Sorge um Russland-Geschäft
Das kriselnde Russland-Geschäft verdirbt den Autoherstellern auf der Pariser Branchenmesse die Feierlaune. Im Rampenlicht des Autosalons stehen zwar Elektro- und Hybridmodelle sowie vernetzte Fahrzeuge. Doch der Einbruch des Pkw-Absatzes in Russland und die Folgen für den nur langsam in Fahrt kommenden europäischen Markt treiben den Managern tiefe Sorgenfalten auf die Stirn.
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Immer mehr Experten befürchten, dass eine Sanktionsspirale durch den derzeitigen Konflikt zwischen Russland und dem Westen der Konjunktur in Europa einen herben Dämpfer verpassen könnte. Bei Firmen und Verbrauchern machte sich bereits große Verunsicherung breit.
Minus 14 Prozent in sieben Monaten
Offiziell waren zum Auftakt der Messe am Donnerstag nur wenige pessimistische Stimmen zu hören, was den russischen Markt angeht. Die Vorstände der Autobauer hoffen, dass sich die Wirtschaft in dem riesigen Schwellenland eines Tages wieder erholt, die Sanktionen des Westens die Konjunktur nicht weiter treffen - und sie dort in einigen Jahren wieder bessere Geschäfte machen können als derzeit. In den ersten sieben Monaten brach der Absatz der deutschen Hersteller dort um 14 Prozent ein. Ihr Anteil in Russland - dem zweitgrößten Automarkt Europas - liegt bei mehr als 20 Prozent.
Beispiel Volkswagen: Europas größter Autobauer sieht den russischen Markt wegen des Ukraine-Konflikts derzeit zwar durchaus kritisch, Konzernchef Martin Winterkorn setzt aber langfristig auf eine Beilegung der Ukraine-Krise. „Der russische Markt kommt zurück.“ Man müsse in längeren Zeiträumen denken.
Die Wolfsburger haben in Russland zwei Fabriken und bauen gerade ein Motorenwerk. Wegen der Marktschwäche in Russland hatte VW die Bänder in seinem Werk in der russischen Stadt Kaluga sowie bei seinem Partner GAZ im September für einige Tage gestoppt. Inzwischen läuft die Produktion wieder. Im August war die Pkw-Nachfrage in dem Land um 26 Prozent eingebrochen.
„Gewisse Verunsicherung“
Auch der Markt für Premium-Autos sei betroffen, sagte Audi-Chef Rupert Stadler. Wie viel der eigene Absatz dort zurückgegangen ist, wollte Stadler ebenso wenig verraten wie BMW-Chef Norbert Reithofer. Das Gesamtgeschäft beeinflusse Russland zwar wegen der kleinen Stückzahlen nicht, aber zusammen mit weiteren Krisen, etwa im Nahen Osten, führe es „zu einer gewissen Verunsicherung“, hieß es von Stadler.
Ford hatte die Branche jüngst mit der Ankündigung aufgeschreckt, infolge der Einbußen im Russland-Geschäft die Ziele in Europa nicht zu erreichen. Die Rückkehr in die Gewinnzone dauert nun länger. Fords Europa-Chef Stephen Odell hofft aber darauf, dass sich die früheren Prognosen langfristig noch erfüllen und Russland Deutschland eines Tages als größten Pkw-Markt in Europa ablösen kann.
Abgesehen von Russland befinde sich die Branche in Europa in einem moderaten Aufwärtstrend, sagte der Manager. Nach dem guten Jahresstart habe sich das Wachstum jedoch abgeschwächt. Das Kölner Ford-Werk hat Kurzarbeit angekündigt. Auch der größere US-Konkurrent GM ist wegen der Turbulenzen im Russland-Geschäft eher skeptisch. Die Opel-Mutter rechnet erst 2016 mit schwarzen Zahlen im Europageschäft. Bislang hatte sie dies für die Mitte des Jahrzehnts versprochen.
Auch Experten skeptisch
„Ich wäre froh, wenn man für den Rest des Jahres in Europa noch eine leichte Erholung sehen würde“, sagte Autoexperte Stefan Bratzel. Der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach rechnet damit, dass die Hersteller den Absatz weiter durch hohe Preisabschläge ankurbeln werden, um ihre Fabriken auszulasten.
Er geht davon aus, dass die Autobauer noch länger unter den Folgen der Ukraine-Krise im Russland-Geschäft zu knabbern haben. „Es ist noch überhaupt nicht abzusehen, wie lange der Vertrauensverlust in den Standort Russland anhält.“ Den Anstieg der Pkw-Neuzulassungen im September in Deutschland um fünf Prozent führte er auch auf Eigenzulassungen von Herstellern und Händlern zurück, die die Wagen anschließend mit hohen Preisnachlässen verkaufen.
Schärfere Umweltvorgaben
Winterkorn rechnet nicht damit, dass die Pkw-Nachfrage in Europa das Niveau von 15,5 Millionen Fahrzeugen von vor der Finanzkrise wieder erreichen werde. Möglich seien allenfalls bis zu 13,5 Millionen. Als Grund dafür nannte er nicht in erster Linie politische und konjunkturelle Risiken, sondern die schärferen Umweltvorgaben, durch die Autos immer teurer würden. Volkswagen zeigt in Paris seinen Bestseller Golf als Hybrid-Auto, das einen herkömmlichen Verbrennungsmotor mit einem Elektromotor kombiniert.
Auch Daimler setzt verstärkt auf diese Technik, um die neuen CO2-Vorgaben zu erfüllen. Bis 2017 will der Stuttgarter Autobauer zehn neue Hybrid-Fahrzeuge auf den Markt bringen. Reine Elektrofahrzeuge würden bislang nur zögerlich von den Kunden angenommen, sagte Konzernchef Dieter Zetsche. Ein über die Steckdose aufladbarer Hybridwagen sei daher eine gute Art, um in die Technologie einzusteigen.
Irene Preisinger und Jan Schwartz, Reuters
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