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„Für einen neuen Staat in Europa“

Im Windschatten des anstehenden Schottland-Referendums und anlässlich ihres „Nationalfeiertags“ sind am Donnerstag im Nordosten Spaniens Hunderttausende Katalanen für eine Abspaltung von Madrid auf die Straße gegangen. Die spanische Zentralregierung will eine Volksabstimmung unbedingt unterbinden, die katalanischen Separatisten wollen sich allerdings nicht so einfach geschlagen geben.

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Im Zentrum der Regionalhauptstadt versammelten sich bereits am Nachmittag Zehntausende Menschen. Nach Angaben der Veranstalter hatten sich 1,8 Millionen Katalanen zu der Massenkundgebung zum 300. „Nationalfeiertag“ („Diada Nacional de Cataluny”) ihrer Region angemeldet. Damit hätte die führende Separatistenbewegung Katalanische Nationalversammlung (ANC) den Rekord aus dem Vorjahr mit mehr als 1,6 Mio. Teilnehmern übertroffen. Die Zentralregierung in Madrid sprach indes von etwa 500.000 Demonstranten.

„Volk zum Schweigen zu bringen ist ein Fehler“

Zu Beginn der Feiern zur Diada warnte der regionale Regierungschef Artur Mas die spanische Zentralregierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy: „Ein Volk zum Schweigen zu bringen, das sich äußern möchte, ist ein Fehler.“ Der Chef des liberalen Parteienbündnisses CiU bezog sich mit dieser Aussage in seiner Ansprache auf das für den 9. November angekündigte Referendum über die Zukunft Kataloniens.

Demonstration für die Unabhängigkeit Kataloniens

APA/EPA/Alejandro Garcia

Hunderttausende forderten Recht auf Unabhängigkeitsreferendum von Madrid ein

Madrid weist Pläne für eine Volksabstimmung als illegal zurück und versichert, eine solche werde nicht stattfinden. Katalonien ist eine von insgesamt 17 autonomen Gemeinschaften (Comunidades Autonomas, CCAA) - Regionen, die schon bisher durch Autonomiestatute mit bestimmten - unterschiedlichen - Kompetenzen in der Legislative ausgestattet sind.

Schottland stimmt ab: „Warum nicht Katalonien“?

Die Unabhängigkeitsbewegung will aber mehr. In ihr rot-gelbes Farbenmeer mischten sich am Donnerstag in Barcelona blau-weiße schottische Nationalfahnen, die Parole des Tages lautete: „Jetzt ist die Zeit!“ Mas hatte am Mittwoch im Vorfeld der Großkundgebung einmal mehr die Loslösung der autonomen Region von Spanien und einen Volksentscheid dazu propagiert: „Wenn eine Nation wie Schottland wählen darf, warum nicht Katalonien?" Wenn die Katalanen über ihre Zukunft abstimmen möchten, sei es „praktisch unmöglich“, sie „auf ewig daran zu hindern“.

Demonstration für die Unabhängigkeit Kataloniens

Reuters/Albert Gea

Eine blau-weiße schottische Flagge im Meer der gelb-roten Unabhängigkeitsflaggen (Esteladas)

Der katalanische „Nationalfeiertag“ erinnert an die Niederlage gegen spanische und französische Truppen im Jahr 1714 während des spanischen Erbfolgekriegs. Das Datum wird von vielen Katalanen als Schicksalstag betrachtet, der den Verlust der eigenen Souveränität markiert. Die Region im Nordosten der iberischen Halbinsel erwirtschaftet etwa ein Fünftel des spanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Insbesondere während der schweren wirtschaftlichen Krise in Spanien wurde mehrfach der Vorwurf laut, sie würde für die Fehler der Zentralregierung zahlen müssen.

„Jetzt ist der Moment!"

Am 11. September des Vorjahres hatten nach Schätzung der Organisatoren 1,6 Millionen Katalanen eine 400 Kilometer lange Menschenkette quer durch ihre Region gebildet. Diesmal lautete der Plan, in Barcelona zwei Hauptstraßen, die Avenida Diagonal und die Gran Via, die an der Placa de les Glories zusammenlaufen und ein „V“ wie in „Votar“ („Wählen“ bzw. Abstimmen“) bzw. „Victoria“ („Sieg“) bilden, über eine Distanz von elf Kilometern komplett mit Menschen zu füllen. Der Schriftzug „Ara es L’Hora. Units per un pais nou“ („Jetzt ist der Moment. Vereint für ein neues Land“) war bei der Massendemonstration allgegenwärtig, zahlreiche Menschen trugen laut Korrespondentenberichten Trikots des Fußballklubs FC Barcelona oder hatten sich in die Estelada, die katalanische Unabhängigkeitsflagge, gehüllt.

Demonstration für die Unabhängigkeit Kataloniens

Reuters/Albert Gea

Bereits am Vorabend der Diada fanden Aufmärsche für die Unabhängigkeit statt

In Anspielung auf die katalanische Niederlage 1714 warf eine junge Katalanin, die am 9. November 16 Jahre alt wird, an der Spitze des „V" um 17.14 Uhr symbolisch einen Stimmenzettel in eine Urne. Die katalanische Regierung hatte nämlich entschieden, dass im Gegensatz zu allgemeinen Wahlen alle in der Region wohnhaften Personen ab 16 Jahren am 9. November an der Volksabstimmung teilnehmen dürfen. „Catalonia is not Spain“, stand auf Plakaten, auf anderen wurde „Freedom for Catalonia“ gefordert.

Appell an die EU

Redner, unter denen sich auch bekannte katalanische Sänger und Schauspieler wie Sergi Lopez befanden, riefen auch die EU dazu auf, zwischen der katalanischen Regierung und der spanischen Zentralregierung zu vermitteln, damit die Katalanen abstimmen können, ob sie weiterhin zu Spanien gehören oder eigenständig werden möchten. Im Gegensatz zur britischen Regierung, die in Schottland am 18. September eine solche Volksabstimmung ermöglicht hat, will Spaniens Ministerpräsident sogar vor das spanische Verfassungsgericht ziehen, um das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien zu verbieten und die Einheit des Landes zu bewahren.

Balkon mit Fahnen Kataloniens

AP/Emilio Morenatti

Häuser in Barcelona wurden mit der Estelada beflaggt

Im Gegensatz zur Unabhängigkeitsbewegung in Schottland waren es in Katalonien vor allem die Bürger, welche die Parteien und die Regionalregierung Mas’ durch Massenproteste zur Durchführung einer Volksabstimmung zwangen. Es war vor allem die Entscheidung des spanischen Verfassungsgerichts, das vor vier Jahren das von den Katalanen 2006 in einem Referendum verabschiedete Autonomiestatut nach einem Antrag der heutigen Regierungspartei von Premier Rajoy für illegal erklärte, da es Katalonien unter anderem in der Präambel als „Nation“ bezeichnete.

Die Empörung - auch unter nicht separatistischen Katalanen - war enorm und soll am 9. November in einer Abstimmung über die Loslösung von Spanien gipfeln. ANC-Vorsitzende Carme Forcadell gab sich bei der Abschlussrede optimistisch: „Heute haben wir die Straßen Barcelonas gefüllt. Am 9. November werden wir die Urnen füllen – für einen neuen Staat in Europa.“

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