Ein Buch über „die wahre Freiheit“
Lutz Seiler hat sieben Jahre nach dem Bachmann-Preis endlich seinen lange erwarteten ersten Roman geschrieben. Er handelt von der Insel Hiddensee zu DDR-Zeiten, einem Sammelbecken für Individualisten und einem Versuchslabor für die Freiheit.
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Die Einwohner des kargen Inselchens Hiddensee konnten nie so recht mit Autoritäten. Rügen vorgelagert, kaum mehr als 60 Kilometer von Dänemark entfernt, macht das dünne Eiland einen ephemeren Eindruck, der noch dadurch verstärkt wird, dass es von Jahr zu Jahr dünner wird, was den Gezeiten, der rauen See und dem ebensolchen Wetter geschuldet ist. Künstler und Querdenker fühlten sich von jeher angezogen.
Gerhard Hauptmann, der sich 1926 auf Hiddensee angesiedelt hatte, schrieb über seine Wahlheimat: „Wir leben hier im Augenblick. Alles Gekünstelte fällt ab. Aber eingeschläfert sind unsere Nerven darum nicht, im Gegenteil, sonderbar aufgestört.“ Mit diesem Satz ist man bereits in jene Grundstimmung versetzt, die Seiler 448 Seiten lang beschwört im Klassiker „Kruso“. Klassiker nicht nur deshalb, weil das Buch das Zeug dazu hat, später als solcher angesehen zu werden, sondern auch, weil es bewusst im Stil der Klassiker gehalten ist.

AP/Gert Eggenberger
Der Bachmann-Preisträger Seiler hat seinen ersten Roman geschrieben
Punks, Poeten, Philosophen
Seiler dekliniert die Seemanns- und Inselliteratur durch, er gibt sich stupenden Beschreibungen von Details hin wie Herman Melville in „Moby Dick“, zitiert mehrfach die „Schatzinsel“ und „Robinson Crusoe“, von Letzterem ist auch der Name der titelgebenden Hauptfigur entliehen, und sogar die Meuterei auf der Bounty wird gestreift. Schauplatz der Geschichte ist das Klausner, ein Gasthaus auf der Insel, in dem zwölf Personen beschäftigt sind. „Mannschaft“ und „Besatzung“ werden sie genannt, wie auf einem Schiff. Man schreibt das Jahr 1989 in der DDR, kurz vor der Wende.
Ed hat im Klausner angeheuert, weil er sein Leben auf dem Festland nicht mehr im Griff hatte, seit seine Freundin bei einem Straßenbahnunfall ums Leben gekommen ist. Die Crew dort setzt sich, wie der Großteil der Inselarbeiter, aus „Schiffbrüchigen“ zusammen. Philosophen, Poeten, Punks, Gescheiterte und solche, die eigentlich nur auf dem Sprung sind und die 50 Kilometer übers Meer Richtung Dänemark überwinden wollen, trotz der hohen Wahrscheinlichkeit des Ertrinkens.
Buchhinweis:
Lutz Seiler: Kruso. Suhrkamp, 484 Seiten, 23,60 Euro. Als Hörbuch von Franz Dinda gelesen, Hörbuch Hamburg, 657 Minuten, 24,99 Euro.
Rettung für die Schiffbrüchigen
Gemeinsam wird gefeiert, gesoffen und gerackert, meistens alles in einem. Wenn es im Abwasch zur Stoßzeit rundgeht und die Besatzung am Limit arbeitet, dann deklamieren sie gemeinsam Gedichte, voller Inbrunst, fast schon rasend, es ist eine Szene wie im Musical: „Warum ziehen der Mond und der Mann zu zweit so bereit nach dem Meer, so bereit nach dem Meer!“ Stimme und Gegenstimme, verteilte Rollen, im Abwasch ist die Hölle los, mit theatralischen Gesten wird das Geschirr geschrubbt. Und an der Schank streiten die Kellner lustvoll über Erkenntnistheorie.
Kruso ist der Inselpate, er führt die Saisonarbeiter an und leitet ein geheimes Programm, mit dem den Spinnern und Flüchtlingen geholfen werden soll. Wie genau diese Hilfe aussieht, wird nur angedeutet. Eine heilige Suppe gibt es und viel Zuspruch, gefeiert wird, vielleicht sogar zur Flucht verholfen. Drei Tage, verspricht Kruso, und die Schiffbrüchigen des Lebens sollen wieder an Bord gehen können.
