Zwischen Glanz und Luftpolsterfolie
Auseinandersetzungen mit dem Kunsthistorischen Museum (KHM) Wien legen immer den Blick auf Österreich frei: Hier die ehemalige Sammlung der Habsburger, da das offizielle Österreich, das seine Staatsgäste gerne zu Kaiserkrone, Reichsinsignien und den eigentlichen Kunstwerken aus den Beständen des KHM führt.
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Dass sich der Blick auf Österreich über diese Kulturbastion fokussieren könne, erprobte Thomas Bernhard mit allen Mitteln der Überzeichnung und Zuspitzung. Freilich: Sein Blick fiel, gebrochen durch sein kompliziertes Figurendreieck Atzbacher-Reger-Irrsigler, aus dem Museum auf die Weltkomödie Österreich. Ende der 90er Jahre schien diese Weltkomödie von der Realität überholt, als im „Falter“ ein ehemaliger Museumswärter von sehr eigenwilligen Ritualen im Alltagsbetrieb des Hauses am Ring berichtete und eine Reihe an gerichtlichen Nachspielen auslöste.
Nüchterner Blick in den Bauch einer Institution
Wenn der Filmemacher Johannes Holzhausen, selbst einmal Student der Kunstgeschichte, in das KHM schaut, dann will er wertungsfrei tiefer blicken: auf die Handelnden in der Institution (mit Vorliebe auf Tätigkeiten in Tiefspeichern und Kellergewölben) und erst danach auf den symbolischen Rahmen, der sich in diesem Fall sehr schnell bis zum offiziellen Österreich spannt.

Navigator Film
Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten wurde die Eröffnung der Kunstkammer vorbereitet
In seinem Film „Das große Museum“ kann man sich ein Bild von den Reichtümern und Abgründen dieser heimischen Kulturinstitution machen, auf die aus ganz eigenwilligen Blickwinkeln geschaut wird. Beobachtend, liebevoll, vor allem aber: kommentarlos und ohne jeden pathetischen Firlefanz.
Langer Beobachtungs- und Schneideprozess
Zwei Jahre hat Holzhausen an seiner Dokumentation „Das große Museum“, an der auch der ORF im Rahmen des Film- und Fernsehabkommens beteiligt war, gearbeitet, ein Jahr als Beobachter mit der Kamera - und sehr oft sehr direkt im Alltagsbetrieb, wie KHM-Generaldirektorin Sabine Haag bei der Vorstellung des Films erinnerte; und ein Jahr im Schneideraum, um die mitunter sehr intimen Betrachtungen auf den Punkt zu bringen.
Das Museum, ein sozialer Kosmos
Der Film ist, gerade aus Sicht des Museums, ein mutiges Projekt, darf die sehr der Poetik des „Direct Cinema“ verpflichtete Doku den Menschen doch bei der Arbeit und internen Diskussionen über die Schulter schauen. Das KHM wirkt dabei zunächst auch wie ein weiter sozialer Kosmos, etwa, wenn eine Aufseherin reflektiert, dass sie bei Weihnachtsfeiern über Jahre hinweg immer nur ihre eigene Abteilung, nie aber die anderen - gemeint: höheren - Mitarbeiter des Museums kennengelernt habe. Da steht auf der anderen Seite der Abschied eines Hofrates, der im Moment, da Ehrung, Kamera- und Kollegenbeobachtung zusammenkommen, offenkundig gegen seine Gewohnheit sprachlos dasteht.
Johannes Holzhausen
Geboren 1960 in Salzburg, lebt und arbeitet als Regisseur und Autor in Wien. Mitbegründer und Gesellschafter von Navigator Film.
Deutlich macht der Film, dass ein Haus, welches das nationale Selbstverständnis zu hüten hat, zu einem Spagat gezwungen ist: hier der Glanz einer monarchischen Vergangenheit, da einer republikanischen Gegenwart - und in der Mitte der Begriff „kunsthistorisch“, der sich ja auch der Konzeption des 19. Jahrhunderts und nicht direkt der Gegenwart verdankt. Attribute wie „kaiserlich“ locken die Touristen, dienen einer sichtbaren, effektiven Neuausrichtung, stehen aber auch in Gefahr, Macht und Last des habsburgischen Erbes sehr weit in die Gegenwart zu tragen.
Kommentar via Beobachtung
Nie kommentiert der Regisseur. Die Interpretationsebene verdankt sich der Kombination von Beobachtung und quasi „belauschten“ Dialogen: Es sind immer die Mitarbeiter des Betriebs, die hier Wertungen und Überlegungen abgeben, von der Direktorin bis zum Aufsichtspersonal. Das macht den Reiz des Films aus, zwingt mitunter aber auch, sich sehr rasch durch sehr verschiedene - nicht zuletzt soziale - Welten führen zu lassen. Und nichts ist in diesen 90 Minuten irgendwie pathetisch abgefedert, etwa durch die Hereinnahme passender Musik. Die einzige Filmmusik, die hier ertönt, ergibt sich, wenn am Schauplatz musiziert wird.

Navigator Film
Restauration und Pflege von Kunst ist gleichzeitig Handwerk und Wissenschaft
Von der Baustelle zur Eröffnung
Der große Erzählrahmen ist die Restaurierung und Eröffnung der Kunstkammer. Wenn Direktorin Haag zu Beginn des Films Neil MacGregor, den Direktor des British Museum, über die Baustelle führt, dann muss sie auf das Mittel der Teichoskopie zurückgreifen: Sie kann eigentlich nichts herzeigen, muss von Vorgängen im Hintergrund berichten - und dem Gegenüber ausmalen, wie prächtig alles dereinst leuchten wird. Für den Regisseur ist das ein interessanter Kunstgriff: Mit Spannung werden die Mitarbeiter auch dabei beobachtet, ob sie die Umstellung und Neuausrichtung des Museums als Gemeinschaftsprojekt mit feinen Bruchlinien hinbekommen.
Am Ende wird die Kunstkammer fertig. Auch die Politik darf im Rahmen der Eröffnung strahlen. Wie sehr aber der politische Betrieb ein Räderwerk braucht, um nach außen im Medienbetrieb geschmiert funktionierend wirken zu können, legt dieser Film offen. Ein Herrschaftstableau wird von der Hofburg zur Restaurierung ins Museum gebracht - und am Ende wieder rücktransportiert. Mitunter ruht die Macht in der Luftpolsterfolie. Und wird sie entfaltet, dann sollte jedes Detail sitzen - und das Licht richtig darauf fallen.
Gerald Heidegger, ORF.at
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