Themenüberblick

„Kultur des Schweigens beenden“

Ein britischer Dokumentarfilm über die brutale Vergewaltigung einer 23-jährigen Studentin Ende 2012 in Indien geht derzeit um die Welt. Nachdem die BBC die Doku bereits letzte Woche ausgestrahlt hat, folgt nun am Dienstag der ORF. In Indien wurde die Ausstrahlung am Frauentag verboten - der TV-Sender NDTV sendete daraufhin als Protest eine Stunde lang ein schwarzes Bild.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Der Film „India’s Daughter“ („Indiens Tochter“) der britischen Regisseurin Leslee Udwin löste bereits vor seinem Erscheinen ein weltweites Echo aus. Vor allem ein Interview mit einem der zum Tode verurteilten Vergewaltiger sorgte für Empörung. Darin zeigte der Mann keine Reue, sondern gab der jungen Frau, die 13 Tage nach dem Übergriff an ihren schweren Verletzungen starb, Mitschuld. Mädchen sollten „nicht abends um 21.00 Uhr herumstreunen“, sagte Mukehs Singh. Die indische Regierung verbot die Ausstrahlung der Doku per Dekret - doch Hunderttausende Inder sahen den Film heimlich im Internet.

TV-Hinweis

ORF2 zeigt „Tochter Indiens - Protokoll einer Vergewaltigung“ am 10. März um 22.35 Uhr - mehr dazu in tv.ORF.at und danach auf Abruf in der tvthek.ORF.at.

Gerichtsverbot im Internet umgangen

Der „anstößige“ Film zeige ein „sehr umstrittenes Interview“ und bedrohe die öffentliche Ordnung, so die Begründung des Gerichts. Auch Innenminister Rajnath Singh verteidigte die Entscheidung und sagte, die Worte des Mannes seien „in hohem Maße herabwürdigend“ und ein „Angriff auf die Würde der Frauen“. Das Verbot ist jedoch am Wochenende über versteckte, über Soziale Netzwerke verbreitete Websites umgangen worden, nachdem auch YouTube alle Verweise auf die Dokumentation gelöscht hatte.

Viele Frauen wurden erst durch das umstrittene Verbot neugierig, darunter auch die Studentin Aditi Sengupta. Gegenüber dem staatlichen Auslandssender der USA, Voice of America, sagte Sengupta, dass sie anfänglich auch dagegen gewesen sei, dem Vergewaltiger eine Plattform zu bieten.

Verurteilter Vergewaltiger Mukesh Singh

AP

Mukehs Singh wartet in einem Gefängnis in Delhi auf seine Hinrichtung

Doch nachdem sie die Doku gesehen hatte, hätte sich ihre Einstellung völlig geändert. „So sehr ich auch von der Denkart des Täters schockiert war, sollte die Dokumentation trotzdem veröffentlicht werden. Nicht wegen des Vergewaltigers, sondern wegen der anderen Protagonisten. Vor allem die Ansichten der Anwälte machten mich bestürzt.“

Aussagen der Anwälte schockierten

Mukehs Singh und die anderen vier mitangeklagten Männer wurden von zwei Anwälten vertreten, die den Standpunkt ihrer Mandanten lautstark verteidigten. So erklärte einer von ihnen, A. K. Singh, er würde nicht zögern, seine unverheiratete Tochter oder Schwester zu verbrennen, wenn sie sich „ungehörig“ verhalten würden. Der andere Verteidigter sagte, seiner Meinung nach hätten Frauen in der indischen Gesellschaft keinen Platz.

Mittlerweile quellen die indischen Sozialen Medien mit empörten Kommentaren von Frauen regelrecht über. Wobei sich die Wut vor allem auf Anwälte fokussiert. Frauenrechtler und Soziologen heben dabei immer wieder hervor, dass es sich bei dem Vergewaltiger um einen Kriminellen aus ärmsten Verhältnissen handelt, wohingegen die Anwälte aus einer gehobenen Bildungsschicht kommen. „Das war absolut widerlich anzuhören“, sagte Soziologe Dipankar Gupta gegenüber Voice of America. Er plädiert dafür, den Film einem bereiteren Publikum zugänglich zu machen - denn dann „würden viele ihre eigenen Dämonen erkennen und sie bekämpfen“.

Die indische Anwaltskammer hat mittlerweile eine Stellungnahme von den zwei Anwälten eingefordert, in der sie Gründe benennen sollen, warum gegen sie keine Ermittlungen eingeleitet werden sollen. „Es läuft in unserer Schulbildung, in unserer Sozialisation etwas völlig falsch“, sagte die Generalsekretärin des Verbands für Frauenrechte in Indien. „Es wurde nicht genug getan, wenn Bildungsbürger wie diese Anwälte solche Aussagen machen.“

Prominente Unterstützer bei US-Premiere

Diese Aufforderung wird von vielen Frauenrechtsverbänden weltweit aufgegriffen. In den USA, wo am Montag der Film in New York Premiere hatte, haben Prominente wie Meryl Streep die Forderung nach mehr Rechten für Frauen unterstützt. „Wir müssen die Kultur des Schweigens und des Mundtotmachens beenden. Wir müssen offen diese Themen ansprechen“, sagte der Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation Vital Voices, Ravi Kant.

Deutsche Erstausstrahlung im ORF

ORF2 zeigt am Dienstag im Rahmen von „kreuz und quer“ die Dokumentation „Tochter Indiens - Das Protokoll einer Vergewaltigung“ als deutschsprachige Erstausstrahlung um 22.35 Uhr. Regisseurin Udwin rechnet in ihrer Doku über den Tod der Physiotherapiestudentin Jyoti Singh schonungslos mit der Mentalität einer männlich dominierten Gesellschaft ab. In dem Film kommt neben den Eltern der 23-Jährigen auch einer ihrer Mörder zu Wort, der derzeit mit drei Mitangeklagten im Gefängnis sitzt. Ein fünfter Täter, der Bruder von Mukehs Singh, hat in einer Gefängniszelle Selbstmord begangen.

Links: