Themenüberblick

Über 30 Kinder seit Freitag gestorben

Am Sonntag hat sich die tragische Serie an Bootsunglücken in der Ägäis fortgesetzt. Für elf Flüchtlinge kam vor der griechischen Insel Samos jede Hilfe zu spät. Unter den Opfern sind auch zwei Kinder und vier Babys.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Wie das griechische Fernsehen am Sonntag berichtete, konnte die Küstenwache 15 weitere Menschen retten. Zwei Insassen des Bootes wurden noch vermisst. Die Gruppe hatte versucht, von der Türkei aus zur griechischen Insel Samos überzusetzen. Dabei sei das kleine Boot an einem felsigen Küstenabschnitt zerschellt. Zunächst fanden die Rettungskräfte eine Frau, die ums Leben gekommen war. Anschließend entdeckten Taucher zehn Leichen von Flüchtlingen im Bootswrack.

Weiter südlich versuchten Rettungskräfte, vor der Insel Rhodos rund 150 Migranten an Land zu bringen. Ihr Boot war wegen der starken Winde in Seenot geraten. Zwei Verletzte seien ins Krankenhaus von Rhodos gebracht worden, berichteten örtliche Medien.

Bereits mehr Tote als im gesamten Vorjahr

Bereits am Tag zuvor waren drei weitere Flüchtlingsboote auf dem Weg Richtung Lesbos gekentert. Mehr als 100 Flüchtlinge seien von der türkischen Küstenwache und von einem nahen Frachtschiff gerettet worden, meldete die Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf Angaben aus Sicherheitskreisen vom Samstagabend. Vier Menschen, darunter drei Kinder, seien aber noch vor dem Eintreffen der Rettungskräfte ertrunken. Fünf gerettete Kinder schweben laut der Nachrichtenagentur noch in Lebensgefahr.

Kind wird an Land gezogen

Reuters/Giorgos Moutafis

Für dieses Kleinkind kam die Hilfe am Samstag gerade noch rechtzeitig

Nach einer vorläufigen Bilanz der griechischen Behörden ertranken seit Freitag in der Ägäis 49 Flüchtlinge. Unter ihnen waren mindestens 31 Kinder. Insgesamt kamen in den ersten zehn Monaten 2015 bereits über 3.300 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben, mehr als im gesamten Jahr 2014, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitteilte.

Stürme, Regen und Kälte lassen Gefahr steigen

Die Zahl könnte bis Jahresende noch deutlich steigen. Denn mit dem bevorstehenden Winter wird die Fahrt noch risikoreicher. Von November bis März fegen immer wieder Stürme über das Mittelmeer, Tiefdruckgebiete sorgen für starke Regenfälle. Neben dem stürmischen Seegang kann auch die Kälte schnell lebensbedrohlich werden. „Die Luft selbst ist eine Gefahr. Wenn ich ohne Schutzkleidung auf offenen Booten sitze, dann kühle ich aus“, so der Sprecher der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), Christian Stipeldey, gegenüber der dpa.

Besonders dramatisch werde es, wenn Boote auf See kenterten. „Im Wasser hat man möglicherweise nur wenige Minuten, bis man bewusstlos wird oder bis man Spritzwasser einatmet und über das Spritzwasser, das man in die Lunge eingeatmet hat, innerlich ertrinkt“, so Stipeldey. Auch wenn das Boot nicht kenterte, sei Spritzwasser eine Gefahr, so der Experte. Viele Flüchtlinge seien stunden- oder tagelang auf flachen Booten unterwegs und atmeten durch die Luft fliegendes Wasser mit der Atemluft ein. Sammle sich das in der Lunge, könne es schnell lebensbedrohlich werden. „Je bewegter das Meer ist, desto mehr Wasser ist in der Luft“, sagte Stipeldey.

Direkte Fähren und Grenzöffnung gefordert

Angesichts der jüngsten Unglücke mehren sich in Griechenland die Stimmen jener, die den Flüchtlingen eine alternative Route nach Europa anbieten wollen. Der Bürgermeister der griechischen Insel Lesbos, Spyros Galinos, forderte, dass künftig Fähren Flüchtlinge direkt und sicher aus der Türkei nach Griechenland bringen sollen.

Solange die EU nicht den geeigneten Druck auf die Türkei ausübe, den Flüchtlingszuzug zu kontrollieren, bleibe keine andere Möglichkeit, als diese Menschen zur Registrierung mit Fähren auf seine Insel zu bringen, damit sie nicht im Meer ertränken. „Wir müssen dieses Verbrechen beenden“, sagte Galinos der Athener Zeitung „Kathimerini“ (Samstag-Ausgabe). Die Leichenhallen der Insel seien voll mit Opfern, so der Bürgermeister.

Die der Opposition angehörende Regionalgouverneurin der Inseln der Nordägäis, Christina Kalogirou (Konservative Partei Nea Dimokratia), rief Athen überdies auf, angesichts der schlimmen Lage auf den Inseln, über die Öffnung der Landesgrenze (zur Türkei) nachzudenken.

Athen lehnt Vorschläge ab

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras zeigte sich vor dem Wochenende zwar bestürzt über die jüngsten Flüchtlingstragödien in der Ägäis. Vorschläge wie von Galinos und Kalogirou lehnt die griechische Regierung allerdings ab. Das sei „in dieser Phase aus technischen Gründen nicht möglich", sagte der für Migration zuständige Vizeminister Ioannis Mouzalas der Athener Zeitung "To Vima“ am Sonntag.

In Athen befürchtet man, dass eine Öffnung der rund 200 Kilometer langen Landesgrenze zur Türkei die Fluchtbewegung Richtung Europa noch verstärken könnte. Das würde zu einer dramatischen Erhöhung der Zahlen von Schutzsuchenden auf ihrem Weg in Richtung Westeuropa über die Balkan-Route führen, zitierte die dpa am Samstag einen Offizier der griechischen Küstenwache: „Und das will ja keine Regierung in Westeuropa.“

Griechenlands linker Regierungschef Alexis Tsipras wolle aber alle Behörden, Organisationen und die Kirche des Landes mobilisieren, damit den Flüchtlingen geholfen werde, berichteten griechische Zeitungen am Wochenende. Tsipras wolle in die Türkei reisen, um das gemeinsame Vorgehen zu koordinieren.

Links: