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Bei Ermittlung „nichts unversucht lassen“

Nach der Entdeckung von bis zu 50 toten Flüchtlingen in einem Lkw auf der A4 (Ostautobahn) bei Parndorf im Burgenland sieht Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität im Bundeskriminalamt (BK), eine „große Chance, der Täter habhaft zu werden“, wie er beim „Runden Tisch“ in ORF2 am Donnerstagabend sagte.

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Man sei bei den Ermittlungen „auf dem besten Weg voranzukommen“, so Tatzgern unter Verweis auf gute Zusammenarbeit mit anderen europäischen Polizeibehörden. Auf Nachfrage präzisierte er, es gehe nicht nur um den Fahrer und eventuelle Kontaktleute in Flüchtlingslagern, sondern auch „jene, die das große Geld verdienen“. Währenddessen ging im Kühlhaus eines ehemaligen veterinärmedizinischen Grenzkontrollpostens in Nickelsdorf die Bergung der Leichen weiter.

Exekutive „arbeitet die Nacht durch“

Über das Ausmaß des Flüchtlingsdramas wird erst am Freitag Gewissheit bestehen. So lange werde es dauern, bis die Leichenbergung abgeschlossen sei, sagte Burgenlands Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil am Donnerstagabend bei einer Pressekonferenz in Eisenstadt. Man werde die „Nacht durcharbeiten“. Die während der Nacht gewonnenen Erkenntnisse wollen die Ermittlungsbehörden am Freitagvormittag auf einer weiteren Pressekonferenz in Eisenstadt bekanntgeben.

Abschleppdienst beim Abtransport des Lkws

APA/Roland Schlager

Der Abtransport des Lkw

Man werde nun genau sichten, wie viele Leichen im Lkw sind, berichtete Doskozil bei einer Pressekonferenz. Der Landespolizeidirektor ging davon aus, dass die Zahl von 20 „deutlich überstiegen wird“. Bis zu 50 Tote werden befürchtet. Mit der Bergung habe erst nach der Herstellung der entsprechenden Kühlsituation begonnen werden können. Die im Lkw entdeckten Flüchtlinge dürften laut Polizei bereits vor eineinhalb bis zwei Tagen ums Leben gekommen sein.

Am Mittwoch noch in Ungarn

Der 7,5 Tonnen schwere Lkw sei am Mittwoch in den frühen Morgenstunden bei Budapest in Ungarn gestartet. Um 9.00 Uhr befand er sich laut polizeilichen Erkenntnissen noch in Ungarn unmittelbar vor der ungarisch-österreichischen Grenze. Während der folgenden Nacht erfolgte der Grenzübertritt. Am frühen Donnerstagmorgen - gegen 5.00 oder 6.00 Uhr - wurde der Lkw von Zeugen in einer Pannenbucht auf der A4 zwischen Neusiedl und Parndorf wahrgenommen, erläuterte Doskozil.

Karte zeigt den Ort der Flüchtlingskatastrophe

APA; ORF.at

Es spreche „vieles“ dafür, dass die Flüchtlinge schon tot waren, als der Lkw die Grenze passierte, so der Landespolizeidirektor, der auch die Zusammenarbeit mit zwei ins Burgenland gereisten ungarischen Beamten lobte. Polizeibeamten, die von der ASFINAG wegen des herrenlosen Lkw am Vormittag gerufen worden waren, hätte sich ein Bild geboten, bei dem unverzüglich klargeworden sei, „dass es zu 1.000 Prozent keine Überlebenden im Fahrzeug gibt“.

Vergeblicher Fluchtversuch?

Wie lange es dauern wird, bis feststeht, woran die Flüchtlinge gestorben sind, ist laut Johann Fuchs, dem Leiter der zuständigen Staatsanwaltschaft Eisenstadt, nicht abschätzbar, wie er am Nachmittag sagte: „Für so eine Sache gibt es keinen Referenzfall.“ Auch Doskozil konnte zu diesem Zeitpunkt „keine konkreten Angaben machen, wie der Tod eingetreten ist“. Fuchs versprach, man werde „nichts unversucht lassen, den Fahrer und seine Hintermänner auszuforschen und das Verbrechen aufzuklären“.

Riss in der Seitenwand des abgestellten Lkw, in dem die Flüchtlinge gefunden wurden

APA/Hans Punz

Spuren des möglichen vergeblichen Befreiungsversuches der Flüchtlinge

Nicht bestätigen wollte die Exekutive vorerst Recherchen des ORF Burgenland, wonach die Menschen im Inneren des Lkw offenbar noch mit letzter Kraft einen Weg nach draußen suchen wollten. Darauf könnten zumindest Spuren am Laderaum des Fahrzeugs hindeuten, der zu einem Gutteil der Länge nach von innen nach außen ausgebeult und teilweise aufgeschlitzt ist. Die Leichen werden nach der Bergung in die Gerichtsmedizin Wien überstellt.

Doskozil geht „davon aus, dass die Täter Österreich bereits wieder verlassen haben“. Bei den Ermittlungen müsse man nun der Eigentümer- und Besitzerkette nachgehen, sagte er. Im Zuge der Abklärung sei eine slowakische Firma aufgetaucht, es gebe aber auch Bezugspunkte in anderen Ländern. Ungarn hatte zuvor erklärt, der Halter des Fahrzeugs mit ungarischem Kennzeichen sei ein Rumäne, was das rumänische Außenministerium allerdings dementierte.

Mikl-Leitner weist Rücktrittsaufforderungen zurück

In Eisenstadt und in Wien wurden Gedenkkundgebungen abgehalten, bei denen auch Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) die politische Verantwortung für den Fall zugewiesen wurde. Laut gewordene Rücktrittsaufforderungen wies sie in der ZIB2 am Donnerstag zurück. Es mache sie „betroffen, dass man angesichts dieser Tragödie wieder einmal versucht, die Schuld bei der Innenministerin zu suchen“. Schuld für das Flüchtlingsdrama auf der Ostautobahn hätten die Terroristen, vor denen die Menschen flüchten, und Schlepper.

Auch angesichts der Rückzugsaufforderungen aus der Wiener SPÖ hat die Ministerin „keine einzige Sekunde daran gedacht, diese Verantwortung abzugeben. Ich bin an schönen, aber auch an schlimmen Tagen wie heute gerne Innenministerin“, sagte sie am Donnerstag. Auf die Frage, ob sie alles richtig gemacht habe, verwies Mikl-Leitner darauf, dass ihr Team im Ministerium, die Verwaltung und die Exekutive seit Monaten angesichts der großen Zahl an Flüchltingen „schier Unmenschliches leisten“.

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