Drängende Aufgaben der Gegenwart
Der Blick in die Städte der Zukunft kann ernüchtern. Urbanismus setzt immer noch auf Automobilität, Optimierung der Work-Life-Balance zugunsten der Arbeit und der Wiederherstellung von Arbeitskraft. Aber soziale Nischen findet man in der Stadt von morgen nicht. Das weiß auch das Ars Electronica Center, das beim heurigen Festival den kühnen Bildern visionärer Zukunftsstädte bewusst gegensteuern will. Lehren, so zeigt ein Projekt aus Jordanien, kann man auch aus den Aufgaben ziehen, die sich bei der Unterbringung geflohener Menschen stellen.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Städte der Zukunft, die man schon heute betreten kann, gibt es besonders in Asien zuhauf. Doch selten, gesteht auch der Leiter des Ars Electronica, Gerfried Stocker, treffe man auf Orte, die tatsächlich so etwas wie die Option gesellschaftlicher Veränderung aufzeigen würden. Eigentlich, so Stocker im Gespräch mit Ö1, schreibe man sehr alte Paradigmen der Stadt weiter - mehr dazu auch in oe1.ORF.at.
Gegenwart holt frühere Visionen ein
Wenn aber große Zukunftsvisionen, die vor allem das soziale Element und die dauernde Veränderung der Gesellschaft miteinschließen, von den Planern aktueller Zukunftsstädte nicht zu erwarten sind: Welche Aufgabe fällt dann einem Kunstfestival zu? Mit einem Set kühner Entwürfe allein kann man heute nicht mehr punkten - nicht mit der Erkenntnis, dass die Gegenwart die Zukunftsausrichtung des Ars Electronica längst eingeholt hat.

Marlene Lübke-Ahrens
Für wen wird die Stadt der Zukunft optimiert? Für noch schnellere Verkehrs- und Kommunikationswege? Welchen Raum kann sich der Einzelne dabei schaffen?
Das Ars Electronica Festival, so Stocker, komme noch „aus einer Zeit, wo die digitale Welt eine mutige, ferne Zukunftsvision war“. Doch mittlerweile sind die Ausgangsfragen des Festivals nicht mehr die einer Elite, sondern betreffen eigentlich alle. Insofern will man besonders mit neuer Spiel, Ausstellungs- und Gestaltungsfläche in die Breite gehen. Heuer ist das die sogenannte (im Namensspiel ein bisschen postmoderne) „Post City“, ein Ausstellungsgelände im aufgelassenen Postverteilungszentrum neben dem Linzer Hauptbahnhof, in dem man die Thematisierung zukünftiger Stadträume inszeniert.
Selbstfahrende Autos
Selbstfahrende Autos existieren bereits. Ein Mercedes-Prototyp feiert im Rahmen der Ars Elektronica in Linz seine Europapremiere.
Die Suche nach dem idealen Ort
Wie eigentlich ein idealer Ort aussehe, von dem nichts mehr zurückgenommen werden müsse, wird der österreichische Musiker Bertl Mütter zu Beginn fragen und damit einen sehr alten Begriff aufladen: Oft ist der ideale Raum genau der, den es (noch) nicht gibt, der zu verwirklichen wäre, der Ou Topos.

Martin Hieslmair
„Post City“ zeigt Orte zur Erkundung des Urbanismus der Zukunft auf
In der Linzer Posthalle stehen auch noch die alten Postverteilermaschinen mit ihren riesigen großen Schrägaufzügen und Rutschen. Peter Androsch und Anatol Bogendorfer gestalteten daraus ihre große „Diaspora Maschine“, die wie ein Organon-Modell dasteht - die Verteilung von Licht, Klang und Stimmen im Raum steht hier auch für die Migrationsströme, die für die Gesellschaft Gegenwarts- und noch drängendere Zukunftsfrage sein werden.

Florian Voggeneder
Die Briefverteilungsrutsche wird zur „Diaspora Maschine“
So hautnah wie in diesem Herbst drängten sich die Fragen zur Bewältigung der unterschiedlichsten Migrationsbewegungen wohl noch nie auf. Und trotz allen Verdrängens weiß man auch hierzulande, dass es Lösungen braucht, die recht bald konkret werden und nicht bloß Vision und ferne Zukunftsmusik sind.
Lehren aus der Extremsituation ziehen
Stark präsent im Rahmen dieses Festivals ist auch Kilian Kleinschmidt, ehemaliger Sonderbeauftragter des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlingsfragen (UNHCR) und mittlerweile auch Berater der österreichischen Regierung. Er stellt im Rahmen des „Post City Symposiums“ ein Projekt vor, das im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien entstand: „Post Refugee City“ entwickelten der Fotograf Lukas Maximilian Hüller und der Künstler Hannes Seebacher, um damit vor allem für die Rechte der Kinder zu sensibilisieren.
Die Würde des Menschen unter extremen Umständen zu achten, das sei im Lager Zaatari eine der Hauptaufgaben. Kleinschmidt will sich selbst aber nicht als „Helfer“, sondern vielmehr als Manager und Organisator verstanden wissen. Es brauche besonders in Notsituationen mehr als nur die Bereitstellung von Zelten, Wasser und Brot. Insbesondere in den Camps müsse man Flüchtlinge als Bürger begreifen und mit in die Arbeitsabläufe involvieren. Insofern sei er eben eine Art Manager bei der Zusammenarbeit mit den Betroffenen, um menschenwürdigen Lebensraum zu schaffen. Der Mensch sei „kein Herdentier“, auch nicht in einer Krise, er brauche Identität, so Kleinschmidt.

Lukas Maximilian Hüller
Projekt „Post Refugee City“: Auch hier stellen sich zentrale Fragen über das Zusammenleben in verdichteten Räumen.
Schon als es keine Gemeinschaftsduschen mehr gegeben habe, sondern Privattoiletten und eigene Küchen, sei es den Leuten besser gegangen, erzählt Kleinschmidt über seine Erfahrung aus dem Flüchtlingslager. Zelte und Container habe man so umgestaltet, dass diese jeweils anders aussahen - dadurch hätten die Menschen ein Stück Individualität zurückbekommen. Exil müsse man nicht nur als Katastrophe sehen und Flüchtlinge nicht nur nur als Opfer betrachten. Exil, so Kleinschmidt, sei auch die Chance für eine Veränderung.
Nicht nur für Orte wie Traiskirchen hat Kleinschmidts Projekt wichtige Erinnerungspunkte. Insgesamt stellt sich für die Stadt von morgen die Frage, wie sehr die erschlossenen urbanen Räume soziale Nischen ermöglichen und dem Einzelnen Raum geben könnten, Identität zu finden. Und wenn in Linz einmal mehr das Konzept der „Smart City“ untersucht wird, bleibt die Frage, wie der Mensch des 21. Jahrhunderts zwischen Postdrohnen, selbstfahrenden Autos und weiteren Optimierungsmechanismen seinen Raum findet - und wie diese Stadt mit den sehr grundlegenden Bedürfnissen des Menschen mitwachsen kann.
Gerald Heidegger, ORF.at
Links: