Familie des Täters „bestürzt und traurig“
Angehörige der neun Mordopfer des Massakers in einer US-Kirche haben dem mutmaßlichen Täter öffentlich vergeben. Mit einer Sondererlaubnis des Richters durften die Verwandten sich bei der Anhörung des 21-jährigen Dylann R. am Freitag in Charleston äußern. Er war aus seiner Gefängniszelle per Video zugeschaltet, während die Hinterbliebenen der Ermordeten ihm ins Gewissen redeten.
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Sie sei böse und traurig, sagte eine Frau, deren Schwester erschossen wurde. Es dürfe aber keinen Raum für Hass geben, fügte sie hinzu. „Wir müssen vergeben.“ Eine andere Frau sprach über den Tod ihres Sohnes, der ihr „Held“ gewesen sei: „Wir haben dich Donnerstagabend in unserer Bibelstunde mit offenen Armen empfangen“, so die Frau, und fuhr fort: „Du hast einige der wunderbarsten Menschen, die ich kenne, getötet. Jede Faser in meinem Körper schmerzt (...) und ich werde nie mehr dieselbe sein.“
„Gott soll Gnade mit deiner Seele haben“
R., der sich wegen neunfachen Mordes sowie wegen Waffenbesitzes zur Durchführung eines Verbrechens verantworten muss, trug ausgeblichene Sträflingskleidung und wurde von zwei schwer bewaffneten Wärtern bewacht. Die kurze Prozedur verfolgte er mit regungsloser Miene, den Blick meist gesenkt. Ein erster Gerichtstermin wurde auf den 23. Oktober festgesetzt. Kurz und kleinlaut wirkend antwortete er auf Fragen des Richters zu seiner Person. Die Tat selbst war bei der Haftverhandlung kein Thema.
„Ich vergebe dir, und Gott soll Gnade mit deiner Seele haben“, sagte Nadine Collier, deren 70-jährige Mutter unter den Toten ist, zum mutmaßlichen Täter. Auch Anthony Thompson, der seine Frau verlor, vergab dem 21-Jährigen. US-Präsident Barack Obama zeigte sich berührt von den Aussagen der Angehörigen, dem mutmaßlichen Todesschützen zu vergeben. Sie seien „ein Ausdruck des Glaubens, der unvorstellbar ist, aber der die Güte des amerikanischen Volkes widerspiegelt“, sagte er.
Obama verweist auf laxe Waffengesetze
Obama verwies erneut auf einen vermutlich rassistischen Hintergrund des Verbrechens. „Rassismus bleibt ein Übel, das wir gemeinsam bekämpfen müssen“, sagte er in San Francisco. Zugleich kritisierte das Staatsoberhaupt die laxen Waffengesetze. Er glaube nicht, dass der Kongress bald dagegen vorgehen werde. „Aber ich vertraue darauf, dass wir irgendwann das Richtige tun.“ 11.000 Amerikaner seien der Waffengewalt im Jahr 2013 zum Opfer gefallen, erinnerte der US-Präsident.
R. erschoss laut den Aussagen der Überlebenden am Mittwoch in der Emanuel African Methodist Episcopal (AME) Church, einer landeweit als Symbol der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung bedeutenden Kirche, während einer Bibelstunde sechs Frauen und drei Männer. Er habe rassistische Sprüche von sich gegeben und das Feuer eröffnet, berichtete eine Überlebende. Das Justizministerium und die Bundespolizei FBI ermitteln wegen des Verdachts auf ein „Verbrechen des Hasses“ und „heimischen Terrorismus“.
Rufe nach der Todesstrafe
Der Fall werde von jedem Winkel aus geprüft, sagte ein Behördensprecher. Die Gouverneurin von South Carolina, die Republikanerin Nikki Haley, sprach sich dafür aus, den Täter mit dem Tode zu bestrafen. Ähnlich äußerte sich auch der Bürgermeister von Charleston, Joseph Riley. R.s Familie äußerte Beileid für die Angehörigen der Toten. „Wir sind bestürzt und traurig“, schrieben sie in einem in einer Lokalzeitung veröffentlichten Brief. Worte könnten den Schock und die Trauer nicht ausdrücken.
US-Medien beschrieben den Täter als Einzelgänger, der 2010 seine Schulausbildung abgebrochen habe. Zuletzt sei er mehrmals mit der Polizei in Konflikt geraten, etwa wegen unerlaubten Besitzes von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Er habe häufig in seinem Auto geschlafen und sei wegen sonderbaren Verhaltens aufgefallen. Laut Aussagen seiner Freunde geriet er nach der Scheidung seiner Eltern auf die schiefe Bahn. Wie diese gegenüber Medien sagten, habe er auch von dort die rassistische Gesinnung übernommen.
Freunde hatten spätere Tatwaffe versteckt
Laut Aussagen von Freunden hatte R. aber auch einige afroamerikanische Freunde. Manchmal „machte er mit ihnen Party“, nur um am nächsten Tag darüber zu reden, dass man verhindern müsse, dass „Schwarze die Welt übernehmen“, sagte einer seiner Freunde gegenüber der US-Nachrichtenagentur AP. Ohnehin könnte die überfallene Kirche nur R.s zweiter Plan gewesen sein. Exakt eine Woche vor der Tat soll er Freunden gegenüber im Rausch erklärt haben, er wolle in „genau sieben Tagen“ ein College überfallen.
Er wolle „einem Haufen Leute wehtun“, gab R.s Freund Joey Meek das Gespräch wieder. Es wurde darüber spekuliert, dass R. sich nur deshalb zum Überfall auf die Kirche entschlossen habe, weil er an den strengen Sicherheitsmaßnahmen des Colleges scheiterte. Wie Meek weiter schilderte, versteckten er und ein weiterer Freund in jener Nacht die spätere Tatwaffe, eine Pistole vom Kaliber .45 der Marke Glock, im Lüftungsschacht seines Wohnwagens. Als Meeks Freundin dagegen protestierte, gaben sie R. die Waffe wieder.
Rassistisches „Manifest“ entdeckt
Der mutmaßliche Todesschütze betrieb vor der Bluttat offenbar eine rassistische Website, wie am Samstag außerdem bekanntwurde. Auf der Website ist R. auf Dutzenden Fotos mit Feuerwaffen, beim Verbrennen der US-Fahne und mit rechtsradikalen Symbolen zu sehen. In einem Text heißt es: „Ich hatte keine Wahl (...) Ich habe Charleston ausgewählt, weil sie die geschichtsträchtigste Stadt in meinem Staat ist und sie zeitweise den landesweit höchsten Anteil von Schwarzen im Vergleich zu Weißen hatte.“
Es gebe in South Carolina „niemanden, der irgendetwas tut außer im Internet reden. Jemand muss den Mut haben, es in der wirklichen Welt zu tun, und ich schätze, dass ich das sein muss“, heißt es weiter. Es folgen Hasstiraden unter anderem gegen Schwarze, Lateinamerikaner und Juden. Ob es sich bei dem Verfasser dieses wie ein „Manifest“ wirkenden Textes um R. handelt, ist nicht klar. US-Medien berichteten, die Website sei im Februar unter seinem Namen registriert worden.
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