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Der Wirklichkeit verpflichtet

Zum 150. Todestag Ferdinand Georg Waldmüllers zeigt das Obere Belvedere bis 26. Oktober die weltweit größte Sammlung seiner Werke. Waldmüller, der als bedeutendster österreichische Maler der Biedermeier-Zeit gilt, war weitaus mehr als ein Illustrator des bäuerlichen Lebens und der Landschaftsidylle.

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Am 15. Jänner 1793 wird Ferdinand Georg Waldmüller in Wien geboren. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1806 wächst er als einziges Kind bei der Mutter in ärmlichen Verhältnissen auf. Ein Jahr später wird er an der Akademie der bildenden Künste in Wien aufgenommen. In den darauffolgenden Jahren arbeitet er als Porträtmaler, Zeichenlehrer, Kopist und Kulissenmaler. Besonderen Erfolg hat er in der Porträtmalerei, in den 1820er Jahren etwa mit Porträts von Beethoven und Kaiser Franz I. Es folgen unzählige weitere Aufträge.

Doch auch die Landschaftsmalerei lässt ihn nicht los. Er verbringt dafür viel Zeit im Salzkammergut, in den Sommermonaten fährt er nach Italien - äußerst unterschiedliche Landschaften, die ihn beide inspirieren. Realistische Naturanschauungen, genaue und objektive Abbildungen der Wirklichkeit fordert und malt Waldmüller. Verschiedenartige Lichteinfälle, Schatten und häufig ganz direkte Sonnenstrahlen nutzt er dabei als stilistisches Mittel: zunächst als Garant für die sachliche, naturgetreue Wiedergabe der Dinge, weiters als Metapher für Klarheit, Schärfe und Unverblümtheit. Alles Elemente, die vielfach und wiederholt auf Kritik stoßen - was folgt, ist ein beschwerlicher Kampf gegen die Akademie, aus dem Waldmüller nicht als Gewinner hervorgehen wird.

"Der Dachstein vom Sophien-Doppelblick bei Ischl" von Ferdinand Georg Waldmüller

Belvedere

Der Dachstein vom Sophien-Doppelblick bei Ischl, 1835

Waldmüller und die Akademie

Im Jahr 1829 wird Waldmüller als Kustos der Gemäldesammlung der Akademie angestellt. Sein Aufgabenbereich umfasst nicht nur die Leitung der Galerie, sondern auch einen Lehrauftrag als Professor. Den stellt er sich inhaltlich in vielfacher Weise anders vor als seine Kollegen - und schon sehr bald, bereits Anfang der 1830er Jahre, entwickeln sich erste Meinungsverschiedenheiten. 1845 formuliert er eine Schrift, in der er eine auf das Naturstudium basierende und damit akademiefremde Unterrichtsmethode fordert. Lob bleibt aus.

Besonders prekär wird die Situation 1846 mit dem Erscheinen seiner Streitschrift „Das Bedürfnis eines zweckmäßigen Unterrichts in der Malerei und plastischen Kunst. Angedeutet nach eigenen Erfahrungen“, die bis auf die Unterstützung Metternichs auf Kritik stößt.

Scheinbar unbeeindruckt davon veröffentlicht er 1857 eine dritte, beinahe noch rigorosere Schrift, auf die dann bereits im selben Jahr die Suspendierung bei minimaler Pension folgt. Waldmüller gibt nun vermehrt Privatunterricht, doch insgesamt sieben Jahre lang hat er große finanzielle Schwierigkeiten - erst im Jahr 1864 hebt Kaiser Franz Joseph „aus Gnade“ die dürftigen Zahlungen an.

Vorbild für Kokoschka

Waldmüller hatte Wahrhaftigkeit in der Nachbildung der Wirklichkeit gefordert und sich selbst damit in eine prekäre soziale Wirklichkeit katapultiert. Was die Rezeption Waldmüllers angeht, müsse man - wie Elke Doppler-Wagner in ihrer Dissertation schreibt - von einer „Neubewertung“ seiner Kunst sprechen. Es sei nicht sonderlich überraschend, dass „es die Secessionisten waren, die sich zum ‚Antipoden der Akademie‘ als ihren geistigen Vorläufer bekannten“. Auch Oskar Kokoschka berief sich auf Waldmüller: Seine Lehrverfahren entsprechen beinahe gänzlich Waldmüllers „Anschauung, Auffassung und Verständnis der Natur“.

"Die Wiedergenesene" von Ferdinand Georg Waldmüller

Belvedere

„Die Wiedergenesene“, 1864

Obgleich Waldmüllers Werk um die Jahrhundertwende wieder zum Thema wurde, befand er sich nach der ersten veröffentlichten scharfen Kritik an der Akademie in einer Lebenskrise, missverstanden und gänzlich isoliert innerhalb der Wiener Künstlerschaft. Seine Reformvorschläge und damit sein Wirklichkeitsbegriff stießen mehrheitlich auf Ablehnung. Und doch ist es genau dieser Wirklichkeitsbegriff, der schließlich die Auseinandersetzung mit seinem Werk wieder belebt hat und der nach wie vor aktuell ist.

Armut als Motiv

Seine Bilder wirken zunächst vor allem durch Sonne und Lichteinfälle heiter und glücklich und vermitteln bei erster Betrachtung sogar eine Art Gemütlichkeit. Ein Großteil seiner Bilder stellt das bäuerliche Leben dar, spielende Kinder, den Dorfalltag. Doch diese augenscheinliche Biedermeier-Idylle trügt: Besonders vor 1848, noch während der Zensur, rückt Waldmüller die Armut in den Mittelpunkt seiner Bilder.

Eine religiöse Interpretation liegt ihm fern, sozialkritisch weist er auf gesellschaftliches Unrecht hin. Für diese zukunftsweisenden Reformvorschläge, wie das Naturstudium und die Freilichtmalerei, hatte er gestritten, gekämpft und schließlich seine berufliche Karriere aufs Spiel gesetzt. Ferdinand Georg Waldmüller verstarb am 23. August 1865 im Alter von 72 Jahren in Hinterbrühl.

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