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„Wegzehrung“ zum Abschied

Literaturnobelpreisträger Günter Grass (87) ist einer schweren Infektion erlegen. Er sei kurzfristig in ein Lübecker Krankenhaus gekommen und dort Montagfrüh im Kreis seiner Familie gestorben, teilte sein Sekretariat in Lübeck mit. Grass hatte stets für Kontroversen gesorgt und galt als „unbequemer Nationaldichter“ Deutschlands - auch wenn er diesen Begriff von sich wies.

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Trotz des hohen Alters sei der Tod sehr überraschend gekommen, sagte seine Sekretärin Hilke Ohsoling, die noch am Samstag mit Grass gesprochen hatte. Über Ort und Zeitpunkt der Beisetzung könne sie noch nichts sagen. Noch am 28. März hatte Grass im Hamburger Thalia Theater die Uraufführung einer neuen Bühnenfassung seines Romans „Die Blechtrommel“ mit seiner Frau besucht und mit dem Ensemble auf der Bühne den Schlussapplaus entgegengenommen. „An der Premierenfeier, bei der auch viele seiner eigenen Kinder dabei waren, nahm er noch mit großem Vergnügen teil“, sagte Ohsoling. „Es war sein letzter großer Auftritt in der Öffentlichkeit.“

Günter Grass in seinem Arbeitszimmer mit Aquarellen

APA/dpa/Rolf Rick

Grass 1999 mit selbst gemalten Aquarellen in seinem Arbeitszimmer

„Er ist das, immer noch er“

Das Grass-Haus veröffentlichte zum Tode des Autors auf seiner Homepage das Grass-Gedicht „Wegzehrung“: „Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein und mit neuesten Zähnen. Wenn es dann kracht, wo ich liege, kann vermutet werden: Er ist das, immer noch er.“

Der Schriftsteller war am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren worden. Dort betrieben seine Eltern im Vorort Langfuhr ein Kolonialwarengeschäft. Die kaschubisch-polnische Abstammung seiner Mutter wurde für Grass zur unerschöpflichen künstlerischen Quelle. Nach einer Einberufung als Luftwaffenhelfer und Soldat und nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft ging Grass 1947 in eine Steinmetzlehre in Düsseldorf.

Der kleine Oskar Matzerath

Dort studierte er an der Kunstakademie Grafik und Bildhauerei, was Grass in Berlin an der Hochschule für Bildende Künste fortsetzte. Seine ersten eigenen Plastiken und Grafiken waren 1956 in Stuttgart und 1957 in Berlin-Tempelhof zu sehen. Das bildliche Gestalten pflegte Grass zwar stets bis hin zu den Aquarellen in „Mein Jahrhundert“ (1999). Als er Ende der 50er Jahre in Paris lebte, erkannte er seine eigentliche Zukunft aber in der Literatur.

Am Anfang waren es vor allem Gedichte, kurze Prosastücke und Theaterstücke. Dann folgte gleich der Roman, der Grass mit einem Schlag berühmt machte: In der „Blechtrommel“ (1959) warf der kleine Oskar Matzerath einen Blick auf die kaum vergangene NS-Zeit, der vielen in Deutschland die Augen öffnete und der jungen Bundesrepublik einen neuen moralischen Anstoß gab. Die 1978 von Volker Schlöndorff verfilmte „Blechtrommel“ wird nach dem Urteil der Schwedischen Akademie der Wissenschaften bei der Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 zu den „bleibenden literarischen Werken des zwanzigsten Jahrhunderts“ gehören.

Linksliberaler Mahner

Beflügelt vom Erfolg, übernahm Grass in den 60er Jahren die Rolle des linksliberalen Mahners und engagierten Demokraten in der Tradition der bürgerlichen Aufklärung. 1965 engagierte er sich erstmals für die SPD im Wahlkampf und betrat damit eine Bühne, die er bis zu seinem Tod nicht verließ. Den Vorwurf, sich als Oberlehrer oder Gewissen der Nation aufzuspielen, hörte der eigenwillige Schriftsteller nicht gern. „Vor allen anderen Blumen gefällt mir die hellgraue, das ganze Jahr über blühende Skepsis“, schrieb er im „Tagebuch einer Schnecke“ (1972). Mit seinen Austritten - 1988 aus dem von ihm mitbegründeten gewerkschaftlichen Verband Deutscher Schriftsteller und 1993 aus der SPD (aus Protest gegen die Asylpolitik) - demonstrierte er seinen Anspruch, stets einen eigenen Weg zu gehen.

