Themenüberblick

Video gibt Vorwürfen offizielles Gesicht

Chris Gunness arbeitet seit Jahren als Sprecher für das UNO-Palästinenserhilfswerk (UNRWA). Bisher kannten ihn aber wohl nur jene, die sich intensiv mit dem Konflikt im Nahen Osten auseinandersetzten. Seit Mittwoch und einem emotionalen Interview hat sich das geändert.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Wer zurzeit Chris Gunness in die Suchmaske von Twitter eintippt, dem spuckt der Onlinekurznachrichtendienstes eine kaum zu überblickende Nachrichtenliste aus. Die Tweets datieren allesamt vom Donnerstag und unterscheiden sich in ihrem Inhalt nur unwesentlich. In den meisten finden sich die Worte Gaza, UNRWA und „breakdown“, und ein Großteil verlinkt auf dasselbe YouTube-Video: ein kurzer Ausschnitt vom Ende eines Interviews, das der Nachrichtensender al-Jazeera mit UNRWA-Sprecher Gunness führte.

Projektionsfläche der Verzweiflung

Nachdem sich der Moderator bei Gunness für das Interview bedankt, bringt der UNO-Mitarbeiter noch ein belegtes „My pleasure“ heraus, bevor er in Tränen ausbricht. Die Kamera schwenkt zur Seite, das Band läuft aber weiter und liefert damit jenes Material, das jetzt um die Welt geht. Seit das Video am Mittwochabend auf YouTube aufgetaucht war, wurde es bereits Tausende Male geteilt und fand seinen Weg auf Nachrichtenseiten rund um die Welt. Im Zusammenbruch des als hartgesotten geltenden UNO-Mitarbeiters scheint die globale Hilflosigkeit gegenüber dem wochenlangen offenen Konflikt die perfekte mediale Projektionsfläche gefunden zu haben.

Gunness’ emotionaler Ausbruch stand in engem Zusammenhang mit den Ereignissen des vorangegangen Morgens. Eine UNRWA-Schule, in der nach Angaben des Hilfswerks 3.300 Flüchtlinge Zuflucht gesucht hatten, wurde von Panzergranaten getroffen. 16 Menschen kamen laut UNO bei dem Angriff ums Leben. UNRWA machte in der Folge die israelische Armee für den Angriff verantwortlich und warf Israel eine Verletzung des Völkerrechts vor. Israel selbst gab an, nur auf Granatenbeschuss, der aus dem Gebiet der Schule gekommen war, reagiert zu haben.

Gunness teilte Video selbst auf Twitter

Mit dem emotionalen Video bekamen die Vorwürfe des UNO-Hilfswerks nun ein zugleich menschliches und offizielles Gesicht. Plötzlich waren es nicht mehr nur verzweifelte und wütende Palästinenser, sondern ein - zumindest halber - Brite und ehemaliger BBC-Reporter, den ob der anscheinend ausweglosen Lage die Gefühle übermannten.

Mag sein, dass sich Gunness der Symbolkraft seiner eigenen Verzweiflung schnell selbst bewusst wurde. Kurze Zeit nachdem ein Nutzer den al-Jazeera-Beitrag auf YouTube hochgeladen hatte, teilte Gunness bereits den Link auf Twitter - und löste damit erst die mediale Kettenreaktion vom Donnerstag aus.

Hilfswerk unter Druck

UNRWA kann zurzeit tatsächlich jede Unterstützung brauchen, die man bekommen kann. Je länger der aktuelle Konflikt zwischen Israel und der Hamas dauert, umso hilfloser erscheint das UNO-Hilfswerk. Laut UNRWA sind die zu Schutzquartieren umfunktionierten Schulen bereits heillos überfüllt. Zugleich wird die Lage für die Helfer selbst immer gefährlicher. In den vergangenen Tagen seien bereits acht Mitarbeiter der Organisation ums Leben gekommen, berichtete UNRWA-Präsident Pierre Krähenbühl am Donnerstag vor dem UNO-Sicherheitsrat.

Temporäre Hilfsmaßnahme

1950 gegründet, sollte UNRWA Ersthilfe für palästinensische Flüchtlinge leisten. Das Programm war anfänglich nur als temporäre Hilfsmaßnahme gedacht. Bis heute muss das Hilfswerk sein Mandat alle drei Jahre verlängern lassen.

Darüber hinaus steht UNRWA selbst unter Kritik und Rechtfertigungszwang. Nachdem etwa 2004 bekanntgeworden war, dass Hamas-Sympathisanten hohe Positionen bei UNRWA besetzen, musste der damalige Leiter Peter Hansen sein Amt zurücklegen. Aktuell steht die Hilfsorganisation erneut unter großem Rechtfertigungsdruck, nachdem in den vergangenen Tagen in UNRWA-Schulen Waffenverstecke der Hamas entdeckt wurden.

„Tiefes Gefühl der Betroffenheit“

Es ist kaum abzuschätzen, ob und inwieweit das vielfach geteilte Video Gunness’ in irgendeiner Form Einfluss auf den weiteren Konfliktverlauf nehmen kann. Als emotionale Botschaft hat es seinen Zweck freilich kaum verpasst. Jene Medien, die das Video auf ihre Seiten gestellt haben, sprechen - wie etwa der deutsche Focus Online - von einem „tiefen Gefühl der Betroffenheit“, oder - wie die „Daily Mail“ (Online-Ausgabe) - von einem „herzzerreißenden Augenblick“.

Wie stark der Gaza-Konflikt im Netz emotionalisiert, zeigt abseits aller Diskussionsforen auch der Fall jenes palästinensischen Mädchens, das seit drei Jahren aus dem Gaza-Streifen twittert und zurzeit die meisten Nachrichten mit dem Hastag #GazaUnderAttack versieht. 105.000 Menschen folgen der Sechzehnjährigen mittlerweile. Allein in den vergangenen Tagen hat sie 10.000 neue Follower dazugewonnen.

Gunness selbst sagte gegenüber dem Onlineportal BuzzFeed, es sei „wichtig, die Statistiken zu vermenschlichen und zu verstehen, dass hinter jeder Statistik ein Mensch mit Herz und Seele steht“. Am Donnerstag dürfte sein Video diese Aufgabe für einen Tag recht zufriedenstellend erfüllt haben.

Links: