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„Es ist nicht egal, was Kinder lesen“

Lesen, schreiben, rechnen – neben vielen anderen Fähigkeiten, die Kinder in der Schule erwerben, gelten diese drei immer noch als Grundkenntnisse für Taferlklassler. Gerade beim Lesen sind die Ausgangsbedingungen aber nicht für alle Kinder gleich: Vorlesen ist die Mutter des Lesens, sagte schon Goethe - doch während manche Eltern ihren Kindern bereits im Babyalter vorlesen, tun andere das nie.

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Und während in manchen Kinderzimmern Regale voller Bücher stehen, gibt es in anderen kein einziges Buch. Laut einer aktuellen Studie aus Deutschland sind Kleinkinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, später in der Schule beim Lesen und auch ganz allgemein im Fach Deutsch erfolgreicher.

Keine Frage von Glück oder Pech

Trotz ungleicher Ausgangsbedingungen: „Beim Schuleintritt ist noch gar nichts verloren“, sagt Franz Lettner vom Institut für Jugendliteratur in Wien im Gespräch mit ORF.at. Bei Kindern, denen von ihrer Familie Lesen, Vorlesen und überhaupt der Kontakt mit Büchern nicht mitgegeben werde, müsse eben die Schule einspringen - und auch vorher schon der Kindergarten. „Das ist die Pflicht dieser Institutionen“, so Lettner, „sonst würde man ja von vornherein akzeptieren, dass die einen Glück haben und die anderen Pech.“

Leseübung

ORF.at/Romana Beer

Lesepatin Gudrun Gabler kommt einmal in der Woche für zwei Stunden in die Julius-Meinl-Volksschule in Wien-Ottakring. „Ihre“ Kinder freuen sich auf die gemeinsame Lesezeit mit der Pensionistin.

Um auch jenen Kindern mit weniger günstigen Ausgangsbedingungen das Lesenlernen zu erleichtern, gibt es das Projekt Lesepate. Dabei kommen Freiwillige an die Schulen, um mit Kindern gemeinsam zu lesen und sie beim Lesenlernen zu unterstützen. Welche Kinder einen Lesepaten zugeteilt bekommen, entscheiden die Klassenlehrer.

„Willkommene und sinnvolle Ergänzung“

1.300 Lesepatinnen und Lesepaten sind zurzeit in Wiener Schulen im Einsatz - großteils an Volksschulen, aber auch an Neuen Mittelschulen (NMS), Sonderpädagogischen Zentren (SPZ) und allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS). Das Projekt läuft in Wien bereits das fünfte Jahr - seitdem hat sich die Lesekompetenz der Volksschüler verbessert, wie die aktuellen Ergebnisse des Wiener Lesetests zeigen: Volksschüler der vierten Klassen konnten ihre Leseleistungen gegenüber den Erhebungen der Vorjahre steigern.

Das hänge zwar nicht ausschließlich, aber auch mit den Lesepaten zusammen, sagt Elisabeth Fuchs vom Wiener Stadtschulrat im Interview mit ORF.at. Einer der Vorteile des Projekts sei eben, dass sich der Lesepate ganz einem Kind widmen kann, was für Klassenlehrer schwierig sei. Bei Kindern mit großen Schwierigkeiten seien Lesepaten ein wichtiger Faktor. Ohne sie breche der Unterricht zwar auch nicht zusammen, so Fuchs, aber: „Sie sind eine willkommene und sinnvolle Ergänzung.“

Weitaus mehr Lesepatinnen als Lesepaten

Lesepaten müssen sich mindestens eine Stunde pro Woche Zeit nehmen, um ihren Schützling beim Lesenlernen zu unterstützen. Anfangs hätten sich hauptsächlich Pensionistinnen gemeldet, so Fuchs. Daher sei auch die Bezeichnung „Leseoma“ entstanden. Mittlerweile gebe es aber auch zahlreiche Studierende und Berufstätige. Männer seien allerdings weitaus weniger unter den Lesepaten zu finden als Frauen. Die wenigen Männer, die sich melden, großteils Pensionisten, seien aber ganz besonders engagiert, so Fuchs.

Leseübung

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Der Kontakt mit den Kindern ist für Gabler das Schönste an ihrer Aufgabe: „Es ist wichtig, dass man mit ihnen auf Augenhöhe ist und sie ernst nimmt.“

„Lesen ist weiblich“, bestätigt Lettner vom Institut für Jugendliteratur. Für das Lesepatenprojekt wäre es daher wichtig, dass auch Männer teilnehmen „und nicht wieder nur die Leseomas“. Studien würden zeigen, dass Buben und Mädchen in der ersten Klasse Volksschule noch die gleiche Lust darauf haben, Geschichten zu hören. In der vierten Klasse sei das Interesse bei Mädchen bereits viel größer - „da kann man nicht sagen, das liegt nur an den Eltern“.

„Gute Geschichten von Anfang an“

„Um Lesen zu lernen, müssen Kindern lesen lernen wollen“, sagt Lettner. „Sie müssen erkennen, dass Lesen spannend genug ist, um die Mühe des Lesenlernens auf sich zu nehmen.“ Der erste Schritt dazu ist das Vorlesen: Dadurch würden Kinder die Liebe zu Geschichten entdecken - ohne Stress und ohne eine eigene Leistung erbringen zu müssen. Bei vielen Erstlesebüchern sei allerdings die Geschichte langweilig oder blöd, so Lettner.

Diese Buchreihen - „erkennbar an der biederen Grafik und daran, dass die Lesestufe groß draufsteht" - würden aber oft gekauft, meist von Großeltern, die beim Geschenk für die Enkel auf Nummer sicher gehen wollen“, so Lettner. Wenn Bücher platt seien und eine schlechte Dramaturgie hätten, sei die Botschaft für das Kind aber: Lesen lernen zahlt sich nicht aus. Lettner plädiert für gute Geschichten von Anfang an - auch für Kinder „ist es nicht egal, was man liest“.

Mehrsprachigkeit auch bei Lesepaten gefragt

Gerade in der Volksschule sei es wichtig, dass Lesen und Vorlesen regelmäßig in den Schulalltag einbezogen werde, so Lettner. Den Geschichten müsse dabei möglichst viel Raum gegeben werden - wie eben durch das Lesepatenprojekt. Neben Deutsch sucht die Stadt Wien auch Lesepatinnen und Lesepaten für Kinder mit anderen Erstsprachen: die muttersprachlichen Lesepaten. Sie sollen mit Kindern etwa in Türkisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch (BKS) und Arabisch lesen. „Viele Schulen wünschen sich muttersprachliche Lesepaten“, so Fuchs, nur wenige Interessierte hätten sich aber bisher gemeldet.

Leseübung

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„Lesen ist wichtig“, sagt Lesepatin Gabler, die bereits das vierte Jahr in die Volksschule Julius-Meinl-Gasse kommt. Bei vielen Kindern merke sie, „dass sie zu Hause gar nicht gefördert werden“.

26,7 Prozent der Kinder an öffentlichen Volksschulen in Österreich hatten im vergangenen Schuljahr eine andere Umgangssprache als Deutsch. An Wiener Volksschulen waren es 60,1 Prozent. Das bedeutet nicht, dass diese Kinder nicht auch Deutsch sehr gut sprechen und verstehen. Von der Förderung der Muttersprache profitiert allerdings auch die Zweitsprache Deutsch. Denn kann man erst einmal in der Muttersprache gut lesen und ist die Begeisterung für Bücher geweckt, dann tut man sich auch in der Zweitsprache – Deutsch – leichter. Lesepaten in anderen Sprachen als Deutsch sind außerdem eine sinnvolle Ergänzung für den muttersprachlichen Unterricht, der in österreichischen Schulen zurzeit in 25 Sprachen angeboten wird.

Viele wollen Flüchtlingskindern helfen

Das Konzept der muttersprachlichen Lesepaten könnte allerdings auch über das Lesen hinausgehen: Seit Anfang September sind rund 8.000 Flüchtlingskinder neu an Österreichs Schulen. Viele Familien, die gerade erst nach Österreich geflüchtet sind, sprechen noch kaum Deutsch. Durch die Kenntnis der Muttersprache könnten Lesepaten für diese Kinder und ihre Eltern auch zu Ansprechpersonen und Übersetzern in anderen Bereichen werden. Denn trotz großen Engagements vieler Lehrer und Schulleiter sind die ersten Schritte in einer neuen Schule in einem fremden Land, dessen Unterrichts- und Amtssprache man nicht versteht, nicht einfach.

Leseübung

ORF.at/Romana Beer

„Schon ich als Laie kann helfen“, sagt Lesepatin Gabler, die die österreichische Bildungspolitik genau verfolgt. Dass „überall gespart wird“, hält sie für wenig sinnvoll, denn: „Zusätzliche Förderung für schwächere Schüler ist wichtig.“

Laut Fuchs gibt es in diesem Schuljahr einen starken Anstieg an Anfragen aus der Bevölkerung beim Stadtschulrat: Viele rufen an, weil sie Flüchtlingskindern helfen möchten, etwa in die Schulen gehen und mit ihnen Deutsch lernen. Das gehe aber nicht, so Fuchs, denn dafür hat die Schule ein eigenes System. Für Flüchtlingskinder gibt es etwa neben dem regulären Unterricht die „Neu in Wien“-Kurse. In diesen wird ihnen nicht nur Deutsch beigebracht, sondern beispielsweise auch Landeskunde. Zusätzlich gibt es Alphabetisierungskurse für Kinder, die das lateinische Alphabet lernen müssen, wie etwa syrische Kinder deren Erstsprache Arabisch ist.

Man sage den Menschen, die helfen wollen, dass sie zwar nicht einfach in die Schulen gehen könnten, um mit Kindern Deutsch zu lernen, aber dass auch viele der Flüchtlingskinder über kurz oder lang Lesepaten brauchen könnten. „Man kann es nicht ausufern lassen“, so Fuchs, es gebe viele gesetzliche Grundlagen, die passen müssen. Die Schule habe außerdem einen klaren Auftrag und Pflichten, etwa die Aufsichtspflicht.

Schule muss nicht alles alleine leisten

Das Lesepatenprojekt zeigt allerdings, dass die Schule als Institution nicht alles alleine leisten muss. Gerade in der Schule treffen Kinder aus den unterschiedlichsten kulturellen, aber auch sozialen Lebenswelten aufeinander – und mit ihnen ihre Familien. Gleichzeitig zeigen große Teile der Bevölkerung seit Monaten, dass sie Flüchtlingen und Migranten helfen und zu ihrer Integration in Österreich beitragen möchten. Wenn die Schule als Institution sich öffnet und die vielzitierte Zivilgesellschaft einbindet, können unzählige Möglichkeiten dazu entstehen. Das Lesepatenprojekt ist nur eine davon.

Romana Beer, ORF.at

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