Vom Fall in das Vergessen
„Still Alice“ - das sind 100 Minuten pures Schauspielerkino mit Julianne Moore. Für ihre Darstellung einer Alzheimerpatientin erhielt sie nach vier erfolglosen Nominierungen nun den Oscar. Die Story ist nicht spektakulär: Das Drama findet genauso in der Realität statt - tausendfach, überall auf der Welt. Weniger bestürzend ist eine Alzheimererkrankung deshalb nicht.
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Der Film bietet eine ungewöhnliche Annäherung an das Thema Alzheimer. Moore ist 54, die von ihr dargestellte Alice 50 Jahre alt. In diesem Alter ist es noch sehr unwahrscheinlich zu erkranken. Beim Thema Alzheimer hat man die eigenen Eltern oder Großeltern vor Augen, grauhaarig, 70 Jahre oder älter. Moore würde man sogar eine 40-Jährige abnehmen. Aber es gibt sie tatsächlich - eine seltene Variante von Alzheimer, die bereits in jüngeren Jahren auftreten kann.

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Alec Baldwin und Julianne Moore
Das Drehbuch der Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland basiert auf dem gleichnamigen Roman der Neurologin Lisa Genova. Die Grundidee ist recht plakativ. Denn mit Alice erkrankt ausgerechnet eine international erfolgreiche Linguistin an Alzheimer, jener Krankheit, die ihre Opfer nach und nach der Worte beraubt. Das erste Mal macht Alice sich bei einem Vortrag Sorgen. Das Thema ist „Frühkindliche Sprachentwicklung“. Plötzlich will ihr der Begriff „Wortschatz“ nicht einfallen. Von nun an wird selbiger immer geringer.
Das Nicht-wahr-haben-Wollen
Schließlich konsultiert Alice einen Neurologen und erfährt von ihrer Erkrankung. Was folgt, wird vielen Familien bekannt vorkommen. Weder man selbst noch die Liebsten wollen es wahrhaben. Danach kommt die Verzweiflung, wenn sich die Symptome nicht mehr als „Schusseligkeit“ wegleugnen lassen. Und letztlich beginnt der langsame Abschied von den Menschen, die man liebt - und der Abschied von sich selbst.
Alice ist glücklich verheiratet und hat drei Kinder. Zum Sohn hat sie wenig Bezug, er spielt im Film keine Rolle. Von den Töchtern ist Anna die brave, unnahbare. Sie studiert, wie es der Mutter gefällt, ist fix liiert und mit Zwillingen schwanger. Lydia hingegen strampelt sich ohne erkennbaren Erfolg in diversen Independent-Theatern ab. Alice will ihr einreden, stattdessen etwas Ordentliches zu machen. Der Konflikt schwelt zwischen den beiden.
Eine Powerfrau verliert die Kraft
Vor allem das Spiel zwischen Lydia, dargestellt von Kristen Stewart, und Moores Alice überzeugt. Vollkommenes Unverständnis herrscht zunächst, dann jedoch gibt es eine Annäherung. Alice verliert ihren Status als Powerfrau, was sie schmerzt, ihr aber auch eine andere Sichtweise auf das Leben der Tochter ermöglicht. Die Tochter hingegen übernimmt Verantwortung und muss stark sein - für ihre Mutter. Die beiden werden ein Team, unter umgekehrten Vorzeichen.

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Stewart und Moore als Mutter und Tochter: Es gilt die Distanz zu überwinden
Neben Stewart überzeugt auch Alec Baldwin als Familienvater, der seiner Frau zur Seite steht, bis er am Ende eine schwierige Entscheidung treffen muss. In erster Linie natürlich ist es Moores Verdienst, dass der Film zu einem Film wird, obwohl er eigentlich keine wirkliche Geschichte mit Anfang, Höhepunkt und Ende zu erzählen hat, sondern einfach den Krankheitsverlauf einer Alzheimer-Patientin beobachtet.
Inbegriff einer New Yorker Liberalen
Moores Spiel ist ohne Pathos. Stärke und Schwäche, Galgenhumor und Trauer - Moore lässt sich ein auf die Ambivalenz eines Menschen, der zusehends verschwindet, setzt dabei auf leise Töne und kleine Gesten. „Wie fühlt es sich an?“, fragt die Tochter ihre Mutter, die gerade einen ihrer guten Momente hat und antwortet: „Es ist nicht immer gleich, ich habe gute und schlechte Tage. An meinen schlechten Tagen gehe ich mir selbst verloren. Ich habe mich immer so sehr über den Intellekt, über die Artikulation definiert. Jetzt sehe ich die Wörter vor mir hängen und erreiche sie nicht. Und ich weiß nie, welche Fähigkeiten ich als nächste verlieren werde.“
Moores Oscar kommt spät, viele hätten ihr die Auszeichnung schon früher zugesprochen. Sie gilt nicht nur seit Robert Altmans „Short Cuts“ (1993) als grandiose Schauspielerin, sondern auch als Inbegriff einer New Yorker Liberalen. Poweryoga, gesunde Jause für die Kinder und politisches Engagement vereint Moore mit zahlreichen Rollen, die sie als vielseitige Mimin auf der Höhe ihrer Kunst zeigen, ob in einer Komödie, einem Thriller oder einem Drama wie hier in „Still Alice“.
Simon Hadler, ORF.at
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