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Kritik an später Reaktion

48 Stunden pro Woche arbeiten statt bis zu 72 Stunden: Die neue Arbeitszeitregelung klingt für Ärzte verlockend. Die ab 2015 startende Umsetzung der EU-Richtlinie zeigt aber, dass das derzeitige System in den meisten Spitälern in Österreich an seine Grenzen stößt - mit weitreichenden Konsequenzen für die Patienten.

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Viele Abteilungen wissen nicht, wie sie in den kommenden Monaten den Betrieb aufrechterhalten können. „Es ist mit massiven Leistungskürzungen zu rechnen“, sagt Anton T. (Name der Redaktion bekannt), Oberarzt in einem großen Wiener Spital im Interview mit ORF.at. Vielfach wird kritisiert, dass Politik und Spitalsbetreiber zu spät reagiert hätten. Von der Arbeitszeitrichtlinie war bereits 1993 die Rede, erst 2003 wurde sie verbindlich. Österreich verabschiedete das entsprechende Gesetz dazu heuer.

EU-Arbeitszeitrichtlinie

Nach der Richtlinie von 2003 darf die Wochenarbeitszeit spätestens ab 2021 48 Stunden nicht überschreiten. Österreich setzte diese Vorgabe spät um - das Gesetz tritt Anfang 2015 in Kraft. Die Arbeitszeit muss nun etappenweise angepasst werden, auch durchgehende Wochenenddienste müssen von derzeit maximal 49 auf 25 Stunden reduziert werden. Die Ausgleichsruhezeit muss ab 2015 sofort nach dem Wochenenddienst genommen werden.

Unter Androhung von hohen Strafen wurde Österreich nun verpflichtet, die Richtlinie beginnend mit 2015 umzusetzen. Organisatorische und personelle Vorkehrungen dafür seien nicht getroffen worden, so die Kritik von Spitalsärzten. In vielen Bundesländern laufen derzeit Verhandlungen.

Gehaltsverlust ist nicht das Hauptproblem

Die Ärztekammer (ÖÄK) fordert einen Lohnausgleich. Aufgrund der geringeren Arbeitszeiten und eines überproportional niedrigen Grundgehalts erwartet die Ärzte ein Einkommensverlust von rund 30 Prozent. Doch der Gehaltsverlust sei nicht das Hauptproblem, erklärt Oberarzt T. Der Betrieb sei nicht aufrechtzuerhalten. Schon derzeit laufen kleinere Abteilungen mit der Besetzung am Limit, Dienstpläne für das neue Jahr sind kaum zu erstellen: „Wie wir über die Runden kommen, ist unklar.“

In der Abteilung von Ali K. (Name der Redaktion bekannt), Facharzt in einem KAV-Krankenhaus, bestreitet schon jetzt nur ein Facharzt die Ambulanz statt drei Ärzten. Er geht davon aus, dass mit der Umsetzung der neuen Arbeitszeit nach einer Übergangszeit „sicher nicht alle Leistungen erbracht werden können“: „Es wird keine Ärzte geben, die die Ambulanzen bespielen können.“

Ärztekammer bereit für Kampfmaßnahmen

Vom Wiener Krankenhausbetreiber, dem Krankenanstaltenverbund (KAV), will man mit Verweis auf die laufenden Gespräche mit der Gewerkschaft für die Gemeindebediensteten derzeit keine Stellungnahme gegenüber ORF.at abgeben. Die Wiener Ärztekammer hofft auf ein Ergebnis der Verhandlungen bis März. „Das ist später als in manchen Bundesländern, aber nicht zu spät“, betonte der Präsident der Wiener Ärztekammer, Thomas Szekeres, gegenüber ORF.at.

Die Ärztekammer stellte finanzielle Unterstützung in Aussicht, sollten Kampfmaßnahmen notwendig sein. Szekeres hofft aber auf eine „gütliche Einigung“. Doch erst vor wenigen Tagen betonte Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger, dass für die Aufrechterhaltung einer qualitativ hochwertigen Versorgung in erster Linie die Krankenhausträger verantwortlich seien.

Schonfrist in den ersten Wochen

Es gibt tatsächlich noch eine gewisse Schonfrist aufgrund des Durchrechnungszeitraums von 26 Wochen. „Aber wenn man in den ersten Monaten aus dem Vollen schöpft, fehlen die Stunden am Ende dieses Zeitraums“, warnt T. Er rechnet damit, dass im März, spätestens im April und Mai der Betrieb nicht mehr in vollem Umfang aufrechtzuerhalten ist.

Eine chirurgische Abteilung in seinem Haus etwa hat seinen Angaben zufolge bereits einen März-Dienstplan nach dem neuen Arbeitszeitgesetz erstellt: Tageweise musste ein Drittel der chirurgischen Kapazität gestrichen werden, elf Nachtdienste können mit dem derzeitigen Personal schon aus heutiger Sicht nicht besetzt werden.

