Notbremse nach empörten Reaktionen
Nach großer Aufregung auf Facebook und Twitter hat die Chefredaktion der „Presse“ am Montag die Notbremse gezogen: In einem Statement distanzierte sich Chefredakteur Rainer Nowak von dem in der „Presse am Sonntag“ veröffentlichten Artikel „Wer Strafe nicht vollzieht, wird unglaubwürdig“. Im Rahmen eines Erziehungsschwerpunkts wurde in diesem die Ansicht vertreten, dass körperliche Gewalt bei Kindern vertretbar sei.
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Der Text, „in dem Gewaltanwendung als ‚ultima Ratio‘ in der Kindererziehung bezeichnet wird“, entspreche „weder der Blattlinie dieser Zeitung noch zeitgemäßer Pädagogik“. Und weiter: „Daher – und das ist eine traurige Premiere – distanzieren wir uns vom Inhalt dieses Artikels. Unsere interne Kontrolle hat am vergangenen Samstag versagt. Wir bedauern dies.“
Autor: „Ungeschickt verfasst“
Der Text des Artikels wurde auch leicht geändert, der Name des Sohnes und der Frau des Autors wurden abgekürzt. In den Kommentaren unter der bereits am Sonntag angekündigten Stellungnahme sowie auf Facebook wurde die Distanzierung teilweise gelobt, Teilen der Leserschaft ging sie für ein solch „unentschuldbares Verhalten“ zu wenig weit.
Am frühen Montagnachmittag distanzierte sich Autor Wolfgang Greber auf der „Presse“-Website ebenfalls von seinen eigenen Formulierungen. Sie seien „in der Eile der Produktion ungeschickt verfasst worden und können leicht missverstanden werden. Ich halte auch im Namen meiner Frau ausdrücklich fest, dass körperliche Gewalt bei uns zuhause keinen Platz hat.“
„Alles andere ist naiv“
Greber hatte in seinem Text unter anderem geschrieben: „Natürlich muss ein Kind gemaßregelt und notfalls bestraft werden, alles andere ist naiv.“ Mit „guten Worten und etwas Gewalt“ erreiche man „stets mehr als nur mit guten Worten“. Angedrohte Strafen müssten auch vollzogen werden, sonst mache man sich als Elternteil „unglaubwürdig“. Und: „Man lernt auch durch Schaden und Schmerz.“
Auch zu konkreten Bestrafungen äußerte sich der Autor. Eine „Körperstrafe muss aber, wenn überhaupt, in so seltenen wie homöopathischen Dosen sein“. Er nennt sie „Ultima Ratio und an Stellen, die nicht zu persönlich sind, so wie das Gesicht, weshalb ich die ‚gesunde Watsche‘ ablehne“.
„Ohrenzieher“ als „strengste Sanktion“
Er stehe aber zum „Ohrenzieher als strengste Sanktion“. „Okay“ sei auch „Übers-Knie-Legen, das ich aber demonstrativ-inszeniert und nur mit leichtem Klopfen durchführe“. Für Verwunderung und Empörung sorgte ein weiterer Satz im Text: „Ich habe manch gewaltfrei erzogenes Kind erlebt, sie neigen zu Rücksichtslosigkeit und verbreiten oft negative Schwingungen.“ Auch der im Text für seinen Sohn verwendete Begriff „Kristallkind“ wurde als esoterisch kritisiert.
Tausende Male geteilt
Obwohl schon Samstagabend gemeinsam mit anderen Teilen des Erziehungsschwerpunkts online erschienen, breitete sich der Text erst am Sonntagnachmittag wie ein Lauffeuer über die Sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter aus. Allein die Social-Media-Zeile unter dem Text wies Montagmittag rund 4.500 Shares auf Facebook und mehr als 300 auf Twitter aus. Vor allem empörte Eltern machten ihrem Ärger Luft. Als eines der ersten Medien reagierte das Onlinemagazin Vice am Sonntag mit dem Text „Nein, ‚Presse‘-Redakteur Wolfgang Greber, Sie dürfen ihr Kind nicht schlagen!“, der ebenfalls rasch Verbreitung fand.
Empörte Postings
Schließlich folgte eine sehr persönliche Replik von ZIB2-Moderator Armin Wolf auf Facebook, womit praktisch jeder Social-Media-User in Österreich spätestens über drei Ecken von der Aufregung erfuhr. Scharfe Kritik gab es für die „Presse“ auch auf ihrer Facebook-Seite und in den entsprechenden Foren auf Diepresse.com. Unter die empörten Stellungnahmen mischten sich hier allerdings auch vereinzelte Stimmen, die den „Mut“ des Autors lobten und seine Ansichten teilten.
Die Bundesjugendvertretung teilte dem Autor in einem Offenen Brief ihren Unmut mit. Auch die Kinder- & Jugendanwaltschaft Wien antwortete mit einem Offenen Brief, in dem sie dem „Presse“-Journalisten eine Erziehungsberatung nahelegte.
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