Die Zukunft von gestern
Ein Disney-Film, wie er früher einmal war: Brad Bird zeigt mit „A World Beyond“ eine Zukunftsvision, die direkt aus Walt Disneys Feder stammen könnte. Dazu gehören Jetpacks und schwebende Autos genauso wie eine ordentliche Portion Optimismus. Ausgestattet mit Retrocharme und Moralkeule muss wieder einmal die Welt gerettet werden.
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„Muss ich dir immer alles erklären? Kannst du nicht einfach nur staunen?“, richtet der entnervte Frank Walker (George Clooney) eine Frage an Casey (Britt Robertson), die sich mit dem Status quo nie zufriedengibt. Tatsächlich sollte sich aber auch das Publikum mit dieser Denkweise anfreunden, denn Erklärungen wird es in Disneys Sommerblockbuster vergeblich suchen.
Große Ideen sind gefragt
Kernstück von „A World Beyond“ ist „Tomorrowland“ (gleichzeitig englischer Originaltitel), eine Utopie basierend auf dem gleichnamigen Bereich in Disneyland. „Tomorrowland“ öffnete vor genau 60 Jahren seine Pforten und war Disneys Vorstellung einer friedlichen Gesellschaft, in der Jugend, technischer Fortschritt und große Ideen den Ton angeben - nicht Geld und Politik. Diese Botschaft wollen auch Regisseur Brad Bird und Drehbuchautor Damon Lindelof in ihrem rund 170 Mio. Euro teuren Disney-Film transportieren - das hinterlässt dann doch einen ironischen Beigeschmack.
Gegen den Grundgedanken - Kinder sind die Zukunft - ist wenig zu sagen, und vor allem das jüngere Publikum wird sich nicht am Großkonzern dahinter stoßen. Immerhin: Mit Bird, der unter anderem für „The Incredibles“ und „Ratatouille“ verantwortlich zeichnet, führt jemand Regie, dem man die Idee hinter „A World Beyond“ sofort abnimmt - und auch Clooney ist nicht bloß Starbesetzung, sondern in der Vergangenheit immer wieder durch humanitäre Projekte in Erscheinung getreten. Für eine Rolle in einem Film, der der jungen Generation Hoffnung machen soll, musste wohl nicht erst Überzeugungsarbeit geleistet werden.
„Tomorrowland“ - Zukunft wie in den Fünfzigern
Clooney spielt den Erfinder Frank Walker, der sich als grantiger, aber vor allem desillusionierter Erfinder mittleren Alters präsentiert. Als sichtlich euphorischeres Kind besucht er die Weltausstellung 1964, um dort an einem Erfinderwettbewerb teilzunehmen. David Nix (Hugh Laurie) ist wenig begeistert von seinem recht spektakulär aussehenden, aber nicht ordentlich funktionierenden Jetpack. Ganz im Gegensatz zu Athena (Raffey Cassidy), die auf den ersten Blick so aussieht, als wäre sie in Franks Alter und sehr angetan von ihm und seinem Erfindergeist. Von ihr erhält er einen Pin, der ihm Zutritt zu „Tomorrowland“ gewährt.

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Athena (Raffey Cassidy) traf schon einmal vor 50 Jahren auf Frank (George Clooney) - und ist seither kein bisschen gealtert
Was, wann und wo „Tomorrowland“ genau ist, bleibt ein Geheimnis - doch es ist zweifellos ein beeindruckender Ort, den das Produktionsdesign hervorgebracht hat. Statt Science-Fiction wird „Tomorrowland“ von Retrofuturismus bestimmt und versprüht den Charme der 50er und 60er Jahre. Die Skyline erinnert an die zum Markenzeichen gewordene Silhouette des Cinderella-Schlosses, die Farbgebung ist satt, die Einwohner sind freundlich - es besteht zu keiner Zeit Zweifel, dass es sich hier um ein Disney-Werk handelt. Schade nur, dass die Einblicke in die futuristische Wunderwelt flüchtig bleiben.
Ein Schnitt zurück in die Gegenwart, und wir lernen Casey Newton kennen, die - der Name verpflichtet - technisch versierte und vor allem grenzenlos optimistische Tochter eines NASA-Technikers. Auch sie gerät an einen der geheimnisvollen „Tomorrowland“-Pins. Auf der Suche nach dem Ursprung der Anstecknadel trifft sie - wie einst Frank - auf Athena, die auch 50 Jahre nach der Weltausstellung unverändert jung aussieht. Ein paar Roboterverfolgungsjagden später kreuzen sich unweigerlich die Wege der drei Charaktere, um gemeinsam die Welt und ihre Zukunft retten zu können.
„Star Wars“-Werbung inklusive
Wenn Optimismus und Ideenreichtum der Schlüssel für eine glückliche Zukunft sein sollen, geht „A World Beyond“ nicht mit gutem Beispiel voran. Denn anstatt die Wärme, die „Tomorrowland“ ausstrahlt, in den Fokus zu nehmen, wirft Bird zusammen mit Drehbuchautor Lindelof (der schon in der Fernsehserie „LOST“ die Utopie zur Dystopie umgestaltete) stattdessen einen pessimistischen Blick auf die Welt von heute - in der die Angst vor dem Terror und vor Naturkatastrophen regiert und in der die Fantasie stets dem Geschäft untergeordnet ist.
Hinweis
„A World Beyond“ ist seit Donnerstag im Kino zu sehen.
Das ist sanfte Gesellschaftskritik, die Brad Bird aufgreift, aber doch ungewohnt komplexe Kost für einen Familienfilm - und die Auseinandersetzung damit könnte kaum ironischer anmuten: Auf der einen Seite steht der Disney’sche Glaube an den Ideenreichtum als wichtigstes Gut auf dem Planeten (im Gegensatz zum Geld), auf der anderen Seite wurde nicht verabsäumt, kräftig die Werbetrommel für die nächste große Disney-Cashcow, den anstehenden „Star Wars“-Film, zu rühren (inklusive R2D2-Cameo). Auch die Zusammensetzung von „Tomorrowland“ als visionärer Gesellschaft der „hellsten Köpfe“ wirft die Frage auf, wo die weniger hellen Köpfe in der Zukunft Platz finden.
Eine oberflächliche Wunderwelt
Wer sich aber kompromisslos auf die Aufforderung zum Staunen einlässt, wird Freude an „A World Beyond“ haben, denn vor allem auf der Bildebene kann der Familienfilm überzeugen. Auch die Botschaft an der Oberfläche könnte einigen Kindern Mut für die Zukunft vermitteln und steht in der Tradition des klassischen Disney-Films. Doch wie im Vergnügungspark ist vieles in „Tomorrowland“ nur Fassade: Wer einen Blick dahinter wirft, wird oft enttäuscht.
Florian Bock, ORF.at
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