Gegenseitige Schuldzuweisungen
In genau einer Woche hätte Edi Rama als erster albanischer Regierungschef seit 68 Jahren zum Zeichen der Entspannung die serbische Hauptstadt Belgrad besuchen sollen. Nach einem abgebrochenen Skandalspiel beider Länder am Dienstagabend stehen nun aber alle Zeichen auf Konflikt. Auf beiden Seiten dominieren nationalistische Parolen, wie man sie schon seit Jahren nicht mehr gehört hat.
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Anlass für die Scharmützel auf dem Feld gab eine Flagge „Großalbaniens“, die mittels Drohne auf das Spielfeld gesteuert wurde. Wer für die Aktion verantwortlich zeichnet, ist noch nicht klar. Zunächst war man davon ausgegangen, dass Ramas Bruder Olsi von seiner VIP-Loge aus eine Drohne gesteuert hatte - Serbiens Außenminister Ivica Dacic sprach deshalb von einer „im Voraus geplanten politischen Provokation“. Rama wurde inhaftiert, aber wieder freigelassen. Zunächst hatte es geheißen, die Fernsteuerung für die Drohne sei bei ihm gefunden worden.
Später bekannte sich die mazedonische Albanien-Fangruppe Shvercerat laut dem albanischen TV-Sender Top Channel zu der Aktion. „Werke und nicht Worte“, schrieb die Fußballfangruppe demnach auf Facebook. Nach serbischen Medienberichten untersuchte die Polizei am Mittwoch eine serbisch-orthodoxe Kirche unweit des Sportstadions. Es wird nämlich angenommen, dass die Drohne mit der umstrittenen Flagge vom Kirchenturm aus gestartet war.
Serbien will „keinerlei Verantwortung“ haben
Außenminister Dacic jedenfalls beteuert, dass Serbien keine Verantwortung für den Abbruch des Fußballmatches in Belgrad trage. Das Spiel zur EM-Qualifiaktion war vor Ende der ersten Halbzeit beim Stand von 0:0 abgebrochen worden, nachdem der Drohnenüberflug zu Rangeleien zwischen den Spielern und schließlich Übergriffen von serbischen Fans auf albanische Spieler geführt hatte. Albanische Fans waren im Stadion gemäß einer Abmachung beider Ländern nicht zugelassen, zum geplanten Rückspiel in Tirana dürfen dafür keine serbischen Schlachtenbummler.

Reuters/Marko Djurica
Der serbische Spieler Stefan Mitrovic bekam die Flagge zu fassen
Der serbische Fußballverbandsvize Goran Milanovic ging in seinen Vergleichen noch weiter. Gegenüber der Belgrader Zeitung „Informer“ sagte er am Mittwoch: „Stellen Sie sich nur einmal eine Situation vor, in der Israel Deutschland in Tel Aviv empfängt und jemand eine Hakenkreuzfahne mit dem Kopf Adolf Hitlers entrollt. Etwas Ähnliches hat sich gestern Abend im Partisan-Stadion ereignet.“
EU gegen „Provokationen“ beider Seiten
Dacic gab außerdem der EU Mitschuld an dem Vorfall: Vor dem EM-Qualifikationsspiel habe die EU auf Serbien massiven Druck ausgeübt, Albanern den Weg ins Stadion zu ermöglichen, obwohl die serbischen Behörden sie auf dem Flughafen festhalten wollten. „Wenn jemand aus Serbien in Tirana oder in Prishtina eine Fahne Großserbiens entrollt hätte, dann wäre das schon auf der Tagesordnung des UNO-Sicherheitsrates“, sagte Dacic weiter. Eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton wies die Vorwürfe zurück.
„Wir sind enttäuscht über den Abbruch des Fußballspiels nach einer Provokation“, sagte Ashtons Sprecherin am Mittwoch in Brüssel. Sie forderte die beiden Balkan-Staaten zu regionaler Zusammenarbeit auf und mahnte: „Wir sind der Ansicht, dass Politik nicht durch Provokationen in Stadien beeinflusst werden sollte.“ Die serbischen Behörden seien „mit der Situation professionell umgegangen“. Die EU bemüht sich um eine Annäherung der beiden Nachbarstaaten. Serbien, das Kosovo und Albanien wollen der EU beitreten.
Präsident wettert gegen albanische „Serbenhasser“
Der serbische Präsident Tomislav Nikolic wies am Mittwochnachmittag ebenfalls mit dem Finger auf Tirana. Die Verantwortlichen für die Aktion hätten „offenbar die Absicht“ gehabt, „Unruhen in Serbien auszulösen und die ganze Region zu destabilisieren“, erklärte er in einer Aussendung. Er war selbst bei dem Match auf der Tribüne gewesen. Die Provokation sei ein „Anschlag“ auf das Bestreben nach Entspannung. Albanien werde „Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchen, um ein normaler Staat ohne Serbenhass zu werden“.
Der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic sagte seinerseits in einem Zeitungsinterview, er habe drei Stunden vor dem Spiel EU-Vertreter in Belgrad darauf aufmerksam gemacht, dass Provokationen vorbereitet würden. Albanische Extremisten hätten die Absicht, Serbien als intolerantes Land vorzuführen und seine Bürger zu beleidigen, erklärte Vucic in einem Gespräch mit der Tageszeitung „Vecernje novosti“ (Donnerstag-Ausgabe), das am Mittwoch im Voraus veröffentlicht wurde.
Lage in Mitrovica gespannt
Gespannt war die Lage nach dem Abbruch des Matches etwa in der geteilten nordkosovarischen Stadt Mitrovica. Beiderseits der Brücke, die den nördlichen serbischen vom südlichen albanischen Stadtteil trennt, versammelten sich junge Serben und Albaner. Zu Zwischenfällen kam es laut dem lokalen Polizeichef nicht. Unter verstärktem Polizeischutz wurde in der Nacht Medien zufolge auch die serbische Botschaft in Tirana gestellt, wo sich nach dem Abbruch des Fußballspiels albanische Schlachtenbummler versammelten.

Reuters/Marko Djurica
Serbische Fans im Stadion Dienstagabend
Der Empfang der albanischen Spieler in Tirana Mittwochfrüh wurde ebenfalls zu einer nationalistischen Kundgebung. 3.000 Menschen hießen die Mannschaft in einem Meer aus roten albanischen Flaggen willkommen. Edi Rama, der sich gerade auf einer Auslandsreise befindet, erklärte über das Kurznachrichtenportal Twitter, er sei „im Herzen“ und „von Stolz erfüllt“ bei den Menschen auf dem Flughafen. Für die „Nachbarn“, die den Sport mit „blindem Hass“ in ein schlechtes Licht gerückt hätten, habe er hingegen nur „Mitleid“ übrig.
Olsi versteht nicht, „woher diese Geschichte kommt“
Olsi Rama bestritt am Mittwoch jegliche Verantwortung für den Vorfall. „Ich habe nichts zu tun mit der Drohne“, betonte er nach seiner Rückkehr nach Tirana. „Ich verstehe nicht, woher diese Geschichte kommt.“ Dass ihn die serbische Polizei wieder freiließ, war laut Medienberichten zwei Umständen zu verdanken: erstens, dass er den Behörden einen US-Pass zeigte, und vor allem zweitens, dass wegen des bereits seit gut einem Monat andauernden Streiks der serbischen Anwälte am Dienstagabend kein Pflichtverteidiger für Rama aufzutreiben war.
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