Grenze als umkämpfte Schlüsselstelle
Mehr als eineinhalb Wochen nach der Zusage der Türkei, kurdische Peschmerga-Kämpfer über die Türkei nach Syrien einreisen zu lassen, sind nun die ersten Kämpfer in der syrischen Grenzstadt Kobane (arabisch: Ain al-Arab) angekommen. Etwa zehn Kämpfer seien über die Grenze in die Stadt einmarschiert, hieß es am Donnerstag von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte.
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Insgesamt 150 Unterstützer aus dem Nordirak sollen die Kurden in Kobane im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unterstützen. Der Rest soll „innerhalb von Stunden“ eintreffen. „Die erste Gruppe soll unsere weitere Strategie planen“, sagte die kurdische Kommandeurin Merjem Kobane in Kobane zur Vorhut. „Sie müssen Vorbereitungen treffen, damit die Peschmerga dort in Stellung gehen können, wo wir sie brauchen.“ Laut unbestätigten Meldungen der dpa haben die Kämpfer die Stadt nach wenigen Stunden bereits wieder verlassen.
Syrien: „Skandalös“
Die Peschmerga haben schweres Kampfgerät im Gepäck. Am Vortag waren 90 bis 100 Kurden-Kämpfer per Flugzeug in der Türkei eingetroffen. Eine zweite Gruppe ist mit schweren Waffen auf dem Landweg durch die Türkei unterwegs nach Kobane. Die türkische Regierung hat ihnen die Einreise zugesagt, der direkte Weg ist von IS abgeschnitten. Syrien verurteilte den Einmarsch der Peschmerga umgehend als „eklatante Verletzung“ seiner Souveränität. Es sei ein „skandalöser Akt“, so das syrische Außenministerium.
Kurden-Präsident: Bereit, mehr Kämpfer zu schicken
Kurden-Präsident Massoud Barzani erklärte am Donnerstag, bei Bedarf auch mehr Kämpfer entsenden zu wollen. Nach Angaben der kurdischen Regionalregierung im Irak sollen die Peschmerga in Kobane nicht an vorderster Front kämpfen, sondern vor allem Artillerieunterstützung leisten. Die Kämpfer des IS hatten die Stadt mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen angegriffen. Sie drohten mit einem Massaker an den Kurden in Kobane wenn sie die Stadt einnähmen.

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Die Peschmerga hielten sich in der türkisch-syrischen Grenzstadt Suruc auf und erreichten Donnerstagvormittag Kobane
IS versucht seit Wochen, die belagerte Stadt von der Außenwelt und vor allem der türkischen Grenze abzuschneiden. Erst am Donnerstag berichtete die Beobachtungsstelle, dass die Verteidiger der nordsyrischen Stadt einen Angriff der Extremisten auf die Verbindung zur türkischen Grenze zurückgeschlagen haben. Nähme der IS den Grenzübergang ein, können damit auch die Peschmerga nicht mehr von der Türkei aus nach Kobane gelangen.
Verstärkung auch von Freier Syrischer Armee
Den Peschmerga vorausgegangen waren Mitglieder der Freien Syrischen Armee (FSA), die für den Sturz der syrischen Regierung kämpfen. Etwa 150 FSA-Kämpfer hätten in der Nacht zum Mittwoch bei Mürsitpinar die Grenze zu Syrien passiert, sagte ein türkischer Behördenvertreter. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach von lediglich 50 FSA-Angehörigen. Laut der prokurdischen Nachrichtenagentur Firat überquerten die Kämpfer die Grenze bei Mürsitpinar in acht Fahrzeugen.
FSA-Kommandeur: Kämpfer für Aleppo fehlen
In der FSA regt sich jedoch Kritik an der geplanten Verlegung weiterer Kämpfer in die belagerte Stadt. Die FSA-Kräfte würden in der nordsyrischen Stadt Aleppo benötigt, sagte der FSA-Kommandeur aus Kobane, Nisar al-Chatib, am Donnerstag in Istanbul. Die Situation dort sei sehr gefährlich, weil das syrische Regime versuche, die Rebellen in Aleppo einzuschließen. Auch die Terrormiliz IS ist nahe an Aleppo herangerückt. Die vor dem Bürgerkrieg zweitgrößte Stadt Syriens ist eine wichtige Hochburg der Regimegegner. Die syrische Armee versucht seit Wochen, die Versorgungsroute der dortigen Rebellen in die Türkei abzuschneiden.