„Niemand hat einen Masterplan“

K. rechnet damit, dass es spätestens im Juni, zum Ende des Durchrechnungszeitraums, „krachen wird“ und nicht zuletzt aufgrund der Urlaubszeit Operationen eingeschränkt und Ambulanzen zeitweise gesperrt werden müssen. Mehr Personal oder zumindest eine sinnvolle Strategie, wie man Ressourcen besser verteilen könnte, seien notwendig. „Bisher hat aber niemand einen Masterplan. Und es ist mittlerweile auch schwierig, ausgeschriebene Arztposten zu besetzen. Denn die Krankenhäuser haben sich jahrelang erfolgreich Mühe gegeben, die jungen Ärzte zu vergraulen“, analysiert K.

Lange Wartezeiten

Die Konsequenz: „Noch längere Wartezeiten auf Operationstermine, noch längere Wartezeiten in den Ambulanzen“, so die Spitalsärzte einhellig. Denn aufgrund einer verpflichtenden 24-Stunden-Präsenz „muss vor allem bei den planbaren Routinetätigkeiten gekürzt werden“. Im derzeitigen System absolvieren die Ärzte im Regelfall nach einem Nacht- noch einen anschließenden Tagdienst. Das würde in Zukunft aufgrund der Ruhebestimmungen wegfallen, sonst fällt der Arzt für zwei Ruhetage ganz aus - die Besetzung der Dienste wäre noch schwieriger.

Schon jetzt gibt es bei manchen Ambulanzen monatelange Wartezeiten. Die Situation entwickle sich in eine Richtung, wo Ausnahmen Alltag würden, so Sandra O. (Name der Redaktion bekannt), Fachärztin in einem KAV-Spital in Wien. Facharztkollege K. erwartet ohne Gegenmaßnahmen einen „ständigen Notbetrieb“ in vielen Spitälern.

Verhandlungen hinter geschlossenen Türen

Ein Sonderfall ist das Wiener Allgemeine Krankenhaus (AKH). Dienstgeber der AKH-Ärzte ist die MedUni Wien. Hier werden viele gedrängt, eine Opt-out-Regelung zu unterschreiben. Damit stimmen die Ärzte zu, mehr als 48 Stunden pro Woche zu arbeiten. Ein Großteil hat bisher nicht unterschrieben. Es werde aber weiter Druck ausgeübt, so Szekeres. Die Ärztekammer kritisiert diese Regelung, widerspricht sie doch dem Sinn des Gesetzes. In anderen Wiener Spitälern wurde bisher keine Opt-out-Option angeboten.

Die Ärztekammer rechnet vor allem im AKH mit möglichen Engpässen bei der Einteilung. Es laufen Gespräche zwischen Betriebsrat, Rektorat und Wissenschaftsministerium. In anderen Spitälern sehe er „Signale, dass man weitermacht wie bisher und schaut, was passiert“. T. kann das nicht nachvollziehen. Andere Spitäler stünden vor ähnlichen Problemen. In zahlreichen Krankenhäusern stehen Betriebsversammlungen auf der Tagesordnung. Unter den Ärzten herrscht Unmut und Unsicherheit. Die Verhandlungen laufen hinter verschlossenen Türen. T.: „Betroffene werden nicht informiert.“

90 Stunden pro Woche

Spitalsbetreiber und Ärztekammer setzen bei der Lösung auch auf eine Entlastung der Mediziner. „Ärzte müssen sich auf das Kerngeschäft konzentrieren können und administrative Tätigkeiten abgeben“, so Szekeres. Es herrsche tatsächlich ein eklatanter Mangel an administrativem Personal, stimmt T. zu. Dass diese Entlastung aber ausreicht, um den Ärztedienstplan leichter zu erfüllen, hält T. für eine „Illusion“: „Wenn man aufgrund der Arbeitszeitregelung nicht arbeiten darf, können diese Dienste schlicht nicht besetzt werden.“

Auch K. würde eine administrative Entlastung begrüßen, glaubt aber ebenfalls nicht daran, dass das die Lösung der Probleme ist. Denn nicht alles könne delegiert werden: „Ein Arztbrief muss vom Arzt kommen. Und selbst bei einer 90-Stunden-Woche, die ich gerade hinter mir habe, stapeln sich die zu schreibenden Arztbriefe.“

„Geschönte Zahlen“

Fachärztin O. fürchtet, dass auch in Zukunft wie schon jetzt „Zahlen geschönt“ werden. Sie komme im Schnitt auf eine 50- bis 60-Stunden-Woche. Über einen längeren Durchrechnungszeitraum, der auch zwei Urlaubswochen enthielt, lag ihr Mittel bei 47 Wochenstunden. Das wäre also auch im kommenden Jahr gesetzeskonform, „ist aber Augenauswischerei“, so die Fachärztin. Der Betrieb sei trotz dieser statistischen Darstellungen nicht aufrechtzuerhalten - nicht zuletzt auch wegen der sinkenden Anzahl an Turnusärzten. Denn mittlerweile gibt es auch für praktische Ärzte eine Facharztausbildung. O.: „Bisher verschleierten die Turnusärzte immer den tatsächlichen Bedarf an Arbeitskräften. Studenten aus dem klinisch-praktischen Jahr werden diese Lücke nicht füllen können.“

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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