Ein „Kokon“ für 2.400 Zuschauer
Die Pariser Klassikwelt freut sich über eine neue Heimat: Am 14. Jänner öffnet mit der Philharmonie de Paris ein neues Konzerthaus. Stararchitekt Jean Nouvel hat das Gebäude im Parc de la Villette im Nordosten der Stadt geplant, in dem jährlich 600.000 Zuschauer erwartet werden.
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Für Nouvel ist es nicht die erste aufsehenerregende Arbeit in Paris - 2006 eröffnete sein Museum für außereuropäische Kulturen am Seine-Quai Branly -, auch im Bezug auf Konzerthäuser kann der Architekt auf mehrere große Projekte verweisen: etwa das Kopenhagener DR Koncerthuset, das im Jänner 2009 eröffnet wurde.

Bouygues Construction
Noch vor wenigen Wochen wurde im neuen Saal unter Hochdruck gearbeitet
Ähnlich wie bei diesen Projekten liest sich auch die Baugeschichte der Pariser Philharmonie fast exemplarisch: ein Budget, das sich von den vorangeschlagenen 170 Mio. auf über 380 Mio. Euro mehr als verdoppelte. Auch der angepeilte Eröffnungstermin ist um mehr als zwei Jahre verschoben worden. Doch nun ist es so weit und das imposante Gebäude öffnet erstmals seine Pforten für die Öffentlichkeit.
37 Meter hoher Kubus als Blickfang
Von außen erinnert der Bau an eine mehrlagige Aufschichtung von Steinplatten, teils ineinander geschoben, teils gegeneinander verkantet. Seitlich herausragend zieht ein Kubus von rund 37 Metern Höhe die Blicke auf sich. Mittels Projektionen - etwa zur Ankündigung des aktuellen Programms - soll der Konzertsaal ein Blickfang für vorbeifahrende Autofahrer auf der nahe gelegenen Ringautobahn sein.
In unmittelbarer Nachbarschaft des Neubaus befinden sich zudem die 1995 entstandene Cite de la Musique (Stadt der Musik), die Cite des sciences et de l’industrie (Stadt der Wissenschaften und der Industrie) sowie die wichtigste Pop- und Rockkonzertlocation von Paris, das Zenith.
Raum für „Sinnesfreuden“
Die Philharmonie selbst beherbergt neben dem Konzertsaal auch sieben Probensäle, zehn Probestudios und einen großzügig bemessenen Bereich für musikpädagogische Projekte. „Lobby und Foyers sind Orte der weltlichen Sinnesfreuden - Plätze, an denen man Freunde treffen, die Bistros mit Blick auf die Gärten besuchen und in den Lounges lesen kann“, so Nouvel über die Vision zu seinem Entwurf.

Julien Mignot
Neben dem großen Saal können auch die Proberäumlichkeiten für öffentliche Konzerte im kleineren Rahmen genutzt werden
Ein Terrassencafe, ein Restaurant und ein Shop ergänzen das Angebot. Zwischen den Konzerten kann das Publikum die Galerieräumlichkeiten besuchen, in denen jedes Jahr zwei Ausstellungen auf dem Programm stehen sollen. Den Auftakt macht die vielbeachtete Schau „David Bowie is“, die bereits in London und Berlin gezeigt wurde.
Doch das eigentliche Herzstück ist der Konzertsaal, der Grande Salle. Die 2.400 Sitzplätze sind dabei auf Terrassen unterschiedlicher Höhe so angeordnet, dass kein Zuschauer weiter als 32 Meter vom Dirigenten entfernt ist. „Wie in einem Kokon“ soll sich das Publikum im Saal fühlen, in „intimer und zugleich offener Atmosphäre“.
Grundtypen im Konzertsaalbau
In der Konzertsaalarchitektur sind im wesentlichen zwei Grundtypen Usus. Beim Prinzip „Schuhschachtel“, nach dem etwa auch der Musikvereinssaal in Wien gebaut wurde, ist der Saal quaderförmig, wobei sich die Länge des Saals aus der Addition seiner Breite und Höhe ergibt. Das „Weinberg“-Design hingegen sieht eine terrassenförmige Anordnung der Zuschauerplätze rund um die Bühne vor.
Renommierte Akustikspezialisten engagiert
Wie bei jedem großen Konzert- und Musiktheaterbau ist die Herausforderung in der Planung jedoch weniger in der architektonischen Kühnheit oder Originalität zu suchen, sondern vorrangig darin, ein optimales Klangerlebnis zu ermöglichen.
Für die Philharmonie de Paris wurden dafür zwei Akustikspezialisten engagiert: der Neuseeländer Harold Marshall und der Japaner Yasuhisa Toyota. Letzterer zeichnete unter anderem auch für die Akustik in Nouvels Kopenhagener Konzerthaus, Frank Gehrys New World Center in Miami Beach und der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles verantwortlich.

Julien Mignot
Geschwungene Paneele sollen für die optimale Akustik sorgen
In einem im Maßstab 1:10 großen Holzmodell des Saals wurde eine Serie an Tests durchgeführt, auf Basis deren Ergebnisse ein genauestens eingepasstes System an festen und beweglichen Reflektoren installiert wurden. Statt sich auf eines der beiden in der Konzertsaalarchitektur üblichen Prinzipien „Schuhschachtel“ oder „Weinberg“ zu beschränken, habe man ein eigenes Modell entwickelt, heißt es auf der Website des Konzertsaals. Es sei eine „Synthese“ der beiden Modelle, die einerseits die Zuschaueranordnung des „Weinbergs“ mit den seitlichen Reflektoren der „Schuhschachtel“ - angebracht an wolkenförmigen Paneelen an der Decke und an den Balkonen - kombiniere.
Breites Veranstaltungsspektrum soll Junge anlocken
Das Einzigartige an diesem Saal sei seine Vielseitigkeit, so Nouvel. Jedes Jahr sollen dort 250 Veranstaltungen durchgeführt werden. Neben rund 80 philharmonischen Konzerten will man ein breites Spektrum anbieten, um ein möglichst heterogenes Publikum anzusprechen - Popkonzerte, Jazz, Weltmusik und große Chortreffen sollen den Raum und das Gebäude mit Leben füllen.
Wie in fast allen europäischen Ländern ist auch die französische Kulturlandschaft seit einigen Jahren von teils massiven Einsparungen betroffen. Kein Wunder also, dass es an Kritik an dem Millionenneubau nicht mangelt, dessen Kosten sich zu einem großen Teil mit je 45 Prozent die Stadt Paris und der französische Staat teilen, den Rest übernimmt die Region Ile-de-France.
Gerade erst im November wurde zudem das das renovierte Auditorium der Maison de la Radio wiedereröffnet - das ebenfalls mit über 1.000 Plätzen und einem ähnlichen Programm um das Publikum wirbt. In beiden Häusern erhofft man sich, vor allem junge Menschen ansprechen zu können. Schließlich stieg das Durchschnittsalter des französischen Klassikpublikums von 1981 bis heute von 36 auf 61 Jahre.
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