Verschiebung Richtung Osten
Mehr als 100.000 Menschen hat ihre Flucht seit Beginn dieses Jahres über das Mittelmeer nach Europa gebracht. Das sind bereits etwas mehr als im gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr. Dramatisch stellt sich der Anstieg der Flüchtlingszahlen allerdings mit Blick auf das östliche Mittelmeer dar: Immer mehr Menschen versuchen über die Ägäis nach Europa zu gelangen.
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Bereits im vergangenen Jahr hatten dreimal so viele Flüchtlinge wie im Jahr zuvor die Fahrt durch die Ägäis gewagt. Heuer wird sich diese Zahl noch einmal vervielfachen. Zum Vergleich: Von Jänner bis August 2014 kamen knapp 21.000 Flüchtlinge über die Ägäis nach Griechenland. 2015 waren es laut der griechischen Küstenwache bereits im ersten Quartal über 40.000. Allein in den vergangenen drei Tagen griff die Küstenwache über 4.000 Flüchtlinge in der Ägäis auf.
Hilflose Behörden
Vor einem Jahr hatte das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) bereits von einer „humanitären Krise“ gesprochen - und an die EU appelliert, mehr Hilfe für die Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. In den vergangen Monaten verschärfte sich die Lage auf dem griechischen Festland und den Ägäis-Inseln noch einmal. Örtliche Medien berichten von dramatischen Zuständen. Die Helfer der humanitären Organisationen seien erschöpft. In vielen Fällen müssten die Flüchtlinge im Freien schlafen.
Die Behörden scheinen der wachsenden Zahl an Flüchtlingen hilflos gegenüberzustehen. „Die Schlepper bringen Menschen direkt in den Hafen hinein“, so ein Offizier der Küstenwache von Chios. Die Ägäis-Insel liegt rund zehn Kilometer von der türkischen Küste entfernt. Nach Angaben des Bürgermeisters von Chios, Manolis Vournous, kamen allein im Mai 3.400 Flüchtlinge auf der Insel an.
Großteil der Flüchtlinge noch in Italien
Auch die neuesten Zahlen der UNO machen deutlich, dass die „östliche“ mittlerweile fast gleichauf mit der „zentralen Mittelmeer-Route“ liegt. Laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) landeten 54.000 Menschen nach ihrer Flucht über das Mittelmeer an der italienischen Küste. Das sind zwar immer noch 14.000 mehr als in der Ägäis, doch im Vergleich mit dem vergangenen Jahr zeigt sich ein deutlich verschobenes Bild.

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA
Noch 2014 kamen über 75 Prozent der rund 220.000 Flüchtlinge über die „zentrale Mittelmeer-Route“ nach Europa. Italien war damit für viele Flüchtlinge das erste Ziel in Europa - auch wenn am Ende etwa in Deutschland in den vergangenen Jahren rund viermal so viele Menschen Asyl beantragten wie in Italien.
Das Flüchtlingsthema kocht in dem Mittelmeerland dennoch in regelmäßigen Abständen hoch. Erst am Wochenende warnten die drei nördlichen italienischen Regionen Ligurien, Lombardei und Venetien davor, keine weiteren Flüchtlinge mehr aufzunehmen - und fachten damit den im Land schwelenden Konflikt erneut an. Italiens Premier Matteo Renzi will nun an einem neuen Plan zur Flüchtlingsversorgung arbeiten.
Umstrittene EU-Quoten
Doch auch außerhalb Italiens wird über die Verteilung der Flüchtlinge gestritten. Die EU-Kommission möchte 40.000 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland nach einem Quotenschlüssel auf die restlichen EU-Länder verteilen. Während Deutschland, Italien und Österreich die Vorhaben der EU-Kommission begrüßen, stehen ihnen etwa Spanien und Portugal, aber auch viele osteuropäische Länder skeptisch gegenüber. Zuletzt äußerte Bulgarien am Montag Kritik an den Plänen aus Brüssel und forderte für sich und andere Länder an den EU-Außengrenzen niedrigere Quoten.
Als Folge der anhaltenden Kritik droht sich die Entscheidung über die Kommissionspläne nun bis in den Herbst hinein zu verzögern. Beim Treffen der Justiz- und Innenminister Anfang kommender Woche in Luxemburg werde kaum eine Einigung zu erreichen sein, hieß es am Dienstag von EU-Diplomaten. Auch ein Durchbruch beim EU-Gipfel Ende Juni in Brüssel sei angesichts der verhärteten Fronten ungewiss. Wegen der dann anstehenden Sommerpause dürfte eine Entscheidung deshalb frühestens im September fallen.
Keine Entspannung in Sicht
Dabei ist sich die EU grundsätzlich einig, Italien und auch Griechenland nicht alleine lassen zu wollen. Denn eine Entspannung der Lage ist im gesamten Mittelmeer weiterhin nicht in Sicht. Bereits 1.800 Menschen kamen dieses Jahr, bei dem Versuch das Mittelmeer zu überqueren, ums Leben. Und die Internationale Organisation für Migration (IOM) rechnet in den kommenden Monaten nochmals mit einem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen. „Eine ruhigere Wetterlage dürfte Schlepper ermutigen, nicht seetüchtige, offene Boote mit noch mehr schutzlosen Menschen zu füllen“, so IOM-Sprecher Leonard Doyle.
Unterschiedliche Routen
Dass dabei immer mehr Flüchtlinge die Fahrt über das östliche Mittelmeer wagen, ist für EU-Grenzschutzbehörde Frontex auch ein Ergebnis der veränderten Zusammensetzung der Flüchtlingsströme. Bei den Menschen, die über die Türkei nach Griechenland kommen, handle es sich in erster Linie um Kriegsflüchtlinge - die meisten von ihnen versuchten, dem Konflikt in Syrien zu entkommen. In Italien landen laut Frontex hingegen überwiegend Menschen aus den südlich der Sahara gelegenen Ländern, die vor der Armut in ihrer Heimat fliehen.
Die Bezeichnung „Wirtschaftsflüchtling“ greift aber auch für viele dieser Menschen zu kurz. So machte erst am Montag die UNO auf die verheerende menschenrechtliche Situation im ostafrikanischen Eritrea aufmerksam. „In Eritrea herrscht nicht das Recht, sondern die Angst“, heißt es im Bericht einer dreiköpfigen UNO-Ermittlergruppe unter Leitung des australischen Experten Mike Smith. Fast 360.000 Eritreer sind nach UNO-Angaben derzeit als Flüchtlinge in Europa registriert. Die meisten von ihnen setzten ihren Fuß in Italien auf europäischen Boden.
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