Fünfter Verdächtiger in Haft
Obwohl inzwischen fünf Verdächtige in Ungarn in Haft sind, laufen die Ermittlungen nach der Flüchtlingstragödie auf der A4 (Ostautobahn) auch in Österreich weiter. Neben der Obduktion der 71 Todesopfer in Wien wird das Schlepperfahrzeug weiterhin im burgenländischen Nickelsdorf „Millimeter für Millimeter“ untersucht, wie Polizeisprecher Helmut Marban erklärte.
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Weiterhin geht es vor allem um den Versuch, die Hinterbliebenen der 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder informieren zu können, damit sie nicht namenlose Gräber bekommen müssen. Marban bestätigte dabei, dass die Untersuchung von Behältnissen und Kleidung abgesehen von einem syrischen Pass wenig Spuren ergeben habe. Wie zuvor auch Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil sagte Marban, man konzentriere sich nun auf die Handys der Opfer, „vielleicht führt uns das zur Identität der Leute“.
„Bald Resultate“
„Wir hoffen, dass wir bald Resultate haben“, sagte Marban vor internationalen Medienvertretern bei der ehemaligen veterinärmedizinischen Kontrollstation in Nickelsdorf, während im Hintergrund Beamte in Schutzanzügen im und am Lkw, der auf einer Plane geparkt ist, ihre Arbeit verrichteten. Marban ließ dabei durchblicken, wie belastend die Untersuchung auch für die Ermittler sei. „Es scheint unglaublich“, antwortete er auf die Frage, wie in dem Lkw 71 Menschen überhaupt Platz gehabt hätten.

APA/Herbert P. Oszeret
Die Opfer werden an der Wiener Gerichtsmedizin obduziert
„Als sie am Anfang hineingingen, standen sie natürlich, aber als wir sie herausholen mussten, waren sie völlig ineinander verfangen“, sagte Marban. Der verlassene Lkw war am Donnerstag in einer Pannenbucht der A4 bei Parndorf entdeckt worden. Laut der bisherigen Vermutung sind die Menschen darin erstickt und waren zu diesem Zeitpunkt bereits eineinhalb bis zwei Tage lang tot. Genauere Aufschlüsse über Todeszeitpunkt und -ursache soll die Obduktion der Opfer in Wien geben.
Hotline
Unter der Nummer 05 9133 103 333 wird um Hinweise aus der Bevölkerung gebeten.
Spezialteam zur Identifizierung im Einsatz
Seit Sonntag ist auch ein Spezialteam zur Identifizierung der Opfer im Einsatz. Dabei handelt es sich laut Doskozil um ein DVI-Team (Desaster Victim Identification), wie er gegenüber der APA am Samstagabend im Interview mitteilte. „Ab morgen beginnt ein etwa zwanzigköpfiges Team, das sich damit auseinandersetzt, wie die Identifikation stattfinden soll beziehungsweise das bemüht ist, die Personen zu identifizieren“, erläutere Doskozil.
Die Mitglieder seien speziell ausgebildete Kollegen, die zu Krisensituationen oder Katastrophenfällen - etwa auch bei der Tsunami-Katastrophe 2004 - ausrücken. Sie seien vor allem in der dauerhaften Sicherung von DNA-Proben ausgebildet. Bei der Identifikation der Opfer sei die Polizei aber vor allem auch auf Hinweise von Angehörigen und Freunden angewiesen, hatte Doskozil zuvor eingeräumt. Die burgenländische Polizei richtete deshalb eine Hotline ein, die rund um die Uhr besetzt ist - seit Sonntag auch mit Dolmetschern.
Fünfter Verdächtiger festgenommen
In Ungarn wurde unterdessen in der Nacht auf Sonntag ein fünfter Verdächtiger im Zusammenhang mit dem Fall festgenommen. Dabei handelt es sich um einen Bulgaren, berichtete die ungarische Polizei am Sonntag. Vier Männer - drei Bulgaren und ein Afghane - waren bereits am Donnerstag in Ungarn festgenommen worden. Über sie wurde am Samstag vom Kreisgericht der südungarischen Stadt Kecskemet Untersuchungshaft verhängt. Wie Gerichtspräsident Ferenc Biscskei erklärte, werden die Männer bis 29. September in U-Haft bleiben, wenn nicht schon vorher ein Verfahren stattfindet. Das Gericht kam damit der Forderung der Staatsanwaltschaft nach.

