Österreich im europäischen Schnitt
Immer wieder gibt es - wegen dramatischer Vorfälle oder Warnungen etwa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - Schlagzeilen wegen Krankenhausinfektionen. Höchstens 30 Prozent der Fälle sind vermeidbar, zeigten sich Experten am Mittwochabend bei einer Diskussion in Wien einig. Wie viele Infektionen tödlich enden, liegt jedoch wesentlich an der Arbeitssituation im Krankenhaus.
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Das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC) in Stockholm geht von jährlich in der EU auftretenden 4,1 Millionen Infektionen mit Spitalskeimen - im Fachbegriff nosokomiale Infektionen - aus, die „gesund“ ins Krankenhaus gekommene Patienten dort erst erwerben. Daraus resultieren den Zahlen zufolge jährlich 37.000 Todesfälle. Die Mortalität kann bei Spitalspatienten dadurch um 50 Prozent steigen.
15 Prozent multiresistente Keime
Schnell zitierte „Schlamperei“ und resistente Keime sind nur ein Teil des Problems. „Es ist so, dass nicht alle nosokomialen Infektionen vermeidbar sind, es sind zwischen 20 und 30 Prozent. Es kommt darauf an, dass gemäß modernen Standards gearbeitet wird, dass sie ‚gelebt‘ werden“, sagte Thomas Hauer, Ärztlicher Leiter des deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Heidelberg. Vor allem davon hänge aus seiner Sicht der Verlauf der Infektion ab.
Was eine Routineoperation sein sollte, mündet manchmal in weitere Eingriffe, lebensbedrohliche Sepsis in der Intensivstation und andere Konsequenzen mehr. Schnell ist dann unter dem Schlagwort „Killerkeim“ von „schicksalshaften“ Infektionen die Rede. Für Hauer ist das eine zu einfache Betrachtungsweise: „Der Anteil der multiresistenten Keime, das sind vielleicht 15 Prozent.“ Die meisten nosokomialen Infektionen sprächen durchaus auf Antibiotika an, möglichst vermieden werden sollten sie trotzdem.
Neuer Durchfallkeim breitet sich aus
Österreich liegt bei nosokomialen Infektionen im europäischen Durchschnitt. „Unsere (Spitals-)Infektionsrate liegt in etwa beim europäischen Durchschnitt von sechs Prozent. Pneumokokken, Harnwegs- und Wundinfektionen stehen im Vordergrund“, zitierte Elisabeth Presterl, Chefin der Universitätsklinik für Hygiene und Infektionskontrolle im Wiener AKH (MedUni Wien), neue Daten aus einer österreichischen Studie ihres Referenzzentrums.
Zusehends rücken Infektionen mit dem Durchfallkeim Clostridium difficile in den Blickpunkt der Fachleute. „Was wir gesehen haben, ist eine Mortalität von mehr als zehn Prozent“, sagte AGES-Experte Franz Allerberger über die Situation in Österreich. Die Sterblichkeit könne bei solchen im Krankenhaus erworbenen Infektionen sogar bei 20 Prozent liegen. „Faktum ist, dass die Belagstage (Krankenhausaufenthalt, Anm.) in einem solchen Fall um zehn Tage steigen. Zehn bis 15 Prozent der Patienten erleiden später ein Rezidiv (Rückfall, Anm.).“
„Anreizsystem“ für Personal gefordert
An sich wären alle Maßnahmen bekannt, mit denen man eine gute Krankenhaushygiene betreiben und so die Ausbreitung der Keime zumindest in Grenzen halten könnte. Es kommt aber darauf an, dass das Personal darin gut genug ausgebildet und trainiert wird. Schließlich muss es auch die Möglichkeit haben, die notwendigen Vorkehrungen im Rahmen eines geordneten Arbeitsablaufes zu treffen. „Das Gros des Personals ist ja motiviert. Es müssen aber die gesamten Abläufe durchführbar sein“, sagte Hauer.
Zeitarbeitskräfte mit schlechter Ausbildung (Outsourcing) und Überlastung rächen sich hier. Das haben auch Clostridium-difficile-Ausbrüche in britischen Krankenhäusern gezeigt. Auch für den Wiener Gynäkologen und Medizinsicherheitsexperten Norbert Pateisky liegt es vor allem an einem „vernünftigen Anreizsystem“ für alle Beschäftigten im Krankenhaus. Noch mehr und noch restriktivere „Dienstanweisungen“ beim Personal hätten einfach keinen Effekt mehr.
Auch Spitalstage kosten Geld
Im schlimmsten Fall werden die Gerichte bemüht. Die Juristin und Generalsekretärin der Wiener Plattform Patientensicherheit, Maria Kletecka-Pulker, verwies darauf, dass es nur wenige Fälle in Österreich gegeben hat, in denen die Schuldhaftigkeit von nosokomialen Infektionen ausjudiziert wurde. „Das Problem ist, dass das der Patient beweisen muss, und das ist wahnsinnig schwierig.“
Nach Meinung des WHO-Hygieneexperten Didier Pittet ist allerdings genug Geld für die richtigen Maßnahmen da. Wie er gegenüber der APA heuer in einem Interview unterstrich, würden die Kosten der Infektionen oft ausgeblendet: „Nehmen wir an, es kommt zu einer Wundinfektion bei einem Patienten. Normalerweise geht der Patient fünf Tage nach der Operation nach Hause. Die Infektion macht daraus zwölf Tage. Man rechnet im Durchschnitt mit Kosten von rund 3.500 Euro.“ Allein für die Schweiz bedeute das jährlich Kosten von umgerechnet weit über 330 Mio. Euro.
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