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Obama erwartet längeren Einsatz

Die irakische Armee hat mit einer Offensive zur Vertreibung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus der Stadt Tikrit begonnen. Wie ein ranghoher Militärvertreter am Dienstag sagte, wurde der Einsatz aus der Luft von Kampfhubschraubern unterstützt. Die Militäraktion startete demnach Dienstagfrüh in der Region rund 170 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bagdad.

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Staatliche Medien meldeten, dass Regierungstruppen das Gebäude der Provinzregierung von Salaheddin zurückeroberten. Auch einige Universitätsgebäude und ein Krankenhaus wurden laut Sicherheitsbehörden unter die Kontrolle der Armee gebracht. Davor hatte es geheißen, dass der Vormarsch durch Landminen, Sprengfallen und Heckenschützen immer wieder aufgehalten wurde.

IS-Extremisten hatten Tikrit im Juni in einer Blitzoffensive erobert. In der Stadt leben besonders viele Anhänger des gestürzten langjährigen Machthabers Saddam Hussein, die sich mit den sunnitischen Extremisten verbündet haben, um gegen die von Schiiten geführte Regierung in Bagdad zu kämpfen. Mehrere Versuche des irakischen Militärs, die Stadt zurückzuerobern, scheiterten bisher.

„Werden euch alle in Blut ertränken“

Angesichts der Beteiligung der USA an dem blutigen Konflikt drohte die sunnitische Extremistenorganisation den USA massiv. Sollten IS-Kämpfer im Irak von US-Luftschlägen getroffen werden, würden US-Bürger überall ihrerseits das Ziel von Angriffen, erklärte die Miliz in einem am Montagabend veröffentlichten Video. In dem Video von IS wird laut Bericht der Nachrichtenagentur Reuters ein Foto von einem Amerikaner gezeigt, der während der US-Besetzung im Irak geköpft wurde. Auch Opfer von Scharfschützen wurden gezeigt. „Wir werden euch alle in Blut ertränken“, hieß es in einem englischen Statement in dem Video.

Die USA versuchen seit Anfang August, mit Luftschlägen gegen IS-Stellungen und -Fahrzeuge die kurdischen Streitkräfte im Nordirak im Kampf gegen die Aufständischen zu unterstützen. In den vergangenen Tagen konnten sie gemeinsam mit kurdischen Peschmerga-Milizen einen Erfolg verbuchen. Mit Hilfe von US-Luftangriffen wurde der Mossul-Staudamm zurückerobert. Er ist strategisch bedeutsam für die Trinkwasser- und Stromversorgung des Landes.

Obama: IS Bedrohung für gesamte Region

US-Präsident Barack Obama, der seinen Urlaub unterbrochen hatte, bestätigte am Montag in einer Rede zum Irak die Rückeroberung des Damms. Ungeachtet des Videos demonstrierte er Entschlossenheit im Kampf gegen die Terrormiliz. Die Gruppe stelle eine Bedrohung nicht nur für den Irak, sondern für die gesamte Region dar. Die USA würden daher an ihrer langfristigen Strategie festhalten und ihre jüngsten Einsätze fortführen. Er ließ keinen Zweifel daran, dass das US-Militär weiterhin begrenzte Aktionen ausführen werde, um US-Einrichtungen zu schützen.

US-Präsident Barack Obama

APA/AP/Charles Dharapak

US-Präsident Obama nahm am Montag Stellung zum US-Einsatz im Nordirak

Es sei im nationalen Interesse der USA, dieser „brutalen Gruppierung“ Einhalt zu gebieten. Er appellierte an die irakischen Politiker, alte Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen nicht wieder aufreißen zu lassen. Der gemeinsame Kampf von Kurden und Regierungstruppen zeige, dass beide Seiten zur Zusammenarbeit in der Lage seien.

„Wird Zeit brauchen“

Umso mehr müsse der neue Präsident Haidar al-Abadi eine Regierung aller politischen Kräfte bilden. Denn wenn man im Irak verlässliche Partner am Boden habe, dann sei auch ein schleichendes US-Engagement („Mission creep“) unwahrscheinlich. Wenn es eine glaubwürdige irakische Regierung gebe, dann sei sein Land auch bereit, sich in einer regionalen Anti-Terror-Strategie zu beteiligen.

Illusionen macht sich Obama allerdings keine. Er bereitet sich auf einen längeren Militäreinsatz gegen IS vor: „Es wird Zeit brauchen. Es sollte keinen Zweifel daran geben, dass das Militär der Vereinigten Staaten weiterhin die begrenzten Einsätze ausführen wird, die ich autorisiert habe.“ Die Regierung habe sich mit dem Kongress über die Irak-Strategie abgestimmt: „Wir schicken nicht Tausende US-Truppen zurück auf den Boden.“

Britische Jets zur Aufklärung

Weiterhin soll es also keine Bodentruppen geben, aber dennoch ein verstärktes Vorgehen gegen die sunnitische Terrormiliz. So lautet das Credo der USA und auch Großbritanniens. Neben den ausgeweiteten US-Luftschlägen seien laut britischem Verteidigungsministerium auch britische Jets im Einsatz. Deren Aufgabe beschränke sich aber auf eine Aufklärungsmission.

Britische Tornados würden dabei tief in den irakischen Luftraum eindringen, so der „Telegraph“ mit Verweis auf Verteidigungsminister Michael Fallon. Auch britische Spezialkräfte sollen sich bereits in der nordirakischen Stadt Erbil aufhalten. Der Grund laut Ministerium: Vorbereitungsmaßnahmen für etwaige Evakuierungsflüge durch ebenfalls in die Region entsandte britische Chinook-Hubschrauber.

NATO: Einsatz steht derzeit nicht zur Debatte

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte dem WDR/NDR-Studio Brüssel: "Das sind Terroristen. Die werden eine Bedrohung darstellen, und zwar nicht nur für den Irak, sondern für die ganze Welt, wenn wir deren Vormarsch nicht aufhalten." Ein NATO-Einsatz im Irak - vergleichbar dem in Afghanistan - stehe aber derzeit nicht zur Debatte.

UNHCR startet Hilfsaktion für 500.000 Iraker

Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) will neue Hilfslieferungen für rund eine halbe Million Menschen in den Nordirak bringen. Ab Mittwoch sollen für vier Tage Lufttransporte von Jordanien in die Hauptstadt des Kurdengebietes, Erbil, gestartet werden, teilte die Organisation am Dienstag mit. Weitere Lieferungen sollen innerhalb von zehn Tagen über Land oder über das Meer aus der Türkei, Dubai und erneut aus Jordanien kommen. Unter anderem erhalten die Flüchtlinge den Angaben nach 3.300 Zelte, 20.000 Plastikdecken, 18.500 Geschirrsets und 16.500 Kanister Benzin.

Laut UNHCR leben die meisten Flüchtlinge noch immer in Schulen, Moscheen, Kirchen oder auf Baustellen. Rund 1,2 Millionen Iraker sind laut den Angaben seit Anfang 2014 wegen der heftigen Kämpfe in ihrem Land und dem Vormarsch der Terrormiliz auf der Flucht.

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