Investoren und Analysten begeistert
Der überraschende Rücktritt des zuletzt unter Dauerkritik stehenden Führungsduos der Deutschen Bank hat bei Investoren und Analysten Jubelstürme ausgelöst. Die Aktien des größten deutschen Geldhauses schossen am Montag um bis zu acht Prozent in die Höhe - der Börsenwert des Instituts stieg damit um gut drei Milliarden Euro.
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Viele Aktionäre setzen darauf, dass der künftige Vorstandschef John Cryan bei der skandalgeplagten Bank aufräumt und für den dringend benötigten frischen Wind sorgt. „Er ist jemand, der auch durchsetzt, was er verspricht, oder die Ziele sogar übererfüllt“, sagte einer der zehn größten Anteilseigner zu Reuters. Der Brite sei damit der Richtige für den Topjob. „Bei der Bank hat es in den vergangenen Jahren nicht an Visionen gemangelt, sondern an der Umsetzung.“
Als „Aufräumer“ bei UBS
Besonders beim drängenden Thema Kostensenkung, bei dem die bisherigen Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen hinter den Erwartungen zurückblieben, werde Cryan konsequenter vorgehen, glauben viele. Der gelernte Investmentbanker hat sich als Finanzchef der Schweizer Großbank UBS von 2008 bis 2011 einen guten Ruf als Aufräumer erworben. Einen radikalen Kurswechsel erwarten Experten von ihm bei der Deutschen Bank nicht.
Der 54-Jährige, der bereits seit 2013 im Aufsichtsrat des Instituts sitzt, steht grundsätzlich hinter dem von Jain und Fitschen eingeleiteten Strategiewechsel, wie mehrere Bankinsider betonten. Bei den Details hat der neue Mann an der Spitze aber noch Spielraum. Darauf setzen nun vor allem die Investoren, die den lange erwarteten Strategieentwurf von Jain und Fitschen auf der Hauptversammlung im Mai durchfallen ließen.
Cryan soll Kulturwandel verkörpern
Cryan könnte die hohen Risiken im Investmentbanking stärker zurückfahren als bisher anvisiert, hoffen nun Aktionäre. Auch andere Baustellen, zum Beispiel das Engagement der Frankfurter bei der chinesischen Bank Hua Xia und das Privatkundengeschäft in einigen südeuropäischen Ländern, könnte Cryan beherzter angehen.
Aufsichtsratschef Paul Achleitner setzt darauf, dass der als bescheiden und bodenständig geltende Cryan den ausgerufenen Kulturwandel der Bank glaubhafter verkörpern kann als die vor drei Jahren angetretene Doppelspitze. Der neue Chef stehe „persönlich und beruflich für die Werte, die nötig sind, die Deutsche Bank voranzubringen“, schrieb Achleitner am Montag in einem Brief an die rund 100.000 Mitarbeiter des Instituts.
Vorschusslorbeeren der Konkurrenz
Die Analysten der Citigroup verteilten Vorschusslorbeeren an den künftigen Chef der Frankfurter Konkurrenz: Cryan sei hoch angesehen. Ihm könne es gelingen, die eingeschlagene Strategie besser umzusetzen und höhere Gewinne zu erzielen. „Wir glauben, dass die Deutsche Bank an einem Wendepunkt steht.“ Dass Cryan bereits einige Zeit in Deutschland gearbeitet hat und Deutsch spricht, dürfte auch bei der Politik gut ankommen, die mit Jain immer gefremdelt hatte.
Die deutsche Bundesregierung wollte sich zur Personalrochade bei der Deutschen Bank am Montag allerdings nicht äußern. „Das ist eine unternehmerische Entscheidung, und da hat die Bundesregierung das nicht zu kommentieren“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in Berlin.
Unzufriedenheit und Kritik
Jain und Fitschen hatten am Sonntag überraschend das Handtuch geworfen. Ausschlaggebend dafür war Insidern zufolge unter anderem die heftige Kritik von Investoren auf der jüngsten Hauptversammlung. 39 Prozent des anwesenden Kapitals - darunter große Investoren aus Deutschland und den USA - stimmten bei dem Aktionärstreffen Ende Mai gegen die Entlastung von Jain. Normal sind in Deutschland Zustimmungsquoten von 95 Prozent und mehr.
In Teilen der deutschen Öffentlichkeit und auch in der Bank wurde Jain deshalb seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren kritisch gesehen. Der Rückzug sei richtig, da zuletzt zu viel über ihn als Person gesprochen worden sei, sagte Larry Fink, der Chef des US-Vermögensverwalters Blackrock, des größten Aktionärs der Deutschen Bank, der „Financial Times“. „Das Unternehmen verliert einen cleveren Kopf. Aber leider ging es in den Nachrichten zuletzt vor allem um ihn als Person.“
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