APA/EPA/Sandor Ujvari
Zwei der vier Verdächtigen vor der Haftverhandlung
Die Ankläger hatten in der Haftverhandlung auf die „außergewöhnliche Schwere des Verbrechens“ verwiesen, dem die Flüchtlinge zum Opfer gefallen seien, und hatte den Männern „geschäftsmäßig“ organisierten Menschenhandel vorgeworfen. Entgegen bisherigen Angaben sei der Halter des Fahrzeugs nicht unter den Verhafteten, erklärte Bicskei. Die vier Verhafteten hätten über den Lkw verfügt. Nähere Angaben wollte er unter Berufung auf die laufenden Ermittlungen nicht machen.
Männer leugnen jegliche Beteiligung
Die vier Verhafteten, drei Bulgaren im Alter von 29, 30 und 50 Jahren sowie ein gebürtiger Afghane mit ungarischer Identitätskarte im Alter von 28 Jahren, waren zuvor einzeln dem Gericht vorgeführt worden. Die Männer wurden in vier Polizeiwagen zum Gericht gebracht. Sie trugen Handschellen und wurden von den Polizeibeamten an langen Ledergurten in das Gebäude geführt. Laut Bicskei bestritten sie die Anschuldigungen und legten Berufung gegen ihre Verhaftung ein.
Ungarische Ankläger sprechen von Profiverbrechern
Als erwiesen sehen die ungarischen Behörden inzwischen an, dass die fatale Fahrt in Kecskemet ihren Ausgang nahm. Garbor Schmidt, Sprecher der Staatsanwaltschaft des Komitats Bacs-Kiskun, machte vor der Anhörungen keine näheren Angaben, sprach jedoch von Profitätern einer kriminellen Organisation. Die Anklagebehörde hatte die Zuständigkeit für ihre Ermittlungen zuvor damit begründet, dass der Lkw im mittelostungarischen Kecskemet losgefahren sei.
Die ungarischen Ankläger sind auch für die Hausdurchsuchungen zuständig, bei denen am Freitag nicht näher bezeichnetes Beweismaterial beschlagnahmt wurde. Offensichtlich halten sie sich aber nicht nur für die Ermittlungen, sondern allenfalls auch für die Anklageerhebung zuständig. Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt geht ihrerseits davon aus, dass die Festgenommenen nach Österreich überstellt werden und beruft sich dabei darauf, dass sie für den entsprechenden europäischen Haftbefehl verantwortlich zeichnet.
Anklage wegen Totschlags in Österreich möglich
Sollte sich bei der Obduktion der Opfer herausstellen, dass die getöteten Flüchtlinge mit Sicherheit nicht mehr am Leben waren, als der Lkw nach Österreich einreiste, wären in erster Linie die ungarischen Strafverfolgungsbehörden für eine Anklage zuständig. Die Eisenstädter Staatsanwaltschaft müsste damit die Verfolgung von versuchter Gemeingefährdung mit Todesfolge und Mordverdacht den ungarischen Behörden überlassen. Übrig bleiben würde allenfalls der Vorwurf der Schlepperei.
Unter Umständen könnten die ungarischen Behörden aber gerade die Anklage wegen eines Tötungsdelikts bei den österreichischen Behörden belassen. Das ließ am Freitag der Sprecher der ungarischen Staatsanwaltschaft durchblicken. Die Anklage wegen Totschlags werde in Österreich erhoben, so Schmidt. Doskozil hatte zuvor gemeint, dass es sich bei den nun Verhafteten um die unterste Ebene einer kriminellen Organisation handle. Die Ausforschung der Hintermänner des „bulgarisch-ungarischen Schlepperrings“ bedürfe langwieriger Ermittlungen.
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