Brüder standen auf US-Terrorliste
Kaltblütig sollen Cherif und Said Kouachi am Mittwoch bei ihrem Angriff auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und der anschließenden Flucht zwölf Menschen erschossen haben. Ihre Flucht endete nun zweieinhalb Tage später in einer Druckerei nordöstlich von Paris, wo die 34 und 32 Jahre alten Brüder am Freitag bei einem Polizeieinsatz getötet wurden.
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Fast 90.000 Einsatzkräfte wurden für die Suche der Attentäter mobilisiert. Nach einer vorerst erfolglosen Fahndung in der Region Picardie verfolgten Anti-Terror-Einheiten ein Fahrzeug auf einer Autobahn in der Nähe von Dammartinen-Goele. Am Freitag umstellten die Elitepolizisten der Einheit GIGN schließlich eine Druckerei in dem Ort wenige Kilometer vom Flughafen Charles de Gaulle entfernt. Sicherheitskräfte riegelten Zufahrten ab, Schulen wurden evakuiert. Die 8.000 Einwohner von Dammartin wurden aufgerufen, in den Häusern zu bleiben.

APA/AP/Thibault Camus
Die Druckerei wurde auch von Hubschraubern aus überwacht
Ein Polizist bei Einsatz verletzt
Gegen 17.00 Uhr erfolgte nach Angaben der Ermittler dann der Zugriff. Vor den tödlichen Schüssen waren die beiden Brüder aus der Druckerei gestürmt und hatten das Feuer auf die Polizisten eröffnet. Ein GIGN-Polizist wurde bei dem Einsatz verletzt. Zunächst hieß es, die Brüder hätten eine Geiseln in ihrer Gewalt. Später stellte sich jedoch heraus, dass sich der Mitarbeiter unbemerkt von den Angreifern in der ersten Etage des Gebäudes verstecken konnte.
Unter den Opfern des Attentats bei der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sind mehrere berühmte Karikaturisten sowie Chefredakteur Stephane Charbonnier. Das Magazin hatte in der Vergangenheit unter anderem mit Mohammed-Karikaturen für Aufsehen gesorgt. Den französischen Sicherheitsbehörden war das Brüderpaar mit algerischen Wurzeln bekannt, seit Jahren stand es sogar auf einer US-Terrorliste. Beide hatten offenbar Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und womöglich auch zur Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS).
Cherif Kouachi wurde in Frankreich schon 2008 wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Dschihadistennetzwerk zu drei Jahren Haft verurteilt, davon die 1,5 Jahre auf Bewährung. Er trug den Spitznamen „Abou Issen“. 1982 in Paris als Sohn algerischer Eltern geboren, war Cherif Mitglied des nach einem Park im 19. Pariser Bezirk benannten „Buttes-Chaumont-Netzwerks“, das Dschihadisten zum Kampf gegen die US-Truppen in den Irak schickte. Er wurde 2005 festgenommen, kurz bevor er selbst über Syrien in den Irak reisen konnte.
Verbindungen zu „Buttes-Chaumont-Netzwerk“
Seine Radikalisierung hatte bereits früher begonnen: Anfang der 2000er Jahre besuchten Cherif und sein zwei Jahre älterer Bruder Said in Paris Korankurse bei dem selbst ernannten „Emir“ Farid Benjettou, der für den Dschihad im Irak warb und das „Buttes-Chaumont-Netzwerk“ anführte. Bei Vernehmungen sagte Benjettou, Cherif Kouachi sei „sehr impulsiv und sehr aggressiv“ gewesen und habe von Plänen gesprochen, vor einer Ausreise zum Dschihad einen Angriff auf Juden in Frankreich zu verüben. Laut Innenminister Bernard Cazeneuve beschrieben Komplizen Kouachi als „äußerst antisemitisch“.

APA/EPA/Französische Polizei
Die Brüder Cherif und Said Kouachi auf den offiziellen Fahndungsfotos]
Im Gefängnis lernte Cherif Kouachi später den gewaltbereiten Islamisten Dschamel Beghal kennen, der wegen der Vorbereitung von Anschlägen eine zehnjährige Haftstrafe absaß. Seitdem soll er unter dessen Einfluss gestanden und einen „sehr strengen Islam“ praktiziert haben, heißt es aus informierten Kreisen. Er wurde offenbar schon in Frankreich in den Umgang mit Waffen eingewiesen. Experten vermuten zudem, dass er später doch noch in den Irak reiste. Eine Bestätigung dafür gibt es aber nicht.
„Charlie“-Anschlag im Auftrag von IS?
Verbindungen gibt es laut dem renommierten Islamexperten Jean-Pierre Filiu auch zum IS: Anfang der 2000er Jahre war neben Cherif Kouachi auch der Franko-Tunesier Boubaker al-Hakim Mitglied des „Buttes-Chaumont-Netzwerks“. Hakim hat sich zu der Ermordung zweier tunesischer Oppositioneller im Jahr 2013 bekannt und kämpft derzeit für den IS in Syrien. Es sei „unmöglich“, dass der Anschlag bei „Charlie Hebdo“ nicht vom IS in Auftrag gegeben worden ist, ist Filiu überzeugt.
Über Said Kouachi war zunächst weniger bekannt als über seinen jüngeren Bruder. Er wurde nie strafrechtlich belangt, die französischen Sicherheitsbehörden hatten sich vor allem bei Ermittlungen zu Cherif mit ihm beschäftigt. Die US-Zeitung „New York Times“ berichtete aber unter Berufung auf US-Vertreter, Said sei 2011 „mehrere Monate lang“ im Jemen gewesen und dort von Al-Kaida trainiert worden. Beide Brüder standen seit Jahren auf einer Terrorliste der USA, unter anderem war ihnen verboten, in die USA zu fliegen.
Personalausweis brachte Ermittler auf die Spur
Zuletzt lebte der arbeitslose Said Kouachi, auf Fahndungsfotos mit kurzen Haaren und einem Kinnbart zu sehen, mit seiner Frau und einem gemeinsamen Kind in einem Vorort der ostfranzösischen Stadt Reims. Sein Personalausweis wurde in einem der Fluchtfahrzeuge gefunden, was die Ermittler auf die Spur der Brüder brachte. Beide hatten offenbar keine leichte Kindheit. Sie lebten - zusammen mit einem weiteren Bruder und einer Schwester - jahrelang in einem Heim, sollen dort aber keine Problemfälle gewesen sein und später Ausbildungen absolviert haben.
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