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Wahrheitssuche in der ewigen Grauzone

Das internationale Agentenparkett ist ein sehr gefährliches - das erzählt der britische Meister des Spionageromans, John Le Carre, schon seit vielen Jahrzehnten. Einer seiner jüngsten Romane, „A Most Wanted Man“, kommt nun verfilmt von Anton Corbijn ins Kino. Der Film ist so etwas wie das Vermächtnis des im Februar verstorbenen Schauspielers Philip Seymour Hoffman, der darin als deutscher Spion Günther Bachmann zu sehen ist und noch einmal einen beeindruckenden Beweis für sein Talent lieferte.

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Es ist eine Figur, die dem Schauspieler auf tragische Weise auf den Leib geschrieben scheint - abgebrüht und an das Gute glaubend, melancholisch und doch hoffnungsvoll. Er streckt seinen Frühstückskaffee mit hartem Alkohol, verbringt Feierabend und Mittagspause in dunklen Hafenspelunken und raucht Kette. Bachmann ist von diesem Leben ganz deutlich gezeichnet, blass, müde und mit rotunterlaufenen Augen. Die Stationierung in Hamburg ist für den brillanten Spion der alten Schule so etwas wie eine Strafe.

Szene aus dem Film „A Most Wanted Man“

Senator Film Verleih

Günther Bachmann (Hoffman) und sein Team arbeiten nicht immer ganz legal

Irgendetwas ist schiefgelaufen bei seinem letzten Einsatz in Beirut, nun leitet er eine halb offizielle Anti-Terror-Einheit in Deutschland und bewegt sich dabei ständig in der rechtlichen Grauzone. Unter seiner Führung arbeitet ein junges und recht motiviertes Team, besetzt mit prominenten deutschen Schauspielerin wie Daniel Brühl und Nina Hoss.

Der Flüchtling als „Most Wanted Man“

Mit dem jungen tschetschenischen Flüchtling Issa Karpov (Grigori Dobrygin) vermuten sie einen Weg gefunden zu haben, an die großen Terrorfinanziers heranzukommen. Raffiniert instrumentalisiert Bachmann dafür nicht nur die idealistische Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) und den Bankier Tommy Brue (Willem Dafoe), sondern konstruiert ein großes Szenario, das ihm schließlich den ganz großen Coup zum Greifen nahe bringt.

Bei anderen deutschen Geheimdiensten und der CIA stoßen Bachmann und seine Kollegen aber mit ihrer geduldigen Strategie nicht gerade auf Verständnis. Sie wollen vor allem eines: schnelle Erfolge, vorzeigbare Ergebnisse. Auch wenn man damit den Kollegen die Tour vermasselt - es kämpft ja schließlich jeder für das gleiche Ziel: Die Welt „besser“ und „sicherer zu machen“.

Mit der Geschichte - auf Deutsch ist der Roman unter dem Titel „Marionetten“ erschienen - schließt Le Carre an sein frühes Werk an. Deutschland und Hamburg hätten sich als perfekter Schauplatz für den Roman angeboten, so der Autor. Das Land stehe vor der enormen Herausforderung, Millionen Ausländer zu integrieren, und Hamburg, die Stadt, in der die Terroranschläge vom 11. September 2001 geplant wurden, sei innerlich zerrissen zwischen dem Anspruch auf Weltoffenheit und konservativem Denken.

Ein Blick für Details statt lauter Action

Corbijn wirft in seinem klug konstruierten Drama einen durchaus zynischen Blick auf die komplexe Geheimdienstarbeit in der Welt nach 9/11. „A Most Wanted Man“ hat keinen Antagonisten in dem Sinn - abgesehen vielleicht vom Terror als dem Bösen an sich. Jeder Charakter ist überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen, jeder ist bereit, alles dafür zu tun, um Karpov zu finden. Wie schon in „The American“ setzt er dabei nicht auf große Action und schnelle Schnitte, sondern ganz im Gegenteil auf die Beobachtung von Details.

Szene aus dem Film „A Most Wanted Man“

Senator Film Verleih

Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) will Issa Karpov (Grigori Dobrygin) zu Asyl verhelfen - und ahnt nicht, dass sie damit selbst ins Fadenkreuz der internationalen Geheimdienste gerät

Special Effects braucht der niederländische Regisseur dabei so gut wie nicht. Und dass er vor seinem gefeierten Debütfilm „Control“, der Hommage an den Joy-Division-Sänger Ian Curtis, bereits als Starfotograf einen Namen hatte, zeigt sich auch in „A Most Wanted Man“ recht deutlich. Der Film wird dominiert von starken Farben, ruhigen Nahaufnahmen, Einstellungen aus der Vogelperspektive und dem Spiel mit der Unschärfe. In anderen Momenten wiederum verzichtet Corbijn auf aufwendige Ausleuchtung, bleibt puristisch und erzielt so den größten Effekt.

Die starke ästhetische Bildsprache harmoniert mit Le Carres akribisch recherchierten Romanen, seiner psychologischen Zeichnung der handelnden Figuren und vor allem dem klaren Bruch mit der Schwarz-Weiß-Zeichnung anderer Thriller. Die Spannung, die Corbijn so erzeugt, liegt weniger in der Handlung begründet als in den Zwischentönen. Und letztlich wird die Frage nicht sein, wer denn nun eigentlich der Terrorist ist.

Sophia Felbermair, ORF.at

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