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„Unser Österreich“ nennen Der Nino aus Wien und Ernst Molden ihr gemeinsames Album, auf dem sie alte Austropop-Nummern covern. Im ersten Moment kommt da Heimattümeleiverdacht auf - und im zweiten denkt man an Konservenmusik für die 80er-Hitparade.

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„Bitte nicht“, haben sich noch vor einigen Jahren viele gedacht, als erstmals wieder der Begriff Austropop aufgetaucht war. Damals hieß es, dieser junge Bursche mit der dauerverkaterten Anmutung und seinem Song „Du Oasch“ klinge wie Ambros, Fendrich und Danzer, als sie noch jung und wild waren. Der Nino aus Wien hatte von Beginn an mit diesem Vergleich kein Problem. Es war die Zeit, als er die ganzen stillen, ruhigen Songs der Altvorderen entdeckte - Lieder aus jenen Jahren, als „Blond wie eine Semmel“ und „Das Idealgewicht“ noch undenkbar schienen.

Nun hat der 27-jährige Nino Mandl gemeinsam mit dem 20 Jahre älteren Ernst Molden zwölf solcher persönlicher Favoriten aufgenommen. Neben Ambros und Danzer interpretieren die beiden Songs von Andre Heller, Helmut Qualtinger, Ludwig Hirsch, Sigi Maron und Falco. Die Auswahl der Lieder erscheint erst logisch, wenn man die Platte gehört hat. Zwei Gitarren, zwei Männer, zwei Stimmen - mehr brauchen Mandl und Molden nicht, um eine Stimmung auferstehen zu lassen, die in eine Welt entführt, in der die Zeit stehengeblieben ist.

„Engelsgleiche“ Folk-Songs

Das ist keine Welt, wo Milch und Honig fließen. Da „pudert“ sich ein „Vorstadtcasanova“ durch den Gemeindebau, ein anderer langweilt sich im Cafe Espresso, ein Zwerg ist „potent wie ein Büffel, aber einsam wie der Tod“, und „Ganz Wien“ ist auch außerhalb der Ballsaison zwar hin, aber dabei ausgesprochen fröhlich - zumindest in der hier vorgelegten Version. Die beiden hätten die Songs wie alte amerikanische Folk-Lieder behandelt, sagt Molden im Gespräch mit ORF.at. Und Mandl ergänzt, Falcos „Ganz Wien“ sei geradezu ein „engelsgleicher Folk-Song“ geworden.

Konzerthinweis

Der Nino aus Wien und Ernst Molden touren derzeit durch Österreich, nähere Infos kann man ihren Facebook-Seiten entnehmen.

Tonträgerhinweis

Der Nino aus Wien und Ernst Molden: Unser Österreich. Als LP, Download oder CD ab sofort online und im Plattenladen erhältlich.

Und wirklich - man fühlt sich daran erinnert, wie ein reiches Oeuvre an uralten Folk-Songs in den 60er Jahren von zahllosen Künstlern wiederentdeckt und neu interpretiert wurde. Die alten Tage der Cotton Fields und der Sweatshops in den Städten wurden da besungen, weil diese Zeit in der Gesellschaft nachwirkte, weil Rebellion noch immer Not tat, wenn auch an anderen Fronten.

Die Songs auf dem Album „Unser Österreich“ atmen ebenfalls Zeitkolorit, Molden spricht von der „kulturellen Enge“, die selbst in der Kreisky- und Post-Kreisky-Ära noch zu spüren war. Das könne man mit heute kaum vergleichen - und dennoch zeige gerade die bewusste, künstlerische Auswahl die zeitlosen Qualitäten des jungen Austropop.

Wilde Mischung

Nicht zu vergleichen ist eigentlich auch, was derzeit unter dem Begriff Austropop zusammengewürfelt wird. Bilderbuch sind Artpop auf der Höhe der Zeit, sie singen wie Wanda auf Hochdeutsch. Wanda finden wiederum mit ihrer gutgelaunten Rotzigkeit in einem gänzlich anderen Referenzrahmen statt als Nino - der seinerseits gerne mit Ernst Molden auftritt. Moldens Wienerlieder sind dagegen komplett ein Kapitel für sich. Also warum jetzt diese einengende Schublade, wo man doch mit Austropop ein gescheitertes, zwangshomogenisiertes Projekt verbindet?

