Mit Aleppo könnten auch Rebellen fallen
Für die syrischen Rebellen wird es zunehmend eng. Während die Truppen von Baschar al-Assad in der letzten Zeit eine Reihe an Erfolgen melden konnten, kämpft die Freie Syrische Armee (FSA) mehr und mehr ein Rückzugsgefecht. Und mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist ihnen ein weiterer gefährlicher Gegner erwachsen. Nun droht mit Aleppo eine der letzten Hochburgen der Rebellen zu fallen.
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2012 nahm die FSA gut die Hälfte Aleppos ein - die Stadt ist seitdem zwischen den Truppen Assads und den Rebellen aufgeteilt. Seit April liefern sich Regierungstruppen und Rebellen nun wieder heftige Kämpfe. Konnten die Rebellen zu Anfang Gebietsgewinne erzielen, befanden sie sich zuletzt zusehends auf dem Rückzug.

AP/SANA
Syrische Regierungstruppen blicken vom Dach eines Gefängnisses über Aleppo
Die syrischen Truppen greifen in ihrem Kampf gegen die FSA seit Beginn des Konflikts auf Unterstützung aus der Luft zurück. In Aleppo fliegt Assads Luftwaffe regelmäßig Angriffe auf die von den Aufständischen kontrollierten Gebiete. Die Rebellen werfen Assad vor, dabei auch Fassbomben einzusetzen - mit Sprengstoff und Metall gefüllte Behälter, die wie übergroße Splitterbomben funktionieren. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sollen allein in Aleppo Hunderte Menschen - darunter zahlreiche Zivilisten - durch solche Bomben ums Leben gekommen sein.
Regime will Rebellen von Nachschub abschneiden
Doch auch auf dem Boden geht die syrische Armee in Aleppo wieder verstärkt gegen die FSA vor. In den vergangenen Tagen häuften sich die Berichte über eine Offensive der Bodentruppen in der Stadt. Assads Truppen scheint es vor allem daran gelegen zu sein, den Versorgungsweg der Rebellen zur Türkei zu unterbrechen. Bis jetzt kontrolliert die FSA noch knapp mehr als die Hälfte Aleppos und - für die Rebellen von fast noch größerer Bedeutung - die Straße zur türkischen Grenze. Diese stellt für die Rebellen noch immer die bedeutendste Nachschubroute dar. Gelingt es den syrischen Truppen, diese Route zu unterbrechen, könnten sie die Rebellen in Aleppo regelrecht aushungern.
IS nimmt Aleppo ins Visier
Ihr Ziel, die FSA von der Versorgung aus der Türkei abzuschneiden, teilt die syrische Armee dabei groteskerweise mit IS und damit jener Gruppe, die sowohl die FSA als auch das syrische Regime bekämpft. Im August stießen IS-Kämpfer gezielt in das Gebiet zwischen Aleppo und der türkischen Grenze vor. Zwölf Ortschaften nördlich von Aleppo seien allein in der vergangenen Woche in die Hand der Terrorgruppe gefallen, berichtete der „Guardian“ am Mittwoch.
Das Ziel der IS-Truppen scheint klar: Aleppo. Die Einnahme der Stadt könnte IS einen entscheidenden taktischen Vorteil bringen. Mit der nordsyrischen Stadt hätte die Terrorgruppe gemeinsam mit dem syrischen Rakka und dem irakischen Mossul drei Großstädte unter ihrer Kontrolle und könnte ihre Position in der Region nachhaltig stärken.
Aleppos Schicksal entscheidend für Konflikt
Am Schicksal Aleppos könnte sich darüber hinaus die Entwicklung des gesamten syrischen Bürgerkriegs entscheiden. Fällt Aleppo, kann das auch das Ende der FSA bedeuten. Die Rebellen befürchten, dem doppelten Druck der Regierungstruppen und IS nicht länger standhalten zu können. „Wir können an zwei Fronten kämpfen, aber nicht mit den Mitteln, die wir haben“, sagte der Rebellenführer Abd al-Salam al-Hamidi am Donnerstag gegenüber dem ZDF „heute journal“. „Ohne militärische Hilfe fällt Aleppo“, und das „wäre eine Katastrophe für die Region“, so Hamidi. Dem Westen bliebe dann „nur die Wahl zwischen Assad oder IS“.
Assad als Profiteur
Eine Situation, die Assad entgegenkommen dürfte. Noch vor einem Jahr drohten die USA dem syrischen Präsidenten mit Luftschlägen, nachdem bei einem Giftgasangriff rund 1.400 Menschen ums Leben gekommen waren. Der Westen vermutete aufgrund von Indizien das Regime hinter dem Angriff, es fehlen aber bis heute die Beweise dafür. Am Ende entschied sich der Westen für den diplomatischen Weg und zwang Assad, seine Chemiewaffen herauszugeben. Seitdem hielten sich die USA ebenso wie die EU aus dem Konflikt weitgehend heraus. Mittlerweile denken die USA allerdings wieder laut über ein militärisches Eingreifen in Syrien nach - wenngleich auch nicht gegen Assad.
„Kann IS besiegt werden, ohne den Teil der Organisation in Syrien ins Visier zu nehmen? Die Antwort lautet nein“, so der Generalstabschef der US-Streitkräfte Martin Dempsey. Ein Vorgehen gegen IS in Syrien würde für die USA freilich bedeuten, sich auf die Seite Assads stellen zu müssen - jenes Machthabers, den US-Präsident Barack Obama oftmals als Kriegsverbrecher anprangerte.
Todesopfer in einem Jahr verdoppelt
Leicht dürfte den USA eine solche militärische Zusammenarbeit mit dem syrischen Regime sicherlich nicht fallen - schon gar nicht in Anbetracht der aktuellen Opferzahlen. Nach neuesten Angaben der Vereinten Nationen (UNO) kostete der Bürgerkrieg bis Ende April 2014 über 190.000 Menschen das Leben.
Damit habe sich die Zahl der Todesopfer innerhalb eines Jahres verdoppelt, sagte UNO-Hochkommissarin Navi Pillay am Freitag in Genf. Und die tatsächliche Opferzahl könnte noch deutlich höher liegen. Für die Erfassung hätten die Datenexperten der UNO nur jene berücksichtigt, bei denen eindeutig überprüfbare Angaben vorlagen. Insgesamt wären mehr als 318.000 Todesfälle berichtet worden und darüber hinaus vermutlich viele Tötungen noch gar nicht registriert, so Pillay.
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