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Kakao, die Mimose der Tropen

In der englischen Kleinstadt Reading wachsen Kakaobäume. Fernab ihrer natürlichen Lebensräume gedeihen die Pflanzen unter 1.000 Quadratmetern Gewächshausdach. Durch Quarantäne und Gentechnik versucht man, sie vor Krankheiten und Schädlingen zu schützen - damit man der Engpässe und steigenden Preise auf dem Kakaomarkt endlich Herr wird.

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Denn der Kakaobaum ist eine sensible Pflanze. Er verträgt lediglich Temperaturen über 16 Grad und wächst ausschließlich entlang des Äquators. „Erst nach drei bis fünf Jahren trägt er erste Früchte, nach zehn den maximalen Ertrag“, erklärt Siegrid Steinkellner vom Department für Nutzpflanzenwissenschaften an der BOKU Wien. „Der Kakaobaum braucht gute Böden, ausreichend Wasser und ist anfällig für Krankheiten und Pilze.“

Seuche wütet seit hundert Jahren

Die ursprüngliche Herkunftsregion des Kakaos ist Mittelamerika, dort spielt die Kakaoernte aber nur noch eine untergeordnete Rolle. „Ein Grund dafür ist der Pilz Moniliophthora perniciosa, der die sogenannte Hexenbesenkrankheit verursacht“, sagt Steinkellner.

Die Seuche breitete sich in den letzten hundert Jahren in Mittelamerika, Brasilien und der Karibik aus und vernichtete ganze Plantagen. Der Pilz Phytophthora megakarya verursachte wiederum erhebliche Ernteverluste in Westafrika. In Asien kämpfen die Kakaobauern gegen die Miniermotte, deren Larven die Samen der Pflanze fressen. „Insgesamt sterben rund 30 bis 40 Prozent der weltweiten Vorkommen an Schädlingen und Krankheiten“, betont Steinkellner.

„Optimal durchdachtes“ Forschungsnetz

Dieses Problem will man im Quarantäneinstitut in Reading lösen. In der Anlage überprüfen die Wissenschaftler die sichere Verbreitung verschiedenster Kakaopflanzen. Diese kommen vorwiegend aus Südamerika und haben die Plantagen in Asien und Westafrika zum Ziel. Das britische Ministerium für Umwelt und Ernährung kontrolliert sie auf Krankheiten und Schädlinge, bevor sie verpackt und weiterversandt werden. „Durch das optimal durchdachte Untersuchungsnetz, in das verschiedene Experten eingebunden sind, kann sichergestellt werden, dass nur krankheits- und schädlingsfreies Material ausgeliefert wird“, sagt Steinkellner.

Klone sollen Zukunft retten

In der Gewächshausanlage der Universität Reading werden auch neue, resistentere Kakaopflanzen produziert und in verschiedensten Forschungsprojekten eingesetzt. Laut Steinkellner stehen den Forschern rund 370 Klone zur Verfügung. Die Kreuzung verschiedenster internationaler Sorten und die Zucht von neuen Generationen robusterer Pflanzen können bis zu drei Jahre dauern, bevor diese an die Plantagen weitergegeben werden.

Insgesamt machen 95 Prozent der weltweit gehandelten Kakaosprösslinge einen Zwischenstopp in Reading. Finanziert wird das Quarantäneinstitut zur Hälfte aus Geldern der britischen Schokoladeindustrie und zur anderen Hälfte durch die US-amerikanische Regierung.

Nachfrage übersteigt Angebot

Trotz Einrichtungen wie des Instituts in Reading spitzt sich die problematische Lage auf dem Kakaomarkt zu, denn Angebot und Nachfrage klaffen auseinander. Seit Jahren berichten die Medien von Kakaoengpässen. Laut Nachrichtenagentur Bloomberg gaben die größten Schokoladehersteller Mars und Barry Callebaut an, dass die Differenz zwischen Verbrauch und Produktion von Kakao bis 2020 auf eine Million Tonnen anschwellen werde.

Vor allem in den asiatischen Schwellenländern können sich mehr Menschen Schokolade leisten als früher, wie aus einer Marktanalyse der internationalen Kakaoorganisation ICCO hervorgeht. Der Marktpreis des Kakaos schwankt, hat in den vergangen Jahren aber tendenziell stark angezogen. Er lässt sich aufgrund der Anfälligkeit der Pflanze, humanitärer Katastrohen wie der Ebola-Epidemie oder politischer Krisen kaum noch vorhersehen.

Bohne als Spekulationsobjekt

Diese Instabilität des Marktes macht die Kakaobohne zu einem beliebten Spekulationsobjekt. Wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete, lag das Handelsvolumen der Derivate Ende des Vorjahres beim Zehnfachen des Wertes der jährlichen Kakaoernten. „Der Gewinn kommt bei den Bauern selbst jedoch nur zu einem sehr geringen Teil an“, sagt Steinkellner. Als Konsequenz ist die Kakaoindustrie von schlechten Arbeitsbedingungen, Menschenhandel, Sklaverei und Kinderarbeit geprägt, wie das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF beanstandet.

Aufgeschnittene Kakaobohne

Reuters/Yusuf Ahmad

Die Kakaobauern naschen bei den hohen Gewinnen am wenigsten mit

Gewinn kommt bei den Bauern nicht an

Die niedrige Gewinnbeteiligung der eigentlichen Produzenten schließt den Teufelskreis, in dem sich die Kakaoindustrie befindet. Die Bauern können sich oft Dünger und Pestizide für den Schutz der Bäume nicht leisten. In einer Zeit der steigenden Nachfrage drücken Schädlingsbefall und Krankheiten die Ernte. Obwohl laut über soziale und ökologische Faktoren nachgedacht wird, kaufen die meisten Schokoladehersteller den Rohstoff bei Zwischenhändlern. Damit geht die Kontrolle über die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen völlig verloren. Derzeit sind nur fünf Prozent der Kakaobohnen auf dem Markt nachhaltig zertifiziert, wie „Die Zeit“ berichtet.

Langsam, aber sicher muss die Schokoladeindustrie umdenken - sowohl Erträge als auch Image stehen auf dem Spiel. Einrichtungen wie das Quarantäneinstitut in Reading sind ein wichtiger Bestandteil des Pflanzenschutzes und eine Hoffnung für das Überleben der Kakaoindustrie. Die katastrophalen humanitären Bedingungen auf den Plantagen kann aber nur eine Veränderung im System des Kakaomarktes verhindern.

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