Auch wenn er es nicht gerne hörte, spiegelte sich im Leben und Werk von Grass die jüngere Zeitgeschichte mit all ihren Brüchen, Kontroversen und Verletzungen, mit Versagen und Sternstunden. Wenige polarisierten und provozierten wie er, selbst noch im hohen Alter - etwa mit seinem Lyrikband „Eintagsfliegen“, in dem er einen in Israel zu 18 Jahren Haft verurteilten Nukleartechniker, der Israels Atomprogramm publik machte, als „Helden“ und „Vorbild“ lobt. Aber wenige mussten auch so viel einstecken wie Grass, den Israel vor wenigen Jahren wegen des kritischen Gedichts „Was gesagt werden muss“ zur Persona non grata erklärte.

Deutschland und Grass, eine Hassliebe

Deutschland hatte es Grass in jungen Jahren schwergemacht, und Grass wiederum machte es Deutschland nicht leicht, wie Matthias Hoenig von der deutschen Nachrichtenagentur dpa anlässlich Grass’ 85. Geburtstags 2012 schrieb. Die Scham, als Kind und Heranwachsender den Nazis auf den Leim gegangen zu sein, war für Grass eine lebenslange Last. Der Literaturexperte Hanjo Kesting meinte unlängst in Hamburg bei einer Lesung mit Grass, man müsse dessen literarisch-künstlerisch-politisches Gesamtkunstwerk als „lebenslange Bußübung“ betrachten.

Es brauchte über 60 Jahre, bis Grass in seinem autobiografischen Meisterwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) von sich aus - ohne dass ihn jemand gedrängt hätte - niederschrieb, dass er kurz vor Kriegsende bei der Waffen-SS war: mit 17 im Herbst 1944 einberufen, nach der Ausbildung in böhmischen Wäldern nur wenige Wochen vor der Kapitulation im Einsatz vor Berlin, verwundet, Kriegsgefangenschaft.

Späte Würdigung mit Nobelpreis

Grass’ Selbstverständnis als „Citoyen“ und „Ecrivain“ trieb ihn jedenfalls bis zuletzt immer wieder an, gesellschaftspolitisch Stellung zu nehmen. Die Weimarer Republik, so ein häufig von ihm geäußerter Satz, sei nicht daran zugrunde gegangen, dass es zu wenige Demokraten gab, sondern zu wenige, die sich engagierten. Literatur wiederum könne den Menschen zwar nicht verbessern, aber - langfristig - dazu beitragen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.

Günter Grass bei der Nobelpreis-Verleihung

Reuters/Scanpix

Grass bei der Nobelpreisverleihung 1999

Lange musste Grass jedenfalls - nach Erscheinen der „Blechtrommel“ 1959 zum international bekanntesten deutschen Gegenwartsautor avanciert - auf den Nobelpreis warten. Als Heinrich Böll als erster westdeutscher Nachkriegsschriftsteller 1972 die höchste Literaturauszeichnung bekam, meinte der Kölner erstaunt: „Warum ich und nicht Grass?“ Als es 1999 dann so weit war, sagte der Sekretär des Nobelpreiskomitees, Horace Engdahl, in seiner Laudatio: „Das Erscheinen der ‚Blechtrommel‘ bedeutete die Wiedergeburt des deutschen Romans des 20. Jahrhunderts.“ Und die oscargekrönte Verfilmung von Schlöndorff machte Filmgeschichte. Grass hat sich - längst nicht nur mit der „Blechtrommel“ - fest im kulturellen Selbstverständnis des deutschsprachigen Raums verankert.

Bestürzung in Deutschland

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich „tief bestürzt“ vom Tod Grass’. Ähnlich Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses: „Wir sind dankbar für die vielen Erlebnisse, die wir mit ihm teilen durften.“ Auch Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) reagierte erschüttert: „Das ist ein schwerer Verlust für Lübeck, aber auch für die deutsche und die internationale Literatur.“ „Mein tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Ehefrau und seiner Familie.“

Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, zollte dem Literaturnobelpreisträger seinen Respekt. „Mit Günter Grass verliert die Welt der Literatur einen wortmächtigen Autor und unsere Republik einen ihrer streitbarsten Mitbürger“, so Staeck. „Wenn er die Demokratie in Gefahr sah, ging er keiner notwendigen Auseinandersetzung aus dem Wege“, so der Akademiepräsident. „Ich persönlich verliere in ihm einen Freund mit Haltung, auf den man sich sowohl politisch als auch ganz praktisch stets verlassen konnte.“ Er werde Grass vermissen.

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