Solidargemeinschaft der Individualisten
Das ist die Welt, in die Ed stolpert. Ed, der Literaturstudent, stülpt Georg Trakl über diese Welt, seinen Leibdichter, mit dem gemeinsam er sich in seiner Trauer um die verstorbene Freundin versenkt. Ed heuert im Klausner als Abwäscher an. Kruso wird sein Pate, sein Lehrer, es entspinnt sich zwischen den beiden eine schwierige, zugleich zärtliche Freundschaft. Ed wird teil jener insularen Solidargemeinschaft, in der jeder Individualist sein darf, ja sogar sein muss, um aufgenommen zu werden.
Das Gegenüber sind die Grenztruppen, die Stasi, die Funktionäre. Seiler wuchs selbst in der DDR auf, wo er schon als junger Mann Gedichte schrieb. Seilers Insel ist die Literatur. Da, wo die Freiheit möglich ist, die es auf dem Festland nicht gibt. Das zentrale Zitat des Buchs stammt von Kruso: „Der Keim der wahren Freiheit, Ed, gedeiht in Unfreiheit.“ Der Niedergang des Staatskommunismus zeichnet sich bereits ab. Jubelstimmung kommt dennoch nicht auf bei Kruso. Das Gesetz der Gleichmacherei durch das Gesetz des Stärkeren zu ersetzen - für ihn hieße das, vom Regen in die Traufe kommen.
Seilers Verweigerung
Aber die Geschichte, die große draußen, läuft auf eine Explosion zu, genauso wie die kleine Geschichte im Klausner, nur dass es hier eine Implosion sein wird. Seilers Sprache ist so dicht, seine Bilder sind so plastisch vor Augen, der Rhythmus seiner Worte (große Empfehlung für das Hörbuch) so eingängig, dass man das Haar in der Suppe geradezu suchen muss. Und findet: Wenn ich schon über diese Sprachmacht verfüge und über eine so grandiose Geschichte, mit einer historischen, phänomenalen Rahmenhandlung, was für ein Buch hätte das werden können ohne die eine oder andere prätentiöse Vernebelung? Wenn man sich nicht fragen muss, ob man gerade eine Metapher vor sich hat oder einen wichtigen Handlungsstrang, wenn nicht plötzlich ein toter Fuchs sprechen kann, wenn klar ist, ob gerade von der Vergangenheit oder der Gegenwart die Rede ist?
Zeitreise nach Hiddensee
Wer sich entschließt, das Buch zu lesen, dem sei eine DDR-Zeitreise nach Hiddensee empfohlen. Auf YouTube findet sich ein Video aus der Serie „Unsere DDR“ über die Insel - ein Zeitdokument, das die Schauplätze des Romans noch plastischer werden lässt. Die Dissidenten freilich muss man sich dazudenken.
Vielleicht aber wäre das Buch dann nur eines von vielen gewesen mit kleinen Sätzen zwischendurch, durch die ein Autor seinem Leser die Koordinaten in die Hand gibt, um sich in der Sprache nicht zu verirren wie in einem Wald ohne Wegweiser. Selbstredend ist es Seiler als Dichter eine persönliche Freude, so zu agieren. In einem Video wirbt er für das Buch, nennt ein paar Brocken aus der Handlung und schließt mit: „Kurz gesagt, worum es eigentlich geht, wäre noch herauszufinden.“ Damit soll nicht gesagt sein, das Buch sei sperrig - im Gegenteil. Aber es verlangt aufmerksame Leser.
Langes Warten auf ersten Roman
Seiler ist Jahrgang 1963. Seine ersten Gedichtbände erschienen Anfang der 90er Jahre. 2007 gewann er mit der Erzählung „Turksib“ über eine Bahnfahrt durch verstrahlte Sowjetlandschaften den Bachmann-Preis. Seither warteten Kritiker und Leser auf einen ersten Roman Seilers. Das Warten hat sich gelohnt. Für „Kruso“ erhielt er schon vor dem Erscheinen des Buchs den Uwe-Johnson-Literaturpreis. Es wird nicht die letzte Auszeichnung bleiben.
Simon Hadler, ORF.at
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