Angespanntes Verhältnis zu Kurden
Die FSA ist mit dem syrischen Oppositionsbündnis Nationale Syrische Koalition verbunden, das vom Westen und der Türkei unterstützt wird. Die Beziehungen zwischen der FSA und den kurdischen Volksschutzeinheiten waren in der Vergangenheit angespannt. Regierungsgegner hatten den syrischen Kurden vorgeworfen, mit dem Regime zu kooperieren. Im IS haben sie jedoch einen gemeinsamen Feind. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, rund 1.300 FSA-Kämpfer sollten den Verteidigern von Kobane Hilfe leisten.
Unterdessen dauerten die Kämpfe im Zentrum, im Süden und im Norden von Kobane an, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Demnach flog die von den USA angeführte Militärkoalition Luftangriffe auf mutmaßliche Stellungen der Dschihadistenorganisation im Nordosten der Stadt, nicht weit vom Hauptgrenzübergang in die Türkei.
Entgegengesetzte Ziele
Die Regierung in Ankara tut sich mit jeder Hilfe für die Kurden in Kobane schwer, weil die dortigen Volksschutzeinheiten mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden sind. Diese ist in der Türkei als Terrororganisation verboten. Die Türkei, die sich seit Jahrzehnten mit einem Unabhängigkeitskampf der Kurden im Südosten des eigenen Landes konfrontiert sieht, versucht, eine Stärkung der Volksgruppe in den Nachbarländern Irak und Syrien zu vermeiden. Für die USA ist die Stärkung der Kurden ein wichtiger Teil ihrer Strategie gegen den IS. Sie setzen auf regionale Kämpfer auf dem Boden und unterstützen diese mit Luftangriffen.
Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte unterdessen den Vorwurf zurückgewiesen, sein Land unternehme nicht genug zum Schutz Kobanes. „Ich bin wirklich überrascht und schockiert, wenn einige internationale Medien die Türkei beschuldigen oder von der Türkei erwarten, etwas zu tun“, sagte er dem britischen Sender BBC. Man könne von der Türkei nicht fordern, im Alleingang Bodentruppen nach Syrien zu schicken.
„Barbarischer“ Angriff auf Flüchtlingscamp
Nach Berichten über einen Luftangriff auf ein syrisches Flüchtlingscamp mit mindestens zehn Toten hat die US-Regierung das „Blutbad an unschuldigen Zivilisten“ verurteilt. Die syrische Staatsführung müsse dafür zur Rechenschaft gezogen werden, sagte US-Außenamtssprecherin Jen Psaki. Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte berichtet, dass bei dem Luftangriff am Mittwoch mindestens zehn Flüchtlinge getötet und Dutzende verletzt worden seien.
Sollte sich bestätigen, dass die Armee von Machthaber Baschar al-Assad gezielt Fassbomben auf das Camp Abedin abwerfen ließ, wäre das „nur der jüngste brutale Akt dieses Regimes gegen sein eigenes Volk“, sagte Psaki. Die Attacke auf das Lager im Nordwesten Syriens war nach ihren Worten „nichts weniger als barbarisch“. Bei Fassbomben handelt es sich in der Regel um mit Sprengstoff und Metallteilen gefüllte Ölfässer.
Massaker an Sunniten im Irak
Im Irak soll die Terrormiliz IS mehr als 200 Mitglieder eines sunnitischen Stammes getötet haben. Die irakische Nachrichtenseite al-Sumaria berichtete am Donnerstag unter Berufung auf einen Stammesscheich von einem Massengrab mit 150 Leichen. Es sei in einem Flusstal nordwestlich der Stadt Ramadi in der Provinz al-Anbar entdeckt worden.
Das Portal al-Mada meldete zudem, die Extremisten hätten in der nahe gelegenen Stadt Hiet 30 Kämpfer desselben Stammes zusammengetrieben und erschossen. Anrainer und Angehörige seien zum Zuschauen gezwungen worden.
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