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Epizentrum östlich von Kathmandu

Bei einem neuerlichen schweren Erdbeben im Himalaya sind mindestens 58 Menschen gestorben. Über 50 Tote seien bisher in Nepal geborgen worden, gab das Innenministerium bekannt. Über 1.000 Menschen seien verletzt worden. Im Nachbarland Indien kamen nach offiziellen Angaben 17 Menschen ums Leben. In Tibet wurde eine Frau von herabstürzenden Steinen erschlagen.

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Das ganze Ausmaß der neuen Katastrophe war zunächst nicht klar: „Wir bekommen noch immer viele Berichte über Opfer und Schäden herein“, sagte Ram Kumar Dangal, Chef der Katastrophenhilfe Nepals. Erdrutsche hätten ganze Siedlungen unter sich begraben.

Karte zeigt Nepal

APA/ORF.at

Laut der US-Geologiebehörde USGS lag das Hypozentrum an der Grenze zu Tibet etwa 83 Kilometer östlich der Hauptstadt Kathmandu in 18,5 Kilometer Tiefe. Das Epizentrum des Erdbebens, das die USGS mit einer Magnitude von 7,3 angab, lag zwischen der Hauptstadt Kathmandu und dem Mount Everest. Nach Angaben des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam hatte das Beben die Stärke 7,2. Im Abstand von wenigen Minuten folgten am Dienstag weitere, schwächere Beben. Eines sei stärker als 6 gewesen und drei stärker als 5, so Dangal.

„Alle hatten Angst“

Das neue Erdbeben war „ein Schock für die Bevölkerung, alle stürmten auf die Straße“, so Samariterbund-Mitarbeiter Stefan Gaßner im Gespräch mit der APA. „Alle hatten Angst, dass noch mehr zusammenstürzt. Es gab viel Geschrei und Aufregung.“ Die Menschen seien in Panik aus den Gebäuden gerannt, immer im Hinterkopf das schwere Beben vom 25. April.

Menschen auf der Straße in Nepal

APA/EPA/Narenda Shrestha

Nach dem Beben warteten viele Menschen in Kathmandu auf freien Flächen

Auf den Straßen suchte die Bevölkerung dann „freie Flächen, um auch vor herabfallenden Gegenständen geschützt zu sein“. Erst nach dem dritten Nachbeben hätten sich die Menschen wieder in die Häuser gewagt, erzählte der österreichische Samariterbund-Mitarbeiter. In der Stadt sei es dennoch relativ sicher gewesen, da die Gebäude „teils sehr gut gebaut sind“. Dennoch gab es auch in Kathmandu „vereinzelt eingestürzte und beschädigte Gebäude“. „Außerhalb, in den Bergregionen, ist die Lage viel dramatischer“, sagte Gaßner.

Die am schwersten getroffenen Distrike Dolakha und Sindhupalchowk östlich von Kathmandu seien völlig verwüstet, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Der einzige internationale Flughafen Nepals wurde erneut vorübergehend stillgelegt.

US-Militär vermisst Hubschrauber

Das US-Militär meldete nach dem neuerlichen Beben einen in Nepal eingesetzten Hubschrauber mit einer achtköpfigen Besatzung als vermisst. Der Helikopter der Marineinfanteristen vom Typ UH-1Y Huey sei am Dienstag nahe dem Ort Charikot bei einem Rettungseinsatz gewesen, teilte das Pentagon in Washington mit. An Bord seien sechs US-Soldaten und zwei nepalesische Soldaten gewesen. Der Hubschrauber habe gerade Hilfsgüter abgeworfen, als auf dem Weg zu einem anderen Einsatzort der Kontakt abgebrochen sei. Die Piloten hätten über Funk noch von Treibstoffproblemen gesprochen, sagte der Pentagon-Sprecher Steven Warren.

„Wir haben alle gezittert“

Die österreichische Caritas-Helferin Judith Stemerdink-Herret war zum Zeitpunkt des Erdbebens im Stadtzentrum von Kathmandu. „Es war wirklich heftig und beängstigend. Wir haben alle gezittert, viele haben geweint“, so Stemerdink-Herret im Gespräch mit der APA. „Wir sind alle durch das Tor nach draußen gelaufen, es war schwierig, einen offenen Bereich in den engen Gassen zu finden.“

Menschen zelten in zerstörtem Haus in Nepal

APA/EPA/Mast Ihram

Auf völlig zerstörtem Terrain werden notdürftige Zelte gebaut, wie hier in Bungamati südlich von Kathmandu

Die Caritas-Mitarbeiter befanden sich auch knapp eine Stunde nach dem Erdbeben weiterhin im Freien. „Es hat schon mehrere Nachbeben gegeben.“ Riskant sei es auch, im Schatten Schutz zu suchen, weil solche Flächen im Normalfall nahe bei Mauern und Wänden seien. Man müsse überlegen, „gehe ich rein auf die Toilette oder Wasser holen und riskiere mein Leben?“, so Stemerdink-Herret.

8.000 Tote bei schwerem Beben Ende April

Bei dem schweren Erdbeben vom 25. April kamen mehr als 8.000 Menschen ums Leben, Zehntausende wurden verletzt. Laut UNO-Angaben wurden bei dem Beben der Stärke 7,8 rund 600.000 Häuser zerstört. Millionen Nepalesen leben derzeit in Zelten und sind auf Nahrungsmittellieferungen angewiesen. Nach UNO-Angaben ist etwa ein Viertel der Bevölkerung des armen südasiatischen Landes betroffen.

Zerstörte Gebäude

Reuters/Athit Perawongmetha

Viele Teile Nepals sind noch vom Erdbeben vom 25. April völlig zerstört

Zweiter Teil einer heftigen Kettenreaktion

Das erneute Beben ist Experten zufolge Teil einer Kettenreaktion in einem für die Reibung von Kontinentalplatten bekannten Erdteil. „Auf große Erdbeben folgen oft weitere Beben, die manchmal so heftig sind wie das erste“, schrieb Carmen Solana von der Universität im britischen Portsmouth auf der Wissenschaftsseite Science Media Centre. „Denn die durch das erste Beben verursachte Bewegung führt zu einer zusätzlichen Belastung an anderen Bruchstellen (zwischen den Kontinentalplatten) und destabilisiert sie. Das ist eine Kettenreaktion.“

Die beiden Beben ereigneten sich an derselben Linie, an der die indische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinandertreffen. Lag das Epizentrum des Bebens vom 25. April rund 75 Kilometer nordwestlich von Kathmandu, befand es sich am Dienstag in ähnlicher Distanz östlich der nepalesischen Hauptstadt.

„Seit dem ersten Erdbeben vom April sind die Nachbeben mehr und mehr nach Südosten gewandert“, so der Tektonikprofessor Nigel Harris von der britischen Open University auf Science Media Centre. Vorstellen kann man sich das wie die einzeln nachgebenden Knöpfe eines Hemdes, das aufgerissen wird. Und David Rothery von der Open University warnt: „Es könnte in den kommenden Wochen weitere bedeutende Nachbeben noch weiter östlich geben. Aber normalerweise müssten diese schwächer werden.“

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