Wenn es zwei Menschen gibt, auf die das neudeutsche Wort „gechillt“ zutrifft, dann sind das Mandl und Molden. Denn die regt das gar nicht auf: „Ist doch nur ein Begriff“, sagt Mandl, man könne ja auch „Österreichische Welle“ sagen, wenn einem das besser gefalle. Da widerspricht Molden sanft - die „Neue Deutsche Welle“ habe einen klar erkennbaren Sound gehabt. Aber bei der momentanen Szene in Österreich sei nachgerade das Gegenteil ein Markenzeichen. Und überhaupt: Ob Austropop oder nicht - ganz egal, was davon bleibe, werde man schon sehen, in 15 Jahren dann.

Wien, so cool wie New Orleans

Einen Zusammenhalt sieht Molden aber schon eindeutig, und er kommt dabei ins Schwärmen. Da gebe es kein gegenseitiges Belauern wie bei den alten Austropopern: Man geht zu den Konzerten der anderen, inspiriert sich gegenseitig, kennt einander, lobt einander - und arbeitet immer wieder zusammen. Gerade Mandl und Molden sind ständig in Kooperationen involviert, nicht nur miteinander. Wie in New Orleans sei das, findet Molden, eine großartige Stimmung. Dort hole sich auch eine junge Postpunk-Band für den einen Song den begnadeten alten Trombonespieler ins Studio. Aber dann mache auch wieder jeder sein eigenes Ding.

Besonders gern wird letzthin im überregionalen deutschen Feuilleton über den neuen Austropop gesprochen. Besser als alles, was in Deutschland an Musik gemacht werde, heißt es da. Molden gibt den Journalisten schmunzelnd recht, Mandl sagt dazu: „Die Deutschen stehen halt auf uns Wiener.“ Und auf das Wienerische, das Nicht-Puritanische, das Eben-nicht-Deutsche. Molden sagt auch, dass man in Wien immer noch einen Hedonismus lebe, den man anderswo bereits suchen müsse. Hier werde noch in Lokalen geraucht, man könne sich „einen umhängen“, also sich betrinken, ohne, dass es eine große Sache sei. „Auch das ist wie in New Orleans“, sagt Molden. Da könne man anderswo von Österreich noch etwas lernen.

Woran der alte Austropop zugrunde ging

Dieses Element spiegelt sich stark in den Songs von Mandl und Molden wider - nicht nur in alten Songs, die sie ausgegraben haben, auch in den eigenen. Das Tschicken, die Beisln, die Liebe - da sei einfach eine Verwandtschaft da, so Mandl. Und die kann man auch hören. Hier treffen einander der alte und der neue Austropop. Aber damals, in den 80er Jahren, war dann bald alles den Bach runtergegangen. Die Songs entstanden nicht mehr aus einer inneren Dringlichkeit heraus.

Die Musiker hätten, so Molden, damals plötzlich Lieder zu bestimmten aktuellen Themen machen wollen. Wenn etwa Ambros mit den Kilos zu kämpfen hatte, dann habe er eben einen witzigen Text über das Idealgewicht geschrieben. Und Fendrich habe lustige Lyrics über die Polizei verfasst. „Das waren dann meistens die nicht so guten Songs“, sagt Molden, und mit denen seien sie dann alle zu denselben drei Produzenten gelaufen.

Die Studios seien nicht so wie jene gewesen, in denen Musiker heute in Österreich unterstützt werden, ihren individuellen Sound zu finden. Da ging man rein und kam als Produkt des Produzenten raus. Und alle anderen Musiker, die dort aufgenommen hatten, hörten sich genauso an - meistens mit „grauenvollen Keyboards“ drüber. Man kennt diesen typischen 80er-Jahre-Klangteppich, der sich wohl „irgendwie modern“ anhören sollte, aber schon zu seiner Entstehungszeit altbacken klang. Plötzlich war Steffi Werger von Wolfgang Ambros nicht mehr zu unterscheiden. Der Rest ist Geschichte.

„Ein guter Song ist ein guter Song“

Deshalb gehen Mandl und Molden einen Schritt weiter zurück - dorthin, wo Austropop noch eine Verheißung war, so wie er es heute in seinem neuen Gewand auch ist. Einen weiteren Grund brauchen sie gar nicht. „Ein guter Song ist ein guter Song ist ein guter Song“, so Molden, egal wann, wo und wie. Und abgesehen davon gilt nicht nur für Musiker, sondern auch für Musikhörer: So ein bisschen historische Selbstvergewisserung tut manchmal gut.

Simon Hadler, ORF.at

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