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Ex-UBS-Finanzchef Cryan wird neuer Chef

Die Kochefs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, haben überraschend ihren Rücktritt angekündigt. Das teilte Deutschlands größtes Kreditinstitut am Sonntag in Frankfurt mit. Alleiniger Nachfolger auf dem Chefposten soll der frühere UBS-Finanzchef John Cryan werden.

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Der Aufsichtsrat habe Jain gebeten, bis Januar 2016 als Berater der Bank zur Verfügung zu stehen. Fitschen soll einen geregelten Übergang sicherstellen und bis zum Abschluss der Hauptversammlung am 19. Mai 2016 im Amt bleiben. Vom 1. Juli an soll Cryan Jain ersetzen, zunächst als Teil der Doppelspitze, „um einen geordneten Übergang sicherzustellen“. Nach dem Ausscheiden von Fitschen soll Cryan alleiniger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank werden. Die Verträge von Jain und Fitschen liefen eigentlich noch bis 2017.

„Unsere Zukunft hängt davon ab“

Der Brite Cryan war zum 1. Juli 2015 zum Kovorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank ernannt worden. Er ist seit 2013 Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank und hat die Funktion des Vorsitzenden des Prüfungsausschusses inne. Zudem ist er Mitglied des Risikoausschusses. Mit Amtsantritt als Kovorstandsvorsitzender wird er sein Mandat als Mitglied des Aufsichtsrats der Bank niederlegen. Cryan war von 2008 bis 2011 Finanzvorstand der UBS.

Cryan sagte: „Unsere Zukunft hängt davon ab, wie gut wir unsere Strategie umsetzen, unsere Kunden überzeugen und die Komplexität reduzieren.“ Aufsichtsratschef Paul Achleitner dankte Jain und Fitschen: „Ihre Entscheidung, ihr Amt früher als geplant niederzulegen, zeigt auf eine beeindruckende Weise ihre Einstellung, die Interessen der Bank vor ihre eigenen zu stellen.“ Cryan sei „die richtige Persönlichkeit zum richtigen Zeitpunkt“, so Achleitner.

Rechtsstreitigkeiten und Altlasten

Die Bank zitierte Jain am Sonntag mit den Worten: „Mit der Strategie 2020, die die Bank auf einen erfolgreichen Weg bringt, ist es zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung für die Bank und für mich, eine neue Führung zu etablieren. Ich bin (...) überzeugt, dass die Bank in sehr guten Händen ist und vor einer glänzenden Zukunft steht.“ Noch im Mai hatte er mehrfach einen Rücktritt ausgeschlossen.

Die meisten Rechtsstreitigkeiten und Altlasten, mit denen die Deutsche Bank immer noch kämpft, haben ihren Ursprung in der Investmentbank, die Jain jahrelang geführt hatte. „Dem muss ich mich stellen“, sagte er im April. Er könne der Bank aber am besten dienen, indem er sicherstelle, dass so etwas nicht wieder passiere.

Mitte April hatte Jain verkündet, dass die vor sieben Jahren übernommene Postbank wieder abgespalten und an die Börse gebracht werden soll. Das restliche Privatkundengeschäft mit den „blauen“ Filialen wird zusammengestrichen, während die Investmentbanker wieder an Macht gewinnen. Im Investmentbanking macht die Bank vergleichsweise geringe Abstriche, obwohl es viel teures Kapital bindet.

Von Aktionären abgestraft

Bei der Hauptversammlung im Mai hatten Investoren und Aktionäre Jain und Fitschen für die neue Strategie, die ihnen zu halbherzig anmutete, ungewöhnlich scharf kritisiert. Die Doppelspitze steht aber schon länger unter Druck. Wesentliche Ziele - etwa für die Rendite und die Kosten - wurden nicht erreicht.

Beide räumten auch selbst ein, dass ihre bisherige Amtszeit seit Juni 2012 keine reine Erfolgsgeschichte gewesen sei. Der Abbau von Altlasten sei teurer und dauere länger als gedacht. Zudem habe das Management die neuen Vorgaben der Aufseher weltweit unterschätzt. Selbst der Aufsichtsratschef attestierte Jain und Fitschen auf der Hauptversammlung eine eher „durchwachsene“ Bilanz.

Die Aktionäre zeigten dem Führungsduo damals die Gelbe Karte: Jain und Fitschen wurden lediglich mit jeweils 61 Prozent entlastet - das kam einer Ohrfeige gleich. Üblich sind mit mindestens 95 Prozent erheblich mehr. Direkte Folgen hatte das nicht, weil nur der Aufsichtsrat über eine Abberufung von Vorständen entscheiden kann. „Bei so einem Ergebnis kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, hatte einer der zehn größten Aktionäre gemahnt.

Was wird aus der neuen Strategie?

Analyst Chris Wheeler von Atlantic Equities in London fragte sich, ob Cryan an der neuen Strategie noch einmal feilen werde: „Da fehlen noch viele Details. Das ist noch ein riesiges Stück Arbeit. Das ist schließlich eine der größten Investmentbanken der Welt und Deutschlands wichtigste Bank.“ Cryan hatte schon in seinen drei Jahren bei der UBS die Bilanz zusammengestrichen und sie damit aus der Krise geführt. Die Deutsche Bank plant mit der Schrumpfkur im Privatkundengeschäft und der Trennung von der Postbank nun Ähnliches.

Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment - einem der 20 größten Investoren der Deutschen Bank - begrüßte den Wechsel an der Spitze: „Der Aufsichtsrat zieht die Konsequenzen aus dem Abstimmungsdesaster auf der Hauptversammlung. Die Entscheidung für John Cryan kommt nicht überraschend.“ Gerhard Schick, Sprecher der Grünen für Finanzpolitik, sprach von einer Chance für einen echten Neuanfang bei der Deutschen Bank: „Die bisherigen Chefs waren zu stark mit den alten Problemen verbunden, als dass sie glaubwürdig für eine neue Kultur hätten stehen können.“

Probleme in Russland und Kirch-Prozess

Jain und Fitschen nach ihrem Amtsantritt Mitte 2012 einen „Kulturwandel“ versprochen. Doch macht die Bank immer noch vor allem mit Rechtsstreitigkeiten, in die sie verwickelt ist, Schlagzeilen. Für die Manipulation des Referenzzinssatzes LIBOR hatte sie kürzlich 2,3 Milliarden Euro zahlen müssen. Am Freitag wurde in Finanzkreisen bekannt, dass ein Fall von Geldwäsche, mit dem die Bank in Russland konfrontiert ist, auf ein Volumen von mehr als sechs Milliarden Dollar wachsen könnte.

Fitschen musste sich zuletzt wegen versuchten Prozessbetrugs im Schadenersatzverfahren um die Kirch-Pleite vor dem Landgericht München verantworten. Fitschen hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Doch der einflussreiche US-Aktionärsberater ISS kritisierte scharf, der Prozess sei eine zusätzliche Belastung für die Bank.

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