„Kreuzzügler“ oder moralisches Gewissen?
Günter Grass ist in einem Lübecker Spital an den Folgen einer Infektion gestorben. Der Literaturnobelpreisträger wurde vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck, von SPD-Politikern und von zahlreichen Literaten und Künstlern gewürdigt. Aber auch kritische Stimmen waren zu hören.
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Der Verband hebräischsprachiger Schriftsteller in Israel drückte seine Trauer über den Tod von Grass aus. „Grass war ein Schriftsteller, der viel zur internationalen Literatur beigetragen hat“, hieß es in einer Mitteilung des Vorsitzenden Herzl Chakak. Aus Sicht des israelischen Verbands bleibe Grass jedoch auch nach seinem Tod ein umstrittener Autor.
Grass habe eine politische „Delegitimierungskampagne“ gegen Israel geführt, teilte Chakak der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit. „Bis zu seinem Tod hat Günter Grass keine Reue über seine harten antiisraelischen Äußerungen gezeigt.“ Mit seinem Israel-kritischen Gedicht habe Grass vor drei Jahren einen „modernen Kreuzzug“ gegen den jüdischen Staat geführt. Angesichts des Atomstreits mit dem Iran hätte Grass als echter Moralist und als Deutscher „dazu aufrufen müssen, einen neuen Holocaust des jüdischen Volkes zu verhindern“, meinte Chakak.
SS-Mitgliedschaft „unverzeihlich“
Es sei auch unverzeihlich, dass Grass während der Nazi-Zeit selbst SS-Mitglied war. Im literarischen Gedenken an Grass dürfe auch in Zukunft nie vergessen werden, „dass er das einzige Land angegriffen hat, das als Heimstätte für das jüdische Volk gegründet wurde“. Im letzten Jahr habe er noch die leise Hoffnung gehegt, Grass könnte Reue zeigen, schrieb Chakak. „Hätte er es getan, hätte er die Spuren des Hakenkreuzes auf seinen Kleidern etwas verwischen können. Leider hat er bis zu seinem Tod den Kreuzzug gegen Israel fortgesetzt, und dies ist unverzeihlich!“

APA/EPA/Marcus Brandt
Grass hält 2012 sein Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ hoch
„Nicht mit sauberen Händen“
Auch nach Ansicht eines israelischen Historikers hatte Grass eine rote Linie überschritten. Viele Israelis, die seine Bücher sehr schätzten, hätten sich dadurch verletzt gefühlt, sagte Moshe Zimmermann dem israelischen Rundfunk am Montag. Der Deutschland-Kenner Zimmermann gilt selbst als Kritiker der israelischen Regierungspolitik. Grass habe als Deutscher, der während der Nazi-Herrschaft lebte, nicht als objektiver Kritiker auftreten können. „Er konnte dies nicht mit sauberen Händen tun“, sagte Zimmermann dem Sender. „Seine Hände waren schmutzig.“
Sendungshinweise
Ö1 sendet am Dienstag in den „Radiogeschichten“ um 11.40 Uhr einen Auszug aus „Die Blechtrommel“. Am Freitag sendet Ö1 in „Da Capo: Im Gespräch“ um 16.00 Uhr ein Gespräch mit dem Autor.
Nicht nur literarisch, sondern auch aus historischer Sicht seien Grass’ Bücher mit ihren autobiografischen Botschaften faszinierend gewesen, sagte Zimmermann. „Er hat das ,Dritte Reich‘ von innen beleuchtet.“ Israel hatte Grass 2012 zur Persona non grata erklärt und ein Einreiseverbot gegen ihn verhängt. Damit reagierte der jüdische Staat auf seinen Vorwurf, die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden und könne den Iran mit einem Erstschlag auslöschen. Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums in Jerusalem wollte am Montag zunächst nicht auf die Nachricht von Grass’ Tod reagieren.
„Aufrichtig“, nur etwas zu spät?
Anders als die Kritiker aus Israel sieht das die Schwedische Akademie - sie hatte Grass 1999 den Literaturnobelpreis verliehen. Grass spätes Eingeständnis seiner SS-Zugehörigkeit wollte der Juror Per Wastberg nicht nur negativ bewertet wissen. „Das muss unterschiedlich beurteilt werden, aber er war sehr aufrichtig, selbst wenn es sehr spät kam.“
„Die Entscheidung damals (1999) war eine ganz bewusste. Wir in der Schwedischen Akademie sahen ihn als den Höhepunkt des 20. Jahrhunderts. Er war das 20. Jahrhundert, mindestens nach Thomas Mann“, blickte Wastberg auf die damalige Entscheidung für die Zuerkennung des Literaturnobelpreises zurück. Und weiter: „‚Die Blechtrommel‘ ist ein Meilenstein in der europäischen Literatur. Seit 1960 war er mit seiner großartigen Vorstellungskraft der dominierende europäische Autor.“

Reuters
Salman Rushdie (links) und Günter Grass 1999 in Berlin
Kertesz und Rushdie trauern
Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz (85) trauert ebenfalls ohne Abstriche um seinen Freund und Kollegen Grass. „Wir haben uns nicht mit demselben Thema beschäftigt, aber wir waren Freunde und haben uns gegenseitig geschätzt“, ließ der schwer kranke Kertesz („Galeerentagebuch“) in Budapest der dpa über seine Frau Magda mitteilen. Mit großer Trauer reagierte auch der Autor Salman Rushdie. Auf Twitter würdigte er Grass als einen wahren Giganten, Inspiration und Freund. „Schlage für ihn die Trommel, kleiner Oskar.“
Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu („Orbitor“) trauert ebenfalls. „Grass war für mich einer der letzten lebenden großen Schriftsteller. Ein Bezugspunkt für die ganze heutige Literatur. Die Nachricht von seinem Tod hat mich tieftraurig gemacht“, sagte Cartarescu, Träger des diesjährigen Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung, der dpa.
Mit 87 verstorben
Grass verstarb im Alter von 87 Jahren an den Folgen einer Infektion. Seine Bücher sorgten literarisch und politisch stets für Aufsehen.
Würdigungen von Grass’ Lebenspartei
Der deutsche Bundespräsident Gauck würdigte Grass als großen Autor und streitbaren politischen Geist. In einem Kondolenzschreiben betonte Gauck: „In seinen Romanen, Erzählungen und in seiner Lyrik finden sich die großen Hoffnungen und Irrtümer, die Ängste und Sehnsüchte ganzer Generationen.“ Grass sei zeitlebens ein eigenwilliger politischer Geist gewesen, der Auseinandersetzungen und Kritik nicht fürchtete und politische Debatten über Jahrzehnte wesentlich beeinflusste. „Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes und ein bleibender Teil seines literarischen und künstlerischen Erbes“, betonte Gauck nach Angaben des Präsidialamtes.
Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wiederum würdigte Grass als Wegbegleiter sowie engen Freund und Ratgeber der deutschen Sozialdemokratie. „Mit ihm verlieren wir einen der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte und einen engagierten Autor und Kämpfer für Demokratie und Frieden“, so Gabriel in Berlin. Grass hatte immer wieder Wahlkampf für die SPD gemacht und vor allem mit Willy Brandt einen engagierten Austausch gepflegt. „Ohne seine mahnende Stimme für mehr Toleranz, seinen Willen zur Einmischung und seine regelmäßigen politischen Interventionen wäre unser Land ärmer“, betonte der deutsche Vizekanzler. „Die SPD verneigt sich vor Günter Grass.“
Tsipras: „Hat nicht gezögert“
Der linke griechische Regierungschef Alexis Tsipras würdigte Grass. „Griechenland hat einen wertvollen Freund verloren“, schrieb Tsipras am Montagabend. Grass habe „nicht gezögert, in den schwierigen Momenten der Finanzkrise, als die Stereotypen gegen Griechenland ihren Höhepunkt erreicht hatten, sich neben das griechische Volk zu stellen“. Grass war 2012 mit seinem Gedicht „Europas Schande“ den Griechen beigestanden.
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