„Sagen, was man denkt“
Der deutsche Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt ist tot. Er starb am Montagabend nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren in Hamburg. Das bestätigte sein Agent Ertu Eren der dpa am Dienstag. Rowohlt sei zu Hause gestorben.
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Rowohlt war ein Multitalent. Er war Übersetzer zahlreicher Bücher aus dem Englischen, Vorleser, Autor, Original, Botschafter des irischen Whiskeys und seit 20 Jahren der Obdachlose in der Dauerserie „Lindenstraße“. Seine Markenzeichen waren die widerspenstige Mähne und der eindrucksvolle Bart. Rowohlt erbte 49 Prozent des gleichnamigen Verlags von seinem Vater Ernst Rowohlt, wollte aber nicht dort einsteigen - zu riskant war ihm das Verlagsgeschäft. Sein Bruder und er verkauften den Verlag Anfang der 1980er Jahre an die Holtzbrinck-Gruppe.

Edition Tiamat
Buchhinweis
Harry Rowohlt: In Schlucken-zwei-Spechte. Edition Tiamat, 240 Seiten, 15,40 Euro.
„Ich wurde in der Hochallee 1 in Hamburg 13 geboren. Im Luftschutzkeller, als Zehn-Monats-Kind“, erzählte Harry Rowohlt seinem Freund Ralf Sotschek im Plauder- und Anekdotenbuch „In Schlucken-zwei-Spechte“. Für die ersten zehn Jahre hieß er noch Harry Rupp. Damals war seine Mutter, die Schauspielerin Maria Pierenkämper, in „dritter und vorletzter Ehe“ mit dem Kunstmaler Max Rupp verheiratet. Vater war dennoch Ernst Rowohlt, wie Harry betonte, da Rupp „zur fraglichen Zeit“ bereits in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war.
Geprägt von einem Bären
Sein erstes Buch war „Pu der Bär“, das ihm seine Mutter vorlas. Er habe sich dann entschlossen, selbst lesen zu lernen, um es „unbehelligt von der mütterlichen Betonung“ zu lesen, sagte Rowohlt einmal in einem Interview. Auf dem Cover des Pu-Buches steht längst nicht nur der Name des Autors, sondern auch der des Übersetzers: Harry Rowohlt. Rowohlt war vor allem für seine Übersetzungen bekannt und berühmt.

APA/dpa/Rolf Vennenbernd
Harry Rowohlt: Übersetzer, Vorleser, Schriftsteller und Anekdotenkaiser
Er verhalf nicht nur „Pu der Bär“ („Winnie-the-Pooh“) von A. A. Milne zu neuem Erfolg. Besonders hatten es ihm die Iren angetan. Als Lieblingsautor nannte er oft Flann O’Brien. Nicht zuletzt dafür wurde ihm der Titel „Ambassador of Irish Whiskey“ verliehen. An die 200 Bücher übersetzte Rowohlt von 1969 an. In der Szene wurde immer wieder über die Freiheit gestritten, die sich der eigenwillige Rowohlt beim Übersetzen nahm. Für solche Bedenken hatte er nur Spott übrig. Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“ und Flann O’Briens „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ sind zwei der Titel, die ihn als Übersetzer unsterblich machten.
„So gut, so genial“
„Harry Rowohlt war der erste Übersetzer, der auf dem Cover eines Buches erschienen ist“, sagte unlängst die Übersetzerin Ruth Keen. „Weil er so gut, so genial ist, hat er Freiheiten, die andere nicht haben. In einer Zeit, wo Übersetzer bestenfalls im Kleingedruckten genannt wurden, hat er überhaupt mal gezeigt, wie wichtig Übersetzer sind.“ Und: „Harry Rowohlt ist eine singuläre Erscheinung, ein Solitär“, so Hinrich Schmidt-Henkel, Vorsitzender des Verbandes der Literaturübersetzer. Zahlreiche Auszeichnungen untermauern diese Urteile, darunter 2005 der Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk als Übersetzer.
Legendäre Lesungen und Hörbücher
Legendär waren auch Rowohlts Lesungen. Nicht selten dauerten sie fünf Stunden oder mehr, der Verbrauch betrug dann schon einmal eine Flasche irischen Whiskeys oder zwei Flaschen Wein. Damit war es allerdings schon seit Längerem Vorbei: Irgendwann diagnostizierte der Arzt bei ihm Polyneuropathie, eine Nervenerkrankung. Alkohol war seither tabu. Weil er aber seine „Ethanolkarenz“ damals so brav durchgezogen hatte, habe ihm der Arzt erlaubt, sich viermal im Jahr sinnlos zu besaufen, so Rowohlt später.
Seine brummige, bisweilen auch scharfe Stimme war und ist auf zahlreichen Hörbüchern zu vernehmen. Apropos sich besaufen: Neben seinen zeitlosen James-Joyce-Lesungen (Rowohlt verstarb ausgerechnet einen Tag vor dem Bloomsday) bleibt nicht zuletzt Rowohlts Hörbuchfassung von Wenedikt Wassiljewitsch Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“ in Erinnerung. So waschecht und stilvoll hat sich auf Tonträger noch nie jemand davor volllaufen lassen (im englischen Sprachraum vielleicht Charles Bukowski).
Die „Lichtgestalt“ der Lindenstraße
Seit 1995 spielte Rowohlt den „Penner Harry“ in der Endlosserie „Lindenstraße“. Er war in Hunderten Folgen zu sehen. „Harry Rowohlt ist eine Lichtgestalt“, sagte unlängst „Lindenstraße“-Erfinder Hans W. Geißendörfer. „Er spielt den Penner und mit jedem seiner Auftritte veredelt und verzaubert er die ‚Lindenstraße‘. Unser Penner Harry ist die einzige Figur, die es geschafft hat, als ‚Märchen‘ in dem realistischen Alltag des ‚Lindenstraße‘-Lebens sichtbar zu sein.“ Rowohlt war zudem ein unerschöpflicher Quell an Anekdoten und Meister der Abschweifung. Viele davon hat er zwischen 1989 und 1997 in seiner „Zeit“-Kolumne „Pooh’s Corner“ aufgeschrieben. Dabei hat ihm auch seine Lieblingstugend geholfen: „Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.“
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