Zahlreiche Fragezeichen über 2015
Die Börsenbilanz 2014 ist für den Handelsplatz Wien eher mager ausgefallen. Mit dem größeren Teil der im Leitindex ATX gelisteten Unternehmen war nichts zu verdienen. Unter dem Strich steht am Jahresende ein Minus von rund 15 Prozent. Der Ukraine-Konflikt, Konjunktursorgen, der Preisverfall bei Erdöl und die Rubel-Krise sorgten für Nervosität.
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Dabei hatte das Jahr noch vielversprechend begonnen. In den ersten beiden Handelswochen 2014 hatte der ATX über sieben Prozent zugelegt und am 15. Jänner bei knapp 2.730 Punkten sein Jahreshoch erreicht. Danach ging es - trotz einiger teils deutlicher Ausschläge nach oben - kontinuierlich abwärts, das Jahrestief lag Mitte Oktober fast 700 Punkte tiefer bei 2.032,13. Am Dienstag, dem letzten Handelstag des Jahres, schloss der Wiener Leitindex bei 2.160,08 Punkten.

Börse Wien
Auf Jahressicht 2014 verlor der Wiener Leitindex (2.533,77 Punkte am 2. Jänner, 2.160,08 am 30. Dezember) knapp 15 Prozent
Vor allem zum Ende des Jahres hin brachten die Themen Russland und Ölpreis den ATX stark unter Druck. Die russische Landeswährung Rubel verlor in den letzten zwölf Monaten gegenüber dem Euro und dem Dollar rund 40 Prozent an Wert, im November drehte das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) erstmals seit 2009 wieder ins Minus. Hauptverantwortlich dafür sind schrumpfende Exporterlöse durch den starken Preisrutsch bei Rohöl, aber auch die internationalen Sanktionen wegen der Ukraine-Politik des Kreml.
Russland als Bumerang für RBI und Immofinanz
Vor allem die Aktien der stark in Russland und der Ukraine engagierten Raiffeisen Bank International (RBI) und der Immofinanz (ebenfalls mit starkem Russland-Fokus und einem negativen Halbjahresergebnis) verloren kräftig. Unter dem Strich steht bei der RBI für 2014 ein Minus von rund 50, bei der Immofinanz eines von über 35 Prozent. In beiden Fällen fürchten Investoren offenbar negative Überraschungen in Form von Abschreibungen.
Die Erste Group kam mit einem Minus von über 20 Prozent ebenfalls kräftig unter die Räder. Sie ist zwar nicht in Russland engagiert, muss dafür aber unter anderem Abschreibungen in Ungarn und Rumänien verdauen und schreckte ihre Anleger deswegen im Juli mit einer Gewinnwarnung.
Erdölpreis schickt OMV und SBO auf Talfahrt
Der seit dem Sommer um rund 45 Prozent eingebrochene Rohölpreis drückte in Wien vor allem auf die Kurse von OMV und Schoeller-Bleckmann Oilfield (SBO). Der Mineralölkonzern OMV, zwischendurch noch dazu in Führungsturbulenzen, verlor über 35 Prozent, der Ölfeldausrüster SBO mehr als ein Viertel seines Börsenwerts von Anfang Jänner 2014. Unter den fünf im ATX five gelisteten Schwergewichten (neben RBI, Erste und OMV noch Andritz und voestalpine) stand zu Jahresende vor keinem Kurs ein Plus. Lediglich der Grazer Anlagenbauer Andritz notiert fast exakt dort, wo die Aktie Anfang Jänner 2014 war.
Entwicklung der "Schwergewichte" im ATX five 2014
| Name |
1. Schlusskurs 2014 |
Letzter Schlusskurs |
Differenz in % |
| Andritz |
45,70 |
45,69 |
- 0,02 |
| Erste Group |
25,25 |
19,24 |
- 23,80 |
| OMV |
34,46 |
22,01 |
- 36,13 |
| RBI |
25,51 |
12,54 |
- 50,84 |
| Voestalpine |
34,88 |
32,80 |
- 5,96 |
Spitzenreiter Zumtobel und Flughafen
Am anderen Ende des Spektrums standen im letzten Jahr einige im ATX prime gelistete Titel mit teils kräftigen Kursgewinnen, allen voran der Vorarlberger Leuchtenhersteller Zumtobel, der Flughafen Wien und der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing mit jeweils einem Plus von 58, rund 25 und knapp 24 Prozent.
Die Aktie des Cateringunternehmens Do & Co kletterte von knapp über 36 auf über 62 Euro - ein Plus von über 70 Prozent. Beim Immobilienkonzern BUWOG, im letzten Jahr von der Immofinanz abgespalten und seit April neu im ATX, belief sich das Kursplus auf rund 25 Prozent, ähnlich beim Leiterplattenhersteller AT&S. Der Neuling FACC, seit Juni an der Börse, war kein guter Griff. Die Aktie des Flugzeugkomponentenherstellers startete mit 9,50 Euro, mittlerweile hat sie fast ein Viertel an Wert verloren.
Schlechte Zeiten für „Buy and Hold“
Das letzte Jahr hat Anlegern (einmal mehr) auch eines gezeigt: In turbulenten Börsenzeiten ist Timing alles. Sogar mit den (auf Jahressicht) größten Verlierern haben Investoren mit dem richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt viel Geld verdient. Die RBI-Aktie etwa war zu Jahresbeginn von 25,5 auf über 30 Euro geklettert, zwischen Mai und Juli gab es nochmals einen über 20-prozentigen Ausschlag nach oben - bevor es dann bergab ging. Die Schwankungsbreite des Kurses (Volatilität) lag im letzten Jahr bei über 45 Prozent.

Börse Wien
Der ATX notiert heute unter dem Niveau von vor zehn Jahren (2.431,38 Punkte am 30. Dezember 2004). Das Jahresplus lag damals bei über 57 Prozent.
Mit der „klassischen“ Strategie „Buy and Hold“ ist dagegen in Zeiten wie diesen nicht viel zu holen. Glücklich, wer nicht noch auf einem Depot von vor der Krise 2008 sitzt. Damals kosteten Aktien von Erste, Immofinanz und RBI zwischen dem Drei- und über Neunfachen ihrer derzeitigen Kurse. Wer allerdings auf oder kurz nach dem Höhepunkt der Krise eingestiegen ist, hat auch nach dem letzten Jahr keinen Grund zur Klage. Der Kurs der Immofinanz hat sich seither verneunfacht, jener der Ersten stieg seit 2009 um über 150 Prozent. Lediglich die RBI notiert in der Nähe der Kurse von 2009, sie rutschte im Dezember sogar auf ein neues Allzeittief unter zwölf Euro.
Gewinne in USA und Japan, Moskauer Börse stürzt ab
Die europäischen Indizes schlugen sich im letzten Jahr unterschiedlich. Der Frankfurter DAX beendete das Jahr leicht im Plus, der französische CAC-40 ist in etwa dort, wo er Anfang 2014 war, der britische FTSE-100 liegt leicht im Minus. Der Euro-Stoxx 50 liegt gegenüber Anfang 2014 ebenfalls leicht im Plus, der Schweizer SMI fast neun Prozent.
Internationale Börsen 2014
| ATX |
2.533,77 |
2.160,08 |
- 14,74 |
| DAX |
9.400,04 |
9.805,55 |
4,31 |
| EuroStoxx 50 |
3.059,93 |
3.135,95 |
2,48 |
| FTSE-100 (London) |
6.717,91 |
6.547,00 |
- 2,54 |
| CAC-40 (Paris) |
4.227,28 |
4.245,54 |
0,43 |
| SMI (Zürich) |
8.272,23 |
8.983,37 |
8,60 |
| Dow Jones |
16.441,35 |
17.983,07 |
9,38 |
| S&P 500 |
1.831,98 |
2.080,35 |
13,56 |
| NASDAQ |
4.143,07 |
4.777,44 |
15,31 |
| Nikkei (Tokio) |
15.814,37 |
17.450,77 |
10,35 |
| Hang Seng (Hongkong) |
23.340,05 |
23.501,10 |
0,69 |
| RTS (Moskau) |
1.388,28 |
790,71 |
- 43,04 |
Deutliche Gewinne gab es auf Jahressicht auch an den US-Börsen: Der New Yorker Dow Jones liegt rund neun Prozent im Plus, der S&P 500 über 13, der Technologieindex NASDAQ über 15 Prozent. In Japan gewann der Nikkei-Index etwas über zehn Prozent, der Hang Seng in Hongkong rettete sich gerade noch mit einem Plus von 0,7 Prozent ins neue Jahr. Großer Verlierer ist die Moskauer Börse: Der RTS-Index verlor zwischen Jänner und Dezember rund 55 Prozent, auf Zwölfmonatssicht liegt er rund 43 Prozent im Minus.
Griechenland und die Angst vor einer neuen Krise
Zu den bestehenden Unsicherheitsfaktoren wie Konjunkturentwicklung, Erdölpreis, Ukraine-Krise und dem Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und dem Irak ist pünktlich zu Jahresende einer wiedergekehrt, der zumindest das Börsengeschehen in Europa in den nächsten Monaten mitbestimmen dürfte: Griechenland.
Dort scheiterte am Montag die Wahl eines Präsidenten auch im dritten Anlauf, Neuwahlen sind die Folge. Dabei werden dem Linksbündnis SYRIZA, das die Sparvorgaben von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) für das verschuldete Land ablehnt, gute Chancen eingeräumt. Nun gehen wieder das Gespenst einer griechischen Staatspleite und die Angst vor einem erneuten Aufflackern der Euro-Krise um.
Was tun die Notenbanken?
Ein weiteres Fragezeichen über 2015: die Leitzinspolitik. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) könnte im kommenden Jahr ihren Leitzinssatz (derzeit auf dem Rekordtief von null bis 0,25 Prozent) erhöhen. Das ist einerseits ein Indiz dafür, dass sich die Wirtschaft der USA erholt hat, andererseits wäre das der Anfang vom Ende des billigen Geldes - und das wiederum könnte den vor allem liquiditätsgetriebenen Aufwärtstrend an den Börsen abschwächen.
In Europa dagegen könnte die EZB nach US-Vorbild verspätet auf das Rezept Quantitative Easing (QE), Wertpapierankauf in großem Stil, setzen, um die Wirtschaft zu stützen. Die Wachstumsaussichten für die Euro-Zone liegen etwa bei einem Prozent, die US-Wirtschaft wuchs im dritten Quartal um 3,5 Prozent. Positiv auf das Wirtschaftswachstum könnte sich im kommenden Jahr der niedrige Ölpreis auswirken, allerdings schürt der auch Ängste vor einer Deflation, einer Preisspirale nach unten, die in eine neue Krise münden könnte.
Keine zu großen Sprünge zu erwarten
Für den Handelsplatz Wien sind die Einschätzungen für 2015 von Analystenseite vorsichtig optimistisch, wie es in einer Aussendung der Börse heißt. Sie verweist auf das günstige Kursniveau, die „gesunden“ Bilanzen (nach diversen Berichtigungen), den niedrigen Ölpreis als Konjunkturstütze und außerdem darauf, dass es derzeit „kaum Veranlagungsalternativen“ zu Aktien gebe - zumindest solange die Leitzinsen niedrig bleiben. Außerdem hofft man, dass unangenehme „Sondereffekte“ und Gewinnwarnungen im kommenden Jahr ausbleiben. Die Raiffeisen Centro Bank (RCB) sieht den ATX in einem Ausblick auf das neue Jahr Ende 2014 bei 2.450 Punkten, die Erste Group bei 2.550 Punkten - mehr oder minder dort, wo er Anfang 2014 war.
Georg Krammer, ORF.at
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