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Autoren sollen „politisch“ sein

Der am Montag verstorbene Liternaturnobelpreisträger Günter Grass war bis zuletzt engagiert geblieben. Erst im Februar rief er junge Autoren dazu auf, sich in politische Debatten einzumischen.

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„Jungen Autoren ist über die Feuilletons eingeredet worden, die Finger von der Politik zu lassen, weil das angeblich den Stil verdirbt“, sagte Grass der in Bielefeld erscheinenden „Neuen Westfälischen“. „Das war und ist Unsinn.“ Er beobachte inzwischen aber ein Umdenken und erlebe wieder Autoren wie etwa Juli Zeh und Ilija Trojanow, die einen Appell an die deutsche Kanzerlin Angela Merkel initiierten, gegen die NSA-Abhöraktivitäten vorzugehen. „Es ist ein Skandal, dass sie bis heute keine Antwort von Frau Merkel bekommen haben“, meinte Grass. Das sei eine Missachtung der jungen Schriftstellergeneration.

Grass’ „Lübecker Literaturtreffen“ hatten bereits Tradition, wie Matthias Hoenig von der dpa schreibt. Die Treppe zu Grass’ „Olymp“ führte ins zweite Stockwerk des Bürgerhauses in der Lübecker Altstadt. Im Sekretariat des Nobelpreisträgers saßen zuletzt im Februar namhafte Autoren an schlichten, in U-Form aufgestellten Holztischen. Man las sich aus unveröffentlichten Texten vor, sprach über die Arbeiten der anderen, äußerte Einwände, gab Anregungen. Nicht öffentlich, versteht sich. Und es wurde viel gescherzt, auch in der Pause des in dieser persönlichen Form wohl einzigartigen Literaturtreffens in Deutschland.

„Keine Eifersucht, kein Konkurrenzkampf“

Eingeladen hatte Grass Sherko Fatah, Dagmar Leupold, Nicol Ljubic, Norbert Niemann, Georg Oswald, Fridolin Schley, Ingo Schulze, Tilman Spengler und Feridun Zaimoglu. Warum sie überhaupt nach Lübeck kämen? Wie ein roter Faden zog sich durch die Antworten der Tenor, dass sie hier im geschützten Raum offen und sehr kollegial über ihre noch nicht erschienenen Texte diskutieren könnten. „Eine sehr solidarische Kritik“, sagte Spengler, „der Veteran“, der bei fast allen Treffen dabei war. Er sprach von einem „besonderen Modell der Herzlichkeit im Umgang und dass viele von uns auch nicht darunter leiden, dass viel gelacht wird“.

Grass war aufgefallen, „das es hier zum Beispiel keine Eifersucht gibt, keinen Konkurrenzkampf. Mit dem Literaturbetrieb, den es da draußen gibt, hat das nichts zu tun.“ Aus dem Ende der legendären Gruppe 47 (1947 bis 1967) hatte der 87-Jährige gelernt und bewusst darauf verzichtet, „Berufskritiker“ zu den Lübecker Treffen einzuladen. Bei der Gruppe 47 hätten sich die „Berufskritiker“ im Laufe der Jahre immer mehr die Bälle zugeworfen - „und die Autoren verstummten. Das hat auch zum Niedergang der Gruppe 47 beigetragen.“ Er habe diesen Fehler nicht wiederholen wollen.

Nur kein „Dinosaurier“ werden

Auch der Klagenfurter Lesewettbewerb mit früher teils ätzenden Kritiken der Juroren an dort vorgetragenen Texten wirkte in Lübeck denkbar weit weg. „Für mich in meinem Alter ist das Ganze eine Bereicherung. Wenn man die 80 erreicht, ist die Gefahr groß, dass man aus der Zeit herausfällt, zum Dinosaurier wird“, nannte Grass eine Motivation für seine Initiative. Ob er nun von manchen als „Dinosaurier“ empfunden wurde oder nicht: Das Einmischen konnte Grass auch als 87-Jähriger nicht lassen.

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