsstrategie“. Eineinhalb Jahre später gilt das Programm aber vorerst als gescheitert: Kein einziges japanisches Unternehmen nahm das Angebot an.
Die Vorlagen seien zu hoch, hatte es zuvor von Unternehmensseite geheißen. Dabei konnten Firmen selbst entscheiden, wie viele Führungsposten sie mit Frauen besetzen wollten, und bekamen für die Umsetzung sogar sechs Monate Zeit. Allerdings mussten sie ihren Mitarbeiter 30 Stunden Fortbildung zu Gleichberechtigungsfragen anbieten.
Diskriminierung mit System
Gerade hier hakt es in der japanischen Arbeitswelt ganz besonders. Erst im November präsentierte das japanische Sozialministerium eine Studie zum Umgang mit Schwangeren im Job. Deren Ergebnis war ernüchternd: Rund die Hälfte aller berufstätigen Frauen in Japan gaben an, sie seien in der Schwangerschaft am Arbeitsplatz diskriminiert und belästigt worden. Jede Fünfte wurde sogar entlassen.
Oftmals wurde Schwangeren vorgeworfen, sie würden „Probleme bereiten“, schreibt etwa der „Indepent“. In Japan existiert mittlerweile sogar ein eigenes Wort: Matahara - vom Englischen „Maternity Harassment“ - nennen es Japaner, wenn Schwangere und Mütter am Arbeitsplatz diskriminiert werden. Rund 70 Prozent der Frauen geben ihren Job nach dem ersten Kind überhaupt auf.
Alternde Gesellschaft braucht Frauen
Die meisten Experten sind sich freilich einig, dass Japans Wirtschaft dringend auf Frauen angewiesen ist. Sie könne sich einen Verzicht auf Frauen nicht leisten, heißt es. Denn noch stärker als der Sexismus prägt die japanische Gesellschaft ihre zunehmende Überalterung. Bereits jetzt ist jeder vierte Japaner über 65 Jahre alt. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sinkt jedes Jahr um etwa ein Prozent.
Zugleich ist die Geburtenrate auf einem historischen Tiefststand - wohl nicht zuletzt wegen der sexistischen Diskriminierung am Arbeitsplatz. Doch zugleich fehlt es an Kinderbetreuungsplätzen. Dessen scheint sich auch die japanische Regierung bewusst zu sein. Erst Ende November kündigte Abe insgesamt zehn neue Gesetze an. Die Regierung wolle Kindergärten bauen, Sozialleistungen erhöhen und gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz vorgehen, ließ der Premier ausrichten. Es wird sich zeigen, ob die Regierung sich nicht erneut zu hohe Ziele gesteckt